Wer so viele positive Schlagzeilen "produziert" wie auf der Seite mit den Schlagzeilen zu sehen, der muß ein "ganz Großer" sein, respektive gewesen sein. Und er war es auch:

"Sissy" Siegfried Wünsche


Um es gleich vorweg zu nehmen, "Sissy" war nicht verwandt mit dem ebenfalls aus Dresden stammenden Rennfahrer Erich Wünsche. Diese Frage entstand deshalb, weil beide zur etwa gleichen Zeit auf den Rennpisten unterwegs gewesen waren.

Wie bei vielen Jugendlichen interessierte sich Siegfried mehr für Technik als für die Vorgaben seines Vaters, der Finanzbeamter war und es gerne gesehen hätte, wenn sein Sohn sich in gleicher oder ähnlicher Richtung bewegt hätte.
Klein-Siegfried hatte da andere Gedanken, er wollte schlicht und einfach Rennfahrer werden. Auch wenn sich anfänglich seine Mutter ebenfalls gegen diesen Wunsch sträubte, so gelang es Sissy doch, sie von seinem Vorhaben zu überzeugen. Nach einem ansprechenden Schulabschluß begann er nicht etwa eine übliche Lehre, sondern volontierte in verschiedenen Werkstätten. Mit älteren Maschinenmaterial absolvierte er auch einige Rennen mit achtbaren Resultaten.
Inzwischen hatte Siegfried es sogar verstanden, seinen gestrengen Vater von seinem Vorhaben als Rennfahrer zu überzeugen. Vater Wünsche, als scharfer Finanzanalytiker, meinte jetzt: entweder ganz oder garnicht. DKW hatte inzwischen für ambitionierte Privatfahrer eine Viertelliter-Rennmaschine auf den Markt gebracht. Nur woher sollten die Wünsches das Geld dazu nehmen. Jetzt war natürlich das Geschick des Finanzbeamten Wünsche gefragt. Kurz und gut, für 1935 stand eine solche Maschine "vor der Tür" und bei vier Starts - auf dem Schleizer Dreieck, beim Hochwald-Bergrennen, beim Zittauer Stadtringrennen und beim Feldbergrennen im Taunus - gelangen gleich vier Siege. Nach weiteren schönen Erfolgen wurde auch die DKW - Rennleitung auf den talentierten Sachse aufmerksam. Für 1937 kam von DKW das Angebot, eine ihrer bekannt schnellen 250er bei der legendären Tourist Trophy auf der Isle of Man zu fahren. Siegfried war begeistert und seine Eltern inzwischen sehr stolz auf ihn. Das seitens der Auto-Union entgegengebrachte Vertrauen rechtfertigte er auf Anhieb durch seinen 5. Platz in der Viertelliterklasse.

Damit hatte er endgültig den Durchbruch zur internationalen Klasse geschafft. Mit einem echten Werksvertrag für 1938 - er war damit jüngster deutscher Werksfahrer - honorierte man auf seiten der Auto-Union seine glänzenden und beständigen Leistungen. Er war nun Teamgefährte solch weltweit bekannter Fahrer wie Walfried Winkler (im rechten Foto) und Ewald Kluge.
Viele Jahre später, auf sein Verhältnis zu den damals etablierten Werksfahrerkollegen angesprochen, meinte Sissy: der Ewald (Kluge) war ein echt toller Typ und Kollege, während Walfried (Winkler) ihm gegenüber immer ein wenig arrogant daher kam". Vielleicht war das auch ein klein wenig der Ausdruck für "innerbetriebliche Konkurrenz", denn Winkler (Jahrgang 1904) fürchtete wegen seines Alters wohl doch etwas das Können und Draufgängertum des Neulings Wünsche. Fakt ist nur, dass "Sissy" es sicher nicht gewollt hätte, dass seine persönliche Meinung an die Öffentlichkeit gekommen wäre - zu groß war seine Loyalität gegenüber seinen Teamkollegen und DKW.

