Lange habe ich überlegt, warum ich so versessen darauf bin (nach diesem Bericht muß es nunmehr heißen: versessen war), einen bestimmten Fahrer der Vorkriegszeit auf meiner Webseite vorzustellen. Er hatte nie den Bekanntheitsgrad eines Ewald Kluge, Georg Meier oder Siegfried Wünsche. Er tauchte auch in keiner Berichterstattung, wie zum Beispiel die vorher genannten Fahrer, der Nachkriegszeit auf. Da erhielt ich neulich einen Anruf eines aus Limbach-Oberfrohna stammenden und jetzt in Sindelfingen arbeitenden Mannes, der mich fragte, ob ich mehr über Walter Hammelehle wüsste. In Sindelfingen, der Stadt die in allen Rennprogrammen der Vorkriegszeit als sein Wohnort aufgeführt ist, konnte er absolut keine Auskünfte über eben jenen Mann erhalten, der zweifelsohne in den letzten Vorkriegsjahren zu den besten deutschen Motorradrennfahrern gehörte. Im Foto links und unten rechts sehen wir ihn 1939 am Sachsenring mit der Nummer 36 im Duell mit Siegfried Wünsche mit der Nummer 35 und dahinter mit der Nummer 34 Heiner Fleischmann. Hamelehle im Porträt
Nachdem ich innerlich ohnehin schon länger den Wunsch hatte, über diesen Fahrer einen kleinen Bericht zu verfassen, gab der erwähnte Anruf den letzten Anstoß, diesbezüglich ein paar Recherchen zu beginnen. Gleich bei den ersten "Suchaktionen" konnte ich feststellen: "man, der hatte ja am gleichen Tag Geburtstag wie dein verstorbener Vater", was mich in meinem Eifer, die Geschichte über

Walter Hammelehle



nun endlich in Angriff zu nehmen, natürlich bestärkte.

Walter Hammelehle wurde am 21. Oktober 1912 in Stuttgart geboren. Nach seiner Schulzeit erlernte er den Beruf eines Bauklempners. Er arbeitete in den Mercedes-Benz Karosseriewerken in Sindelfingen. Da es ihm die schnellen Zweiräder angetan hatten stand für ihn fest: ein Teil des Lohnes wird beiseite gelegt, um alsbald zu einer Rennmaschine zu gelangen. 1934, in seinem ersten Rennen als Ausweisfahrer, mußte er, an zweiter Stelle liegend, auch gleich Bekanntschaft mit dem Straßengraben machen. Das dämpfte zwar etwas seinen jugendlichen Übermut, doch sein Entschluß, Rennfahrer werden zu wollen, stand nun einmal fest und wurde durchgezogen. So gelang ihm noch im gleichen Jahr, auf der Solitude, sein erster Sieg: als Ausweisfahrer. Durch verschiedene Siege und gute Platzierungen, unmittelbar hinter den Werksfahrern, wurde DKW auf den schnellen Mann aufmerksam und er erhielt 1937 einen Werksvertrag. Damit hatte seine vorher benutzte Norton ausgedient. Verständlich also sein freundliches Lachen auf dem rechten Foto. Allerdings verlief die Umstellung von der Norton zur DKW nicht immer ganz reibungslos. Erstens fehlte bei der DKW die vom Viertakter her gewohnte Bremswirkung des Motors und zweitens hatte die wassergekühlte DKW auch ein größeres Gewicht, was beim Abwinkeln der Maschine ein andees Fahrverhalten als mit der Norton erforderte. Das bekam er 1938 beim "Großen Preis von Europa" auf dem Sachsenring zu spüren, als ihm nach bravouröser Fahrt in einer leicht aufgeweichten Kurve das Hinterrad wegrutschte. Fleißige Helfer zogen Hammelehle unter seiner Maschine hervor, wo Ärzte leider eine schmerzhafte Fußverletzung diagnostizierten. Das bedeutete das vorzeitige Ende der Saison für ihn.

Ein Jahr später zeigte sich Hammelehle am Sachsenring aber unbeeindruckt von seinem Sturz aus dem Jahr vorher. Er gewann in meisterlicher Manier die Klasse E bis 350 cc (beide Fotos unten), dabei die gesamte Elite dieser Klasse auf ihren englischen Velocettes besiegend. Es war der einzige deutsche Sieg im letzten Rennen vor dem Krieg auf dem legendären Sachsenring.

©: beide Fotos oben von Motorradrennsportarchiv Jordan
Walter Hammelehle erzählt...

...aus zwei Wracks eine Rennmaschine...!


Wie schon so oft steht mein Mercedes 170 V, in dem sich fein eingepackt meine Norton-Rennmaschine und eine Handvoll Ersatzteile befindet, startbereit in Sindelfingen vor meiner Wohnung. Diesmal geht es zum erstenmal zur Holländischen TT nach Assen. Dieses Rennen wird immer Samstags ausgetragen. Für den darauffolgenden Sonntag war ich dann zu einem Bergrennen an der Pforte des Schwarzwalds eingeladen und beabsichtigte, nach Möglichkeit auch dieses Rennen zu bestreiten, obwohl es nur unter besonders günstigen Umständen möglich sein konnte.

Das Training in Holland verlief ohne Zwischenfall, und ich war mit meiner Trainingszeit sehr zufrieden. Am Samstag Punