Vergesst die alten Meister nicht

"Wiggerl" Kraus (1907 – 1987)

Text: Günter Geyler Fotos: Archiv Geyler, BMW


Am 12. März 2007 wäre er einhundert Jahre alt geworden, der oberbayerische Motorradrenn- und Geländefahrer Ludwig Kraus, bekannt unter dem Namen „Wiggerl“.

Die älteren ostdeutschen Motorsportfreunde werden sich noch an die 1950er Seitenwagen-Rennen bei den einzigen gesamtdeutschen Meisterschaftsläufen für Motorräder nach dem Zweiten Weltkrieg in Schleiz und in Hohenstein-Ernstthal erinnern: In der Klasse bis 1200 ccm fuhr unter den vielen schwarz gekleideten Akteuren ein 750er BMW-Gespann, deren Fahrer und Beifahrer mit weißen Rennpullovern (erstes Gespannfoto unten rechts) auf ihren Siegesfahrten auffielen: Es waren die Münchner BMW-Werksfahrer Ludwig Kraus und Bernhard Huser. Während nach der Siegerehrung für den „Schmiermaxen“ Huser der Renntag in Schleiz und auch in Hohenstein-Ernstthal gelaufen war, musste sich Kraus anschließend die schwarze Lederkombi anziehen, um mit der 500er Kompressor-BMW noch bei den Solomaschinen zu starten (Foto unten mit der Kompressor - Solo - BMW). Hinter den damals größten Rivalen der Halbliterklasse, Georg Meier (BMW) und Heiner Fleischmann (NSU) belegte der Wiggerl jeweils Platz drei.

Seine Stärke waren die Seitenwagen-Gespanne. Nach den Meisterschafts-Rennen auf der Eilenriede bei Hannover, in Hockenheim, auf dem Nürburgring, in Schotten, Schleiz, Hohenstein-Ernstthal, Hamburg und Nürnberg standen am Ende der Saison 1950 Ludwig Kraus und Bernhard Huser als Gesamtdeutsche Meister der Gespann-Klasse bis 1200 ccm vor weiteren vier BMW-Paaren fest.

Ab 1951 liefen in West- und Ostdeutschland getrennte Motorrad-Meisterschaften. Die oberbayerischen Werksfahrer Kraus und Huser starteten mit der Saugmotor-BMW in der Klasse bis 500 ccm und konnten alle BRD-Meisterschaftsläufe als Sieger und Deutsche Meister beenden.
Beeindruckend war ihr Rad-an-Rad-Kampf mit dem britischen Weltmeister Eric Oliver (Norton) in Hockenheim, den sie gewannen,
und der 1. Platz beim „Großen Preis von Deutschland“ auf der Stuttgarter Solitude. Ein Jahr später beteiligten sich die beiden nur an den DM-Rennen in Schotten und Hamburg, wo sie jeweils die volle Punktzahl holten, doch diese zwei Ergebnisse reichten nicht zur Meisterschaft. Den Titel holte sich der BMW-Privatfahrer Georg Eberlein, der auch die 500er Solomaschine steuerte, mit seinem Beifahrer Ernst Sauer.


Die Saison 1953 brachte dem Altmeister Ludwig Kraus mit seinem Beifahrer Bernhard Huser nochmals die Deutsche Meisterschaft, allerdings mit nur zwei Siegen – Avus und Eilenriede (kleines Foto unten links) - und weiteren vorderen Platzierungen. Inzwischen war aus dem Nachwuchsgespann Wilhelm Noll mit Fritz Cron ein ernster Rivale geworden. Die BMW-Privatfahrer Noll-Cron, die 1951 bereits auf dem Sachsenring siegten, gewannen die Rennen auf den „Fahrer-Strecken“ am Feldberg im Taunus und auf dem Nürburgring. Als dreimaliger Deutscher Meister der Seitenwagen-Gespanne beendete der Wiggerl am Ende des Jahres 1953 seine Rennfahrerkarriere.

Im Gelände steuerte Ludwig Kraus danach noch wenige Jahre das 600er BMW-Seitenwagen-Gespann. Nachdem er 1955 bei der Sechstagefahrt in Gottwaldow, in der früheren CSSR, eine Silbermedaille holte, verabschiedete er sich vom aktiven Geländesport mit einer Goldmedaille bei der Sechstagefahrt in Garmisch 1956 im Alter von 49 Jahren.
Obwohl er nun auf keiner Renn- oder Geländemaschine mehr fuhr, blieb der Wiggerl dem Motorradsport erhalten: Als Leiter des Metzeler Renndienstes und Jurymitglied der BRD betreute er bis 1973 die Geländefahrer. Ich erlebte ihn in der Zeit von 1968 bis 1972 bei den Gelände-Europameisterschaftsläufen in Zschopau. Wie ein Vater kümmerte er sich um „seine Jungens“ aus dem In- und Ausland, (zu denen auch die DDR-Fahrer gehörten), die größtenteils mit Metzeler-Reifen unterwegs waren. Mit Wut im Bauch verließ Ludwig Kraus nach der 1972er Veranstaltung das Erzgebirge, denn als BRD-Jurymitglied musste er bei der FIM das unsportliche Verhalten der Ostberliner ADMV-Oberen anprangern, weil in ihrem Auftrag den westdeutschen BMW-Fahrern Herbert Schek und Kurt Distler mit fadenscheinigen Begründungen die Startgenehmigungen für den Zschopauer EM-Lauf verweigert wurden. Außerdem hatten die roten Zoll-Bonzen der DDR seine Metzeler-Bergkalender „eingezogen“ (das war der sozialistische Sprachgebrauch für das Wort „gestohlen“).
Seit seinem vierzehnten Lebensjahr war Ludwig Kraus mit dem Hause BMW verbunden: Dorthin zog es ihn 1921 als Mechaniker-Lehrling. 1933 begann er als Beifahrer in einem BMW-Gespann seine Rennfahrerlaufbahn, um bald darauf selbst die BMW mit Seitenwagen und auch als Solomaschine – im Gelände, auf der Sandbahn, am Berg und auf der Straße – zu lenken. Von 1933 bis 1935 gehörte der Münchner bei der Internationalen Sechstagefahrt mit dem BMW-Gespann zur Deutschen Nationalmannschaft. Ab 1938 fuhr der Wiggerl als BMW-Werksfahrer, allerdings im Schatten von Georg Meier. Er landete größtenteils auf dem zweiten Soloplatz in der Halbliterklasse. Trotzdem erkämpfte er sich 1939 in der Deutschen Straßenmeisterschaft seinen einzigen Solo-Titel. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Kraus 1948 wieder als Privatfahrer auf der 500er BMW. Seine größten Renn-Erfolge feierte der Altmeister ab 1950 als BMW-Werkspilot, überwiegend mit dem Seitenwagen-Gespann.
Nach seiner Pensionierung verband ihn weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Sportkameraden und ganz besonders zu seinem jüngeren großartigen Beifahrer der 1950er Jahre, Bernhard Huser. Am 3. November 1987 verstarb der Motorrad-Allround-Sportler Wiggerl Kraus in seiner oberbayerischen Heimat im Alter von achtzig Jahren.

zurück