In der 350 ccm Klasse belegte Siegfried in seinem ersten Werksfahrerjahr gleich einen dritten Platz in der Europameisterschaft. Diese darf man mit der heutigen Weltmeisterschaft gleichsetzen, denn die Weltmeisterschaft heutiger Prägung wurde erst 1949 vom Motorradweltverband, der FIM, eingeführt. 1938 gewann "Sissy" auch noch den "Großen Bergpreis von Deutschland" Großglockner und auch noch den Großen Preis von Polen. Auch im darauffolgenden Jahr errang Siegfried den dritten Platz in der Europameisterschaft der 350er Klasse und siegte in Helsinki und beim Großen Preis der Niederlande in Assen. Dort hatte er gegenüber seinen Konkurrenten Stanley Woods, Ted Mellors und Heiner Fleischmann über eine Minute Vorsprung bis ins Ziel herausgefahren.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn unterbrach der Weltkrieg seine Karriere und es dauerte bis 1947, als er aus der Kriegsgefangenschaft zurück kam. Trotz in dieser Zeit vieler anderer Sorgen, der Rennbazillus steckte, nunmehr 31-jährig, noch immer in ihm. Eine der genannten Sorgen war, dass er von der Gefangenschaft in seine Heimat Dresden in die SBZ (sowjetisch besetzte Zone) entlassen worden war. Anfänglich ein Vorteil - er half den Besatzern beim Aufbau einiger Rennmaschinen (hört,hört!). Doch bedingt durch personelle Umstruckturierungen der Besatzer fehlten eines Tages sowohl seine "Ansprechpersonen" als auch die aufgebauten Rennmaschinen. Diese waren vermutlich im Nirwana der großen Sowjetunion verschwunden.

In dieser Situation und erneut mit Hilfe seiner Mutter, die ihre Wertsachen verkaufte, baute sich Siegfried eine alte DKW aus der Vorkriegszeit auf, wobei er von früheren Kollegen aus der DKW-Rennabteilung in Zschopau tatkräftige Unterstützung erhielt. Als die Maschine fertig war fehlte es nur noch an Rennstrecken, um das Motorrad einsetzen zu können. Im Osten war nicht damit zu rechnen, dass es bald wieder Rennsport geben würde. Also auf nach dem Westen, wo es bereits wieder Möglichkeiten zur Ausübung des Rennsports gab. Da die Grenze in jenen Tagen noch eine gewisse "Durchlässigkeit" hatte, wurde die Maschine bei Nacht und Nebel nach dem Westen geschafft, wo sie bei Kurt Kuhnke in Braunschweig "eingelagert" wurde. Kuhnke hatte auch die Nennungen für Sissy übernommen. Zwar war die Grenze, wie bereits erwähnt, noch relativ durchlässig, aber Starts im Westen nicht erlaubt. Die Besatzungsmacht hatte auch dort überall Augen und Ohren.

Um jedes Risiko möglichst auszuschalten, hatte Kuhnke für Schotten 1948 den Sissy als Stefan Wagner genannt. Ein dritter Platz war eigentlich gar kein schlechter Einstieg in die Rennszene der Nachkriegszeit. Eine Dauerlösung konnte das natürlich nicht sein. Also beschlossen Sissy und seine Frau 1949 ihr geliebtes Dresden zu verlassen und sich in Ingolstadt bei der wieder gegründeten Auto - Union, respektive DKW, niederzulassen. Dabei kamen ihm sein früherer Status als DKW - Werksfahrer und seine wieder aufgenommenen Kontakte nach Ingolstadt sehr hilfreich. Mit im "Umzugsgepäck" befand sich ein silbernes Zigarettenetui mit den Autogrammgravuren vieler seiner früheren Konkurrenten, welches er 1938 beim Hamburger Stadtparkrennen vom Veranstalter erhalten hatte. Das Etui wurde später mit den Autogrammen vieler seiner Nachkriegskollegen erweitert (Foto links).
Seine von ihm sehr verehrte Mutter folgte dem Sohn später nach, als Mama Wünsche das Rentenalter erreicht hatte und offiziell nach dem Westen ausreisen durfte. Mit dieser Hoffnung im Hinterkopf startete Siegfried in seine erste Nachkriegsmeisterschaft (in Westdeutschland hatte es bereits seit 1947 wieder Läufe um die deutsche Meisterschaft gegeben), bei der er viele seiner Vorkriegskollegen wiedersah, aber auch viele "neue Gesichter". Die erste komplette Saison 1949 zeigte, "Sissy" hatte trotz langer Rennabstinenz nichts von seinem Können eingebüßt. Nach Siegen in Freiburg, Hamburg, Hof und beim Eifelpokal erreichte er seinen ersten deutschen Meistertitel in der 350 ccm Klasse - natürlich auf einer DKW und als Privatfahrer, denn die Werke waren noch mit dem Aufbau der Motorradindustrie beschäftigt.

