Der Schreck der Mühldorfer Gendarmen

Georg "Schorsch" Meier

9.November 1910 - 19.Februar 1999

Als "Schorschl" im November 1910 als zweites von sechs Kindern des Mühldorfer Bankbeamten Meier geboren wurde ahnte wohl keiner im beschaulichen Mühldorf, welche Karriere er einmal machen würde. Als Kind einmal auf seinen späteren Berufswunsch angesprochen antwortete er spontan: Räuberhauptmann oder Polizist. Was für ein Gegensatz... Letztendlich absolvierte er aber eine Mechanikerlehre. Als sportlich interessierter Junge interessierte er sich auch für Radrennen. Dies allerdings ging ihm bald nicht mehr schnell genug. Ein motorisierter Untersatz mußte her. Jetzt wiederum stellte sich die Frage, ob sich die Mühldorfer Polizei zuerst für ihn interessiert hat, oder er sich für die Polizei?
die Jedenfalls mußte er nach dem Ende seiner Mechanikerlehre entscheiden: wie nun weiter. Da Räuberhauptmann offensichtlich keine große Zukunft versprach, erinnerte er sich seiner kindlichen Vorstellung und bewarb sich bei der Polizei. Als positiven Nebeneffekt konnte er sich nun sogar im Dienst seiner Vorliebe, den motorisierten "Zweirädrigen" widmen, wobei er sich am Geländesport beteiligte.
1932 trat er der Reichswehr bei und absolvierte eine militärische Fahrschule. Sein Fahrlehrer überraschte ihn mit seiner Bewertung: "Meier, aus ihnen wird mal nie ein Motorradfahrer werden". Wie sich doch auch Fahrlehrer irren können...

Zusammen mit seinen "Spezln" Linhard und Forstner wurde das Trio als die "drei Gußeisernen" im Geländesport bekannt (im Bild links Linhard, Meier und Forstner).

Geländefahren war ja schön, aber die Wirklichkeit liegt doch auf der Straße. So etwa mag wohl der Gedankengang von Georg Meier gewesen sein, als er im Herbst 1937 zu einem Lehrgang zwecks "Umschulung als Straßenrennfahrer" zum Schleizer Dreieck eingeladen wurde. Keine geringeren als die damaligen Asse der Szene, Karl Gall und Otto Ley betätigten sich als Fahrlehrer und Mentoren. Meier sollte vor seinen Fahrlehrern fahrend erst einmal ein paar Runden zum "eingewöhnen" drehen. Dann war es Karl Gall aber offensichtlich doch etwas zu langsam geworden. Er überholte Meier und ward nicht mehr gesehen. Welch ein Schock für den "Schorsch", der sich vornahm, am Ende der Runde sein Motorrad an der Boxe abzustellen. Als Feigling dastehen, das wollte er aber auch nicht. Also öffnete er den Gasgriff in die "richtige" Richtung und fuhr noch einige Runden. An den Boxen angekommen wurde er völlig überrascht, als man ihm mitteilte, er sei die drittbeste Zeit gefahren. Eine großartige Rennkarriere hatte gerade begonnen.

Georg Während vor 1938 der Europameister - eine Weltmeisterschaft wurde erst 1949 eingeführt - in jeweils nur einen Rennen, den Großen Preis von Europa ermittelt wurde, gab es ab 1938 eine ähnliche Wertung wie jetzt. 8 Rennen zählten für den Kampf um Europas Krone. Nunmehr als BMW-Werksfahrer gewann der "Schorsch" die Großen Preise von Belgien (Spa-Francorchamps), Holland (Assen), Deutschland (Sachsenring) und Italien (Monza). Mit 24 Punkten wurde er vor den beiden Engländern Harold Daniell und Freddie Frith, jeweils auf Norton, Europameister.
In der Mühldorfer Heimatzeitung war nun als Schlagzeile zu lesen: "Früher der Schrecken der Mühldorfer Polizei, heute der Stolz der Deutschen. So "nebenher" errang er auch noch seinen ersten von gesamt 6 Deutschen Meistertiteln.
Für 1939 waren diesmal 9 Rennen für die Europameisterschaft geplant, jedoch wegen dem Ausbruch des 2.Weltkriegs fanden bis dato nur 7 Rennen statt. Der Saisonauftakt begann für den Mühldorfer nahezu sensationell. Auf der legendären Isle of Man TT, die als die schwierigste Rennstrecke der Welt bezeichnet wurde, hatte noch nie ein Fahrer von "Übersee" die Halbliterklasse gewonnen und nach Meinung der Briten sollte das auch so bleiben. Dann aber geschah, aus Sicht der Engländer, das Unfaßbare. Georg Meier düpierte die gesamte Elite der Engländer und gewann (auf dem Foto rechts bei seiner Siegesfahrt). Ein toller Auftakt für eine mögliche Titelverteidigung. Siege in Spa/Francorchamps und Assen folgten. So nebenher hatte der BMW-Mann für die Auto-Union noch einen glänzenden 2. Platz beim Großen Preis von Frankreich erzielt. Dann erwischte es den erfolgshungrigen Schorsch beim Großen Preis von Schweden in Saxtorp. Er stürzte und erlitt neben einer Wirbelverletzung noch einen Hand- und Fußgelenkbruch. Seine Verletzungen und der ausbrechende 2. Weltkrieg beendeten vorerst seine Rennsportkarriere. Gesamtdeutsche

