Hans-Joachim Scheel

der Viertaktspezialist aus Apolda

Text und Fotos: Günter Geyler
Es war 1955 beim Leipziger Stadtparkrennen “Rund um das Scheibenholz“ (Foto links). Auf dieser ausgesprochenen „Fahrerstrecke“ führte im Lauf der 250er Soloklasse anfangs der junge, talentierte Hans-Joachim Scheel aus Apolda auf der unverkleideten Stoßstangen-AWO vor dem ehemaligen NSU-Werksfahrer Wolfgang Brand aus Hannover, der die vollverkleidete NSU-Sportmax – das Weltmeistermotorrad der Saison 1955- steuerte. Im Laufe des Rennens ging Brand in Führung, doch an seinem Hinterrad klebte Scheel. Nach Halbzeit fehlte plötzlich der AWO-Pilot: Er war in einer 90 Grad-Kurve in voller Fahrt „abgestiegen“. Scheel trug bei dem Sturz keinerlei Verletzung davon, aber von seiner AWO hatte sich die linke Fußraste verabschiedet. Jeder andere, so auch ein mancher Star von heute, hätte nach diesem Missgeschick das Rennen aufgegeben, nicht aber Hans-Joachim Scheel. Er kämpfte verbissen weiter! Den linken Fuß stellte er provisorisch auf das Auspuffrohr und fuhr mit dem unstabilen Motorrad beängstig schlenkernd durch die vielen Kurven der 4,3 Kilometer langen Piste. Mit mir zusammen waren die Zuschauer in der Waldkurve nach jeder Runde froh, wenn der Apoldaer mit der AWO, die aufgrund mangelnder Schenkelführung schwer zu bändigen war, heil durch das Kurvengeschlängel kam. Der hart erkämpfte Platz zwei hinter dem Sieger Brand war am Ende der Lohn für seinen bravourösen Einsatz (Foto rechts 1957 in Leipzig).

Schon zwei Jahre vor dem wilden Husarenritt in Leipzig begeisterte Hans-Joachim Scheel das Publikum rund um den damaligen 7,6 Kilometer langen Berg- und Talkurs in Schleiz. Bei strömenden Regen kämpfte er mit der AWO, die 1953 noch eher einem Bauernmotorrad (mit Kardanwelle und Geradweg-Hinterradfederung) als einer Rennmaschine glich, gegen den westdeutschen Spitzenfahrer Hein Thorn-Prikker. Der Westdeutsche fuhr eine ehemalige Werks-Moto Guzzi aus dem Jahr 1952. (Mit einem solchen 250er Motorrad holte sich 1952 der Italiener Enrico Lorenzetti die Weltmeisterschaft). Nach einem großartigen Kampf belegte der jugendliche Thüringer wenige Meter hinter dem erfahrenen Altmeister aus Bad Godesberg Rang zwei. Die anderen Klassefahrer aus Ost- und Westdeutschland mussten sich von den beiden Kontrahenten weit zurückliegend geschlagen geben.

Hans-Joachim Scheel 1954 mit seiner Norton auf dem Schleizer Dreieck


Diese zwei Rennen zeigen, wie Jochen Scheel fehlende Pferdestärken mit Kampfgeist und Fahrtalent auszugleichen suchte. Begonnen hat der am 23. Juni 1933 geborene ehemalige Kraftfahrzeugschlosser im Jahr 1951 als Nachwuchsfahrer auf einer 125er Tornax mit ILO-Motor. Er arbeitete in der AWO-Versuchsabteilung in Suhl und gehörte bald zur AWO-Rennmannschaft, die sich in den Jahren 1952/1953 bildete. Die meisten Erfolge dieses Teams erzielte Scheel: Durch Siege in Dresden und Rostock sowie die ersten DDR-Wertungsplätze auf dem Sachsenring und in Schleiz errang er 1954 auf der AWO seinen ersten DDR-Meistertitel in der Viertelliterklasse. Ein Jahr später bestritt Scheel als Doppelstarter seine Rennen. Er hatte sich noch eine 500er Federbett-Norton aus dem Westen Deutschlands besorgt. Nach Siegen in der DDR-Wertung in Leipzig, Halle, Schleiz und Hohenstein-Ernstthal holte er am Ende der Saison 1955 die DDR-Meisterschaft in beiden Klassen (Foto links mit der Norton 1956 in Schleiz).

Im Herbst 1955 bekam der dreimalige DDR-Meister die Chance, an einer Nachwuchsprüfung des Eisenacher AWE-Rennkollektivs teilzunehmen. Was vorher den großen deutschen Automobilrennfahrern Bernd Rosemeyer, Hermann Lang, Hermann-Paul Müller, Edgar Barth gelang, die erfolgreich vom Motorrad auf den Wagen umstiegen, sollte auch dem Apoldaer möglich sein. Leider aber überschlug sich Scheel mit dem 1500er Rennsportwagen auf der Eisenacher Autobahn. Anstelle eines Platzes im Rennauto kam aufgrund erheblicher Verletzungen für ihn nur ein Platz im Krankenhaus in Frage. Mit ärztlicher Kunst und eisernem Willen überwand Hans-Joachim diesen gravierenden Zwischenfall.
Zu Saisonbeginn 1956 stellte er sich wieder als Motorrad-Rennfahrer in den Klassen bis 250 und 500 ccm dem Starter und erkämpfte auch schöne Erfolge bei immer stärkerer Konkurrenz auf den Rennstrecken in Ost- und Westdeutschland.
Im Jahr 1957 konnte Scheel trotz seines Fahrtalents mit der AWO, später Simson, keinen Blumentopf mehr gewinnen. Die westdeutschen Privatfahrer auf NSU-Sportmax, DKW und Adler waren ihm inzwischen maschinell stark überlegen. Auch die Zweitakt-Zweizylinder MZ aus Zschopau lief dem Viertakter aus Suhl davon. Nachdem der MZ-Spitzenfahrer Horst Fügner aus Chemnitz mit der Viertelliter-Maschine beim Norisringrennen 1957 in Nürnberg stürzte und somit nicht am Sachsenringrennen teilnehmen konnte, setzte MZ-Rennchef Walter Kaaden den Viertaktspezialist Scheel auf den verwaisten Zweitakter von Fügner, doch der Thüringer bekam Schwierigkeiten mit diesem Motorrad: Vergaser-und Getriebeprobleme stellten sich ein (Foto oben rechts mit der MZ).
Noch Jahre später schimpfte er auf die Zschopauer Rennmaschine, mit der ein Jahr nach Scheels missglücktem Sachsenring-Debüt Horst Fügner den zweiten Platz in der Weltmeisterschaft erkämpfte. Mit seiner inzwischen älteren Halbliter Norton konnte Scheel nicht mehr so glänzen wie noch in den Jahren 1955 und 1956: Er war den BMW-Fahrern immer mehr unterlegen.
Ein unverschuldeter Sturz auf der Bernauer Schleife 1959, bei dem sich der Thüringer den linken Oberarm brach, beendete seine motorsportliche Karriere.
Danach widmete er sich voll dem Medizin-Studium. Im Jahr 1972 verließ Hans-Joachim Scheel Ostdeutschland... Heute lebt der Facharzt für Orthopädie Dr. med. Scheel in Warburg im Bundesland Nordrhein-Westfalen.

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