Das darauf folgende Jahr 1950 brachte dann wirklich ein Kuriosum. Es gab die erste und für die nächsten fünf Jahrzehnte einzige gesamtdeutsche Meisterschaft. Wie es der Name sagt, gefahren wurde sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Am Sachsenring sahen weit über 400 000 Zuschauer (nur am Rennsonntag!!!) die Rennen und auch am Schleizer Dreieck datiert der Zuschauerrekord aus dem Jahr 1950. Für Siegfried brachte diese Konstellation ein mulmiges Gefühl im Magen. Auch wenn er inzwischen einen westdeutschen Pass besaß, was würde wohl mit dem "Flüchtling" geschehen. Um es vorweg zu nehmen: es geschah nichts. Er startete zu den Rennen als Semi - Werksfahrer, soll heißen, er war Privatier mit technischer Unterstützung von DKW. Insgesamt fuhr er mit seiner DKW SS 350 sieben Siege ein und belegte in der Meisterschaft 1950, hinter dem NSU - Star der Vor- und Nachkriegszeit Heiner Fleischmann, den zweiten Meisterschaftsrang.

Ab 1951 startete Wünsche dann als echter Werksfahrer für DKW in der Viertelliterklasse. Sonderlich erfolgreich verlief für ihn die Saison nicht, aber praktisch vor den Toren seines Arbeitgebers langte es beim Donauringrennen in Ingolstadt doch zu einem ersten Platz.

Nach dem Krieg war Deutschland vom Motorradweltverband FIM von allen internationalen Aktivitäten ausgeschlossen worden. Nun, ab 1952, wurde diese Regelung endlich aufgehoben. Auch "Sissy" starte jetzt in beiden Klassen - 250 ccm und 350 ccm - im Werksteam für DKW. In der 350er Meisterschaft langte es für ihn zum fünften Rang in der Meisterschaftswertung. In Hamburg kam es dabei "zum toten Rennen" mit Teamgefährte Ewald Kluge. Beide belegten den 1. Platz. International gewann er die "Skanelappet TT" im schwedischen Kristianstad. Ein sechster Platz im Montjuich Park in Barcelona, er startete dort mit der 350er in der Halbliterklasse, rundete die Saison ab.

Siegfried war zu allen Zeiten ein Freund der Tourist Trophy auf der Isle of Man. In 1953 konnte er seine Vorliebe für diesen Kurs bestätigen. Mit der Viertelliter-DKW, von Experten als die weniger konkurrenzfähige Maschine gegenüber der 350er eingeschätzt, gelang ihm ein exzellenter dritter Platz im Feld der Weltelite. Mit dieser Maschine wurde er auch Zweiter in der Deutschen Meisterschaft. In der 350 ccm Klasse wurde er sogar erneut Deutscher Meister - sein zweiter Titel nach dem von 1949. Als Spezialist für Bergrennen gewann er auch am Schauinsland und fuhr dabei sogar die schnellste Zeit aller Klassen, vor allen Halblitermaschinen.

1954, "Sissy" war inzwischen im 38. Lebensjahr angekommen, fuhr er seine DKW in der 350 ccm Klasse beim WM - Lauf in Spa - Francorchamps auf einen Podestplatz - er wurde Dritter. Seine Vorliebe für die Strecke im schwedischen Kristianstad stellte er ebenfalls unter Beweis. Er gewann dort zum dritten mal nacheinander. 1955 war dann Wünsches letzte Saison. Zum einen waren bei DKW recht gute Leute "im Anmarsch", wobei vor allem Gustl Hobl zu nennen ist und auch Hans Bartl einiges Versprach und zum anderen war auch der Zeitpunkt gekommen, an die Zeit nach der Karriere zu denken. Es gab ja auch noch ein Leben nach der Rennerei.

Ein zweiter Rang in der deutschen Meisterschaft, ein 5. Platz beim WM - Lauf der Achtelliterklasse und beim allerletzten Rennen seiner Karriere in Kristianstad der schon fast obligatorische Sieg auf dieser Strecke. Eine tolle Rennfahrerlaufbahn hatte einen würdigen Abschluß gefunden.

Soweit man als Außenstehender überhaupt eine Beurteilung eines Menschen abgeben kann, möchte ich "Sissy" als jederzeit freundlichen und offenherzigen Menschen darstellen. Er hat jederzeit für seinen Sport gelebt und auch seinen Freunden und Anhängern das Gefühl gegeben, dass nicht nur sie Ihn verehrten, sondern auch er sie. Als er wiedereinmal seine sächsische Heimat besuchte, stattete er natürlich auch zwei seiner Anhänger in Chemnitz einen Besuch ab (Foto oben mit Frank Bischoff und dem Autor dieses Berichts). Er berichtete freimütig von seiner Zeit nach seiner Rennfahrerlaufbahn. So bedauerte er, dass er nicht auf seinen Vater gehört hatte, der ihm vor Beginn seiner Karriere dringlichst empfohlen hatte, zuerst eine "vernünftige" berufliche Ausbildung abzuschließen, ehe er sich in das Abenteuer Rennsport "stürzte". Die schulischen Leistungen dazu waren jedenfalls vorhanden gewesen. Vielmehr hätten diese sogar für ein Studium ausgereicht.

Fatal ist auch gewesen, dass er nach der Karriere nicht die ihm angebotene Stelle in Ingolstadt bei der Auto - Union angenommen hat. Seine Treue zu DKW sollte damit belohnt werden. Vielmehr wollte er - leider - eine gewisse Eigenständigkeit für sich bewahren. Falsche Freunde redeten ihm ein, er möge doch aus seinem Name Kapital schlagen. So eröffnete er am Bodensee eine Tankstelle ohne zu berücksichtigen, dass die dortigen Bewohner zum tanken viel mehr in die nahe Schweiz fuhren weil der Treibstoff dort viel billiger war. Auch eine Fahrschule - er hatte die Prüfung als Fahrlehrer problemlos bestanden - warf nicht den erhofften Gewinn ab. Genau so wenig wie ein von ihm geführtes kleines Hotel. Um nicht noch seine letzten "Spargroschen" zu verlieren, nahm er schlußendlich eine feste Anstellung an. Er fungierte als Versandleiter bei einem Kaufhaus, wo er bis zum Eintritt ins Rentenalter verblieb. Dem Rennsport konnte er zu keiner Zeit ade sagen. Wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Charakters war er auch immer gern gesehener Gast bei diversen Treffen und Feiern in der Rennszene. Eine besondere Anziehungskraft hatte für "Sissy" zu allen Zeiten die Tourist Trophy auf der Isle of Man. Nicht nur wegen seiner dort errungenen Erfolge nahm er jede Gelegenheit war, der Insel in der Irischen See einen Besuch abzustatten. Es erfüllte ihn mit Stolz, wenn er auf der Insel zu diversen Ehrenrunden, natürlich "mit seiner DKW" eingeladen wurde (siehe Foto oben). Auch zu seinen Teamkollegen August Hobl und Rudi Felgenheier pflegte er allzeit einen guten Kontakt.

Am 20. August 2000 verstarb Siegfried Wünsche im gesegneten Alter von 84 Jahren. Seine erste Frau, welche seine Rennleidenschaft immer unterstützt hatte, war schon frühzeitig verstorben, und seine zweite Frau überlebte ihren "Sissy" auch nur kurze Zeit. Seinem Wunsch entsprechend wurde seine Asche im Bodensee versenkt, allerdings auf Schweizer Seite, weil eine solche Bestattung in Deutschland noch nicht erlaubt war.

Diesen Bericht habe ich aus Anlaß seines zehnten Todestags verfasst und zum ehrenden Gedenken an einen exzellenten Rennfahrer und großartigen Menschen.

Als Quelle für diesen Bericht dienten persönliche Gespräche und Schriftverkehr mit Siegfried, das Buch von Ernst Hornickel: "Das sind unsere Rennfahrer" von 1941, das Heft "Rennfahrer und Rennmaschinen" aus dem Jahr 1953, sowie die im Top-Speed-Verlag Chemnitz erschienene und von Arne A. Jorgensen aus Dänemark verfasste Biografie: "Mein Leben für den Motorsport". Für die Bereitstellung der Fotos möchte ich mich bei den Bildautoren Werner Rehwagen, Günter Geyler und Frank Bischoff bedanken. Auch von Siegfried Wünsche hatte ich schon frühzeitig einige Fotos erhalten.
Rolf Eggersdorfer


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