Nach dem Ende des Krieges erholte sich auch der Motorsport wieder. Allerdings mit Vorkriegstechnik und nur auf nationaler Ebene. Deutschland war, bis 1951, von der internationalen Bühne verbannt worden. Viele Vorkriegsasse, die die Kriegswirren halbwegs überstanden hatten, versuchten alsbald den Rennsport mit der ihnen zur Verfügung stehenden Technik fortzusetzen. Namen wie Fleischmann, HP Müller, Mansfeld, Kraus, Kluge, Wünsche, etc. tauchten in der neu entstehenden Rennszene wieder auf. Sie zeigten, Rennsport nur auf nationaler Ebene muß nicht automatisch langweilig sein. Statt in Assen, Monza oder auf der Isle of Man fuhren die Protagonisten eben in Schotten, auf dem Grenzlandring, in Hamburg, München, Hannover-Eilenriede, Nürnberg-Norisring, usw. Auch der Mühldorfer Schorsch war wieder dabei und entwickelte sich zum Seriensieger beim Titelkampf um die Deutsche Meisterschaft. Zwischen 1947 und 1950 wurde er ohne Unterbrechung Deutscher Meister in der Halbliterklasse. Kaum vorstellbar, aber 1950 gab es, trotz Georg gegensätzlicher Entwicklung der politischen Systeme in Ost und West sogar eine gesamtdeutsche Meisterschaft.

Zwar war die wirtschaftliche Situation alles andere als gut, aber die Menschen wollten schlicht und einfach wieder die Motorrad- und Autorennen sehen. Diese garantierten Abwechslung vom sonst recht grauen Alltag. Auf den beiden oberen Fotos sehen wir mit der Nummer 11 Heiner Fleischmann, Georg Meier mit der 1, Ludwig "Wiggerl" Kraus mit der 3 (ja, das ist der Kraus, der auch in der Seitenwagenklasse mit Bernhard Huser zusammen ein Top - Gespann bildete). Auf dem Foto der ersten Startreihe beim Sachsenringrennen 1950 leider nicht mehr zu sehen ist der Newcomer Walter Zeller mit seiner legendären 21. Er fuhr als einziger dieser ersten Reihe ein Motorrad mit Saugmotor. Auf dem Bild sehen wir mit der 19 Hans Meier, ein jüngerer Bruder von Schorsch. Auf dem rechten Foto oben sehen wir eine Szene vom ebenfalls gesamtdeutschen Meisterschaftslauf 1950 auf dem Schleizer Dreieck. Georg Meier rauscht hier an Massen von Besuchern vorbei. Solche Szenen gehörten in jenen Tagen zum rennsportlichen Alltag.

Während man bei der Neuausrichtung im Motorradweltverband die vorherige Europameisterschaft nun Weltmeisterschaft nannte, Deutschland, wie bereits erwähnt, bis 1951 ausgeschlossen blieb, kam auch noch für die deutschen Fahrer ein weiteres Problem hinzu. International waren seit 1949 aufgeladene Motoren verboten, in Deutschland jedoch noch erlaubt. Sollten Meier, Fleischmann und Co. wieder international aktiv werden wollen mussten einfach neue Motorrenkonzepte her. Bei BMW war dafür Walter Zeller eingestellt worden, der die Saugmotorenentwicklung vorantrieb. Es dauerte, bezogen auf den Sachsenring, bis 1955, bis Walter Zeller mit einer Saugmotorenmaschine Fleischmann´s Rekord mit der Kompressor - NSU verbesserte.

Doch zurück zu Georg Meier. So zielstrebig wie er seine rennsportliche Laufbahn aufbaute, so zielstrebig verfolgte er auch die Entwicklung einer bürgerlichen Existenz. Mit seinem Charisma und seinem Geschick, wohl auch mit der Unterstützung von BMW, baute er sich in München eine BMW-Vertretung auf die bald zu den größten im süddeutschen Raum gehören sollte. Der Name Meier zog auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Leute an. Auch sportlich war er noch nicht am Ende. Mit nunmehr über 40 Jahren wurde er 1953 zum sechsten und letzten mal Deutscher Meister in der Halbliterklasse. Seine ganze Aufmerksamkeit galt fortan dem Auf- und Ausbau seines Geschäftes. Noch 1986 schrieb er mir:"...ich stehe noch gut im Geschirr", soll heißen, er fühlt sich auch als 76-jähriger noch fit genug, um nicht im Ruhestand "zu versauern". Ein echter Schorsch Meier eben, immer energiegeladen und voller Tatendrang.
Dieser kurze Bericht soll dazu dienen, die Erinnerung an einen Großen der deutschen Rennsportgeschichte wach zu halten, der am 9. November 2010 100 Jahre alt geworden wäre...


1938

1950

mit Fleischmann 1950 am Norisring

viele Jahre später, mit "Sissy" Wünsche

Quellen Text: Das sind unsere Rennfahrer, von Ernst Hornickel - Rennfahrer und Rennmaschinen 1953
Quellen Bilder: BMW - Wünsche - Archiv Günter Geyler


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