Ernst Riedelbauch

Text: Günter Geyler
Fotos: Archiv Walther, Günter Geyler

Als 1937 auf dem Schleizer Dreieck das letzte Motorradrennen vor dem Zweiten Weltkrieg lief, weilte auch Vater Riedelbauch mit seinem 15-jährigen Söhnchen Ernst unter den Zuschauern. Sie kamen aus der 50 Kilometer entfernten nordbayerischen Gemeinde Röslau-Grün und erlebten in Schleiz die Siegesfahrten von Ewald Kluge auf der 250er DKW und Heiner Fleischmann auf NSU 350 und 500 ccm, aber auch die tollkühne Fahrt des bisherigen Geländefahrers Georg Meier auf der 500er Boxer-BMW.

Ein Jahr später fuhren die beiden Nordbayern zum Europa-Meisterschaftslauf nach Hohenstein-Ernstthal. Begeistert verfolgten sie am alten Sachsenring die Rennen der allerbesten Motorrad-Rennpiloten Europas. Ernst interessierte sich vor allem für den Kurvenstil der verschiedenen Fahrer. In dem am 7. März 1922 geborenen, inzwischen 16-jährigen Knaben, erwachte der Wunsch, auch einmal Rennfahrer zu werden.

Der Zweite Weltkrieg vereitelte jedoch vorerst alle Pläne.

Als 1947 in Westdeutschland der Motorrad-Rennsport langsam wieder in Gang kam, mussten die meisten Fahrer auf frisierte Serienmotorräder der 1930er Jahre oder über den Krieg gerettete Vorkriegs-Rennmaschinen zurückgreifen. Besonders schwer hatten es die Anfänger: Ihr Kapital war lediglich ihr Idealismus! Damals gab es noch keine Sponsoren. Manch ein Motorrad-Rennfahrer stand vor der Frage: Kaufe ich mir ein neues Oberhemd oder einen Satz Zündkerzen?

Im Jahr 1950 konnte Ernst Riedelbauch endlich seinen Traum vom Rennfahren verwirklichen. Mit einer leicht veränderten 500er BMW R 51 aus dem Jahr 1936 begann er als Ausweisfahrer und nahm am Ried-Ring in Lorsch im Land Hessen erstmalig an einem Rennen teil. Der zweite Platz, den er dort belegte, ermunterte ihn zu weiteren größeren Taten. Bei folgenden Ausweisrennen im Jahr 1950 stellten sich auch die ersten Siege ein, so im nahe gelegenen Wunsiedel und auch in Hof.

In der Saison 1951 startete der Ausweisfahrer Riedelbauch in zwei Klassen mit frisierten Vorkriegsmotorrädern: in der Klasse bis 500 ccm mit der BMW R 51 und in der Viertelliterklasse mit einer BMW R 25/ 2, dem Vorgängermodell der späteren Suhler AWO 425. Innerhalb von zwei Wochen feierte der Bayer auf dem Sachsenring drei Siege: Beim internationalen Rennen gewann er in der 500er Ausweisklasse und eine Woche später auf der gleichen Piste, beim Rennen um die Chemnitzer Bezirksmeisterschaft, siegte er als Gast in der 250er und auch in der Halbliterklasse und war mit seiner „großen“ BMW schneller als der amtierende DDR-Meister Gerhard Mette aus Chemnitz, der ebenfalls eine BMW lenkte. (In diesem Rennen fuhren die Lizenzfahrer mit den Ausweisfahrern in einem Lauf zusammen). Weitere Erfolge stellten sich ein, so dass Ernst Riedelbauch ab 1952 als Lizenzfahrer seine Rennen bestritt. Von BMW erhielt er eine ehemalige 500er Werks-Rennmaschine, von der die Münchener den Kompressor amputiert hatten. Mit diesem Motorrad erlebte der gute Ernst bittere Enttäuschungen. Ab 1953 bevorzugte er wieder seine alte BMW R 51 mit Geradweg-Hinterradfederung. Für die 250er Klasse baute er sich aus einer serienmäßigen NSU-Max eine Rennmaschine auf, um wieder in zwei Klassen zu starten. Mit der 500er BMW siegte Riedelbauch auf der Chemnitzer Autobahnschere, auf der Halle-Saale-Schleife belegte er in der Halbliterklasse Platz drei, doch beim Großen Preis von Deutschland 1953 in Schotten setzte er nur noch die 250er NSU-Max ein. Auch in Dresden-Hellerau erschien der Bayer lediglich mit dem 250er Motorrad. Wenig Freude bereitete ihn dort eine Entscheidung der Dresdener Rennleitung: Sie hatte sich einen besonderen Gag (?) ausgedacht: In der 250er Lizenzklasse sollten nur die AWO-Fahrer aus der DDR unter sich sein, und der „Westmann“ musste auf der Autobahnspinne mit der Viertelliter-Maschine am Lauf der 500er Klasse teilnehmen und war somit von vornherein gehandicapt.

Nachdem Ernst Riedelbauch immer mehr erkannte, dass seine zwei bisherigen Rennmotorräder an ihren Grenzen angelangt waren, kaufte er 1954 von seinem Rivalen Hans Bartl dessen Federbett-Norton. Es gab damit Erfolge, aber leider auch Ausfälle. Zum Leipziger Stadtparkrennen reiste der Ernst aber ohne Motorrad, da dort 1954 keine 500er Solomaschinen auf dem Programm standen. Trotzdem nahm er an der Veranstaltung teil: mit seinem Porsche-Coupe 356 munterte er das Rennen der 1500er Rennsportwagen auf. In jeder Runde gab er, am Schluss des Feldes liegend, zum Gaudium der Zuschauer vor der Waldkurve Hupsignale.

Noch mitten in der 54er Saison wechselte Riedelbauch wiederum auf eine 500er BMW, eine konkurrenzfähige RS 54, mit der er bestens zurecht kam. Bald stellten sich auch wieder Siege ein, so im benachbarten Wunsiedel und auch auf dem Schleizer Dreieck.

Mit seinem eigenwilligen Fahrstil – er drückte das Motorrad in die Kurven - erkämpfte der Nordbayer im Jahr 1955 in Dieburg, Schleiz und Halle auf der 500er BMW weitere Siege. Auf dem Schleizer Dreieck verlor er bereits in der zweiten Runde seine Rennbrille, trotzdem fuhr er dort die schnellste Runde des Tages. Sein Rivale Hans-Joachim Scheel auf der Federbett-Norton zeigte dabei wahren Sportgeist: Er nutzte nicht das Handicap des führenden Konkurrenten und griff ihn nicht an!!! (So etwas klingt heute leider wie ein Märchen)! In Halle war der Rennpilot aus Röslau-Grün mit seiner RS 54 sogar noch schneller als der AWE-Werksfahrer Edgar Barth im 1500er Rennsportwagen. Zweite Plätze belegte Ernst Riedelbauch in Salzburg, Schotten, Hohenstein-Ernstthal und Hannover vorwiegend hinter dem BMW-Weltklassefahrer Walter Zeller (Foto unten 1955 am Sachsenring mit Walter Zeller) oder dem BMW-Mitstreiter Gerold Klinger aus Österreich. Am Ende der Saison 1955 lag der Ernst auf dem zweiten Platz in der Deutschen Meisterschaft hinter dem überragenden Walter Zeller.

Ein Jahr später standen für die Deutsche Meisterschaft vier Läufe (Hockenheim, Solitude, Norisring, Avus) auf dem Programm. Dabei waren die Siege des Gilera-Werksfahrers Reginald Armstrong aus Irland in Hockenheim, Stuttgart und West-Berlin für den BMW-Privatfahrer Ernst Riedelbauch uninteressant. Als wichtig erachtete er die Platzierungen der deutschen Fahrer. BMW-Werkspilot Walter Zeller musste in Hockenheim und auf der Solitude infolge Motorschadens aufgeben. Auch der private BMW-Mitstreiter Ernst Hiller erreichte in Hockenheim nicht das Ziel. So blieb für Riedelbauch nur noch der Privatfahrer Alois Huber auf BMW als Meisterschafts-Konkurrent. Nach dem Avus-Rennen stand der gute Ernst aus Nordbayern als Deutscher Meister 1956 fest. Im gleichen Jahr nahm er noch an einigen internationalen Rennen in Italien, Österreich, Jugoslawien, Holland mit wechselndem Erfolg teil. In Frankreich und Belgien warf er sein Motorrad auf den Asphalt...

Auf einer neuen BMW wollte der Meister im Jahr 1957 an die Vorjahreserfolge anknüpfen, doch mit dem Motor dieser Rennmaschine gab es wiederholt Ärger, so dass im Laufe des Jahres Rücktrittsgedanken aufkamen. Nachdem Ernst Riedelbauch auf dem Schleizer Dreieck den fürchterlichen Todessturz des Australiers Roger Barker erlebte, stand für ihn fest: Am Ende der Saison ist Schluss mit der Rennerei! Vorher begeisterte er auf dem alten Sachsenring noch einmal das Publikum: Im Schlechtwetter-Rennen, das Regenspezialist Gerold Klinger eindeutig beherrschte, zeigte der Ernst nach schlechtem Start eine tolle Aufholjagd und erreichte noch als Vierter das Ziel.

Ab 1958 widmete er sich seiner Kunststoff-Recycling-Firma im Heimatort Röslau-Grün. Anfang Juni 1997 traf ich den liebenswürdigen Rennveteran letztmalig bei einer Sachsenring-Jubiläumsveranstaltung (Foto oben links)in Hohenstein-Ernstthal. Er war bereits von seiner schlimmen Krankheit gezeichnet. Nur sechs Wochen später, am 12. Juli 1997 hatte der Krebs ihn besiegt.



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