vor dem Start

als Schrittmacher (im Bild unten) auf der Chemnitzer Zementbahn

auf dem Weg zur DDR-Meisterschaft 1952

auf der 250er AWO 1954

sein letzter NSU-Motor

als Pilot im Zweierbob


Vergesst die alten Meister nicht

Karl-Heinz Kirchner – ein Geschwindigkeits-Fanatiker
(1918 – 1991)


Text: Günter Geyler - Fotos: Geyler (3), Archiv


In der Vergangenheit gab es nicht sehr viele Motorrad-Rennfahrer, die sich noch in anderen Sportarten aktiv betätigten. Ein Motorsportler, in dessen Leben die Geschwindigkeit dominierte, war der am 1. Juni 1918 geborene Erfurter Karl-Heinz Kirchner. Er begann vor dem Zweiten Weltkrieg als Radrennfahrer und erzielte gute Platzierungen bei den deutschen Radsportmeisterschaften. Der Radsport und die Zementbahnen ließen den Thüringer auch nach dem Krieg nicht los: Allerdings donnerte er bei den Steherrennen nicht mehr als Radrennfahrer, sondern als Schrittmacher mit einem schweren Spezial-Motorrad vor dem jeweiligen Radsportler um die Bahn.

Sein erstes Motorradrennen fuhr der Neuling Karl-Heinz Kirchner 1948 in Wittenberg und landete dabei auf Platz zwei. Mit seinem 250er Motorrad – einer frisierten Vorkriegs-NSU – war er in Dessau als Ausweisfahrer schneller als die Lizenzfahrer der Viertelliterklasse. Nicht nur auf der Straße und im Zement-Oval, auch auf der Grasbahn des Teterower Bergrings ging er an den Start. Dort war er 1949 bester Ausweisfahrer. Beim Schleizer Dreieck-Rennen 1949 erlebte der Erfurter seinen wohl schwersten Sturz: Mit Schädelbasis- und Kieferbruch schwebte er wochenlang im Schleizer Krankenhaus in Lebensgefahr.

Bis zum Frühjahr des Jahres 1950 erholte sich der Erfurter von seinen schweren Sturzverletzungen, so dass er bei der traditionellen Juni-Veranstaltung auf dem Teterower Bergring , jetzt als Lizenzfahrer, die Rennen der Klassen bis 125 und 250 ccm gewann. Weitere Erfolge auf den Straßen-Rennstrecken der damaligen DDR - Sternberg, Leipziger Stadtpark, Dresden-Hellerau, Schleiz - und auf der Erfurter Zementbahn kamen in den folgenden Jahren hinzu. 1952 erkämpfte Karl-Heinz Kirchner auf seiner 250er NSU die DDR-Meisterschaft.

Noch vor dem Beginn der Rennsaison 1953 beschaffte sich der ostdeutsche Meister den Motor einer 250er NSU-Max aus dem Westen Deutschlands und entlockte ihn 23 PS bei 8300 U/min. Das Triebwerk mit der Schubstangen-Steuerung für die obenliegende Nockenwelle setzte er in einen selbstgefertigten Schwingrahmen. Mit diesem Motorrad erzielte Kirchner bei den wirklich gut besetzten ostdeutschen Rennen, bei denen lediglich die Werksfahrer von BMW, DKW und NSU fehlten, größtenteils vordere Plätze.

Mitte November 1953 lief in Erfurt ein Zementbahnrennen. Dort war auch Karl-Heinz Kirchner als Teilnehmer angekündigt, doch dem fehlte dazu eine Rennmaschine! Im Fahrerlager traf der Erfurter den Chemnitzer Andreas Ellmann, und der lieh ihn für zwei der vier Läufe seinen 125er Eigenbau-Renner.Auf diesem ungewohnten Fahrzeug holte er zwei Siege.
Eine Glanzleisung zeigte der Thüringer 1954 beim Leipziger Stadtparkrennen: Nachdem er im Lauf der 250er Klasse eine AWO steuerte und anfangs mit den Eigenheiten dieses Motorrads noch durch kleinere Schwierigkeiten am Start anderthalb Minuten verlor und bei seiner Aufholjagd trotz schneller Runden die Spitze nicht mehr ganz erreichen konnte, startete er an diesem Tag noch mit seiner 250er NSU im Rennen der 350er Klasse. Seine Rivalen fuhren auf AJS, Horex, Norton und Velocette. Bald arbeitete sich Kirchner aus dem Mittelfeld vor, zeigte in den Kurven beängstigende Schräglagen, hängte sich im Windschatten an die Konkurrenz und übernahm unter dem Jubel der Massen die Führung. Mit einer Minute Vorsprung vor den Gegnern, die echte 350er Maschinen fuhren, raste er über die Ziellinie! So richtig glücklich wurde der Erfurter mit der AWO nicht: Recht bald fuhr er wieder nur noch auf seiner 250er NSU. Mit diesem Motorrad ging er – allerdings ohne den Segen der Ostberliner Sportführung – beim Frühjahrsrennen 1955 in Hockenheim an den Start. Die bornierten roten Motorsportfunktionäre reagierten danach recht sauer: Der „Sünder“ bekam ein halbes Jahr Sperre!!! Somit war die Saison 1955 gelaufen!

Nach diesem Schand-Urteil glänzte der beim Publikum beliebte NSU-Mann im Jahr 1956 auf den ostdeutschen Rennstrecken in Halle, Hohenstein-Ernstthal und Dessau als jeweils bester DDR-Fahrer der 250er Klasse. Am Ende der Saison war er wieder DDR-Meister, diesmal vor der Meute der AWO-Fahrer. Beim 1957er Auftaktrennen in Wismar besiegte der schnelle Karl-Heinz nicht nur seine ostdeutschen Rivalen, sondern auch den „Westmann“ Michael Schneider, der ebenfalls eine NSU steuerte. Eine Woche später stürzte Kirchner in St. Wendel so schwer, dass er seine langjährige Rennfahrer-Laufbahn beenden musste.

Keinesfalls sollen die winterlichen Aktivitäten des Geschwindigkeits-Fanatikers Kirchner vergessen werden: Auch in der kalten Jahreszeit ließ ihn der Tempo-Rausch nicht los. Im Bob erkämpfte er 1951 und 1953 die DDR-Meisterschaft.

Nach dem fürchterlichen Unfall in St. Wendel im Frühjahr 1957 führte der inzwischen gehbehinderte Karl-Heinz Kirchner in Erfurt seine VW-und Skoda-Werkstatt.

Im Alter von 72 Jahren verstarb der einstige Motorrad- und Bob-Sportler am 22. März 1991 in seiner Thüringer Heimat.



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