Es gibt einfach Dinge, bei denen stellt man sofort gedanklich eine Verbindung her wenn man sie hört, sie gehören als Begriff einfach zusammen. Wenn Sie Frauenkirche hören denkt man zuerst einmal an Dresden oder bei Oktoberfest geht es gedanklich sofort nach München. Bei Karneval oder Fasching geht es gedanklich gleich nach Köln oder Mainz, obwohl doch überall "in dieser fünften Jahreszeit" - eigentlich nicht nur an diesen Tagen - die Narren unterwegs sind.

Solche gedanklichen Verbindungen gibt es natürlich auch im Sport. Ein Uwe Seeler und der HSV bilden zum Beispiel im Fußball eine Einheit, wie im Motorradrennsport der unvergessene Walter Zeller, bei dessen Namensnennung sofort der Name seiner Heimatgemeinde Hammerau in den Kopf kommt. Diese Beispiele könnte man nahezu unendlich fortsetzen. Wenn Sie Werner Haas sagen, kommt sofort die Assoziation zu NSU, usw.

In dieses Schema passt genau ein Fahrer aus den Fünfzigern, von dem hier die Rede sein soll. Eigentlich ging es in einem Gespräch um den Pharmakonzern Boehringer in Ingelheim. Als das Wort Ingelheim fiel kam sofort bei mir im Kopf die Verbindung zu

Walter Reichert


, in den fünfziger Jahren ein bekannter und erfolgreicher Motorradrennfahrer und eben aus besagtem Ingelheim. Vergessen war das Thema Pharmakonzern, denn fortan ging es im Gespräch nur noch um Motorradrennsport, mit Walter Reichert in der Hauptrolle.

Walter Reichert wurde am 26. Mai 1933 in Ingelheim geboren. Da er mit Benzingeruch aufwuchs - sein Vater betrieb in Ingelheim einen KFZ-Betrieb - war sein Beruf, KFZ-Schlosser, und sein Interesse, alles was mit Motoren zu tun hatte, praktisch vorprogrammiert. Kaum 14 Jahre alt ging ein Traum von ihm in Erfüllung, er bekam eine NSU-Quick mit knapp 3 PS Leistung und zwei Ketten - eine für Motorbetrieb und eine für Fahrradbetrieb. Für den rotblonden jungen Mann waren die 3 PS an Leistung nicht ausreichend und so suchte er natürlich nach immer mehr Leistung. Das er dabei die "Gendarmen" verärgerte, als er seine "Testfahrten" unternahm, versteht sich von selbst. Es war der Beginn einer Rennfahrerkarriere, als er 1950 erstmals in Neuwied startete. Drei Siege, auf dem Riedring, in Ingolstadt und in Frankenthal, beförderten ihn in die Lizenzklasse. Natürlich gab es auch Rückschläge, das zeigte 1951. Er mußte konstatieren, daß es im Rennsport nicht nur ein "nach oben" gibt. 1952 stellten sich mit seiner privaten Puch in der 125 cc auch einige Erfolge ein. Sowohl in Dieburg als auch in St. Wendel konnte man ihn auf der obersten Stufe des Siegerpodestes finden.

Das Talent des Ingelheimers war auch den Oberen von NSU nicht verborgen geblieben. So erhielt er für die Rennen auf den Nürnberger Norisring zwei Werksmaschinen, sowohl in der Achtelliter- als auch in der Viertelliterklasse. Zwar blieb der ganz große Erfolg vorerst aus, aber immerhin war er für 1953 wieder in den Kreis der Werksfahrer - Aspiranten aufgenommen worden.

Bei NSU hatte man nämlich zum Angriff auf die bisherige Vorherrschaft der Italiener in den beiden kleinen Klassen geblasen. Dazu bedurfte es natürlich nicht nur entsprechender Technik, sondern auch geeigneter Fahrer. Der bisherige Werksfahrer Otto Daiker (Jahrgang 1911) war da wohl nicht mehr der geeignete Mann und er selbst liebäugelte mit seinem Karriereende. Werner Haas war als Nummer 1 gesetzt und dazu kam das Talent aus Österreich, Rupert Hollaus. Mit HP Müller und Hans Baltisberger hatte man auch noch zwei erfahrene Männer verpflichtet. Und danach... Jetzt waren also die jungen Talente gefragt. Walter Reichert erhielt für Hockenheim ebenso wie für das Feldbergrennen und die Solitude Werksmaterial und wurde damit zweimal Zweiter (Feldberg - 125 cc und 250 cc Klasse) und zweimal Dritter (Hockenheim und Solitude). Die Frage war natürlich, würden diese Platzierungen ausreichen, um auch 1954 wieder mit Werksmaterial ausgestattet zu werden? Die errungene Doppelweltmeisterschaft durch Werner Haas 1953 und die Verpflichtung des Talents Hollaus aus Österreich minderten natürlich die Chancen der weiteren Nachwuchstalente auf einen Werksvertrag, zumal die Oldies Baltisberger und Müller mit ansprechenden Leistungen aufwarteten.

Offenbar war das Ende der werksseitigen Rennbeteiligung für 1955 aus den unterschiedlichsten Gründen absehbar. So entschloß man sich bei NSU, bereits 1954 eine limitierte Serie an Viertellitermaschinen für ausgewählte Fahrer herzustellen. Mit einer solchen Einzylinder-Sportmax errang (werksseitig unterstützt) HP Müller sogar den WM - Titel, nachdem der Werksrennstall nach der Doppelweltmeisterschaft 1954 aufgelöst worden war. Zu den auserwählten Fahrern für eine Sportmax gehörte neben anderen Fahrern, zum Beispiel dem Hannoveraner Wolfgang Brand und dem Freiburger Fritz Kläger auch Walter Reichert.

Allerdings war zu jener Zeit auch erkennbar, daß der Motorradboom der Nachkriegszeit am Abklingen war, was verschiedene Firmen veranlaßte, werksseitig aus dem Rennsport auszusteigen. So dominierten ab mitte der fünfziger Jahre in der Viertelliterklasse, vorerst zumindest in Deutschland, die Sportmäxe. Von dieser Maschine erschien dann auch noch eine aufgebohrte Version für die 350 cc Klasse, die den englischen Maschinen um Norton etc. zumindest das Siegen erschwerte. Auch Walter Reichert, der sich inzwischen auch eine Sportmax für die 350 cc Klasse zugelegt hatte, kam damit zu achtbaren Erfolgen. So landete er zum Beispiel auf dem Schleizer Dreieck einen Doppelsieg 1954 und 1957 gewann er die 250 cc Klasse am Sachsenring. 1960 hielt dann der Ingelheimer seine Zeit für gekommen und beendete seine rennsportliche Karriere. Sein Material übernahm ebenfalls ein Ingelheimer, Ludwig Malchus. Leider verstarb Walter Reichert bereits 1999 am 26. April im Alter von erst 66 Jahren.







Fotos: Günter Geyler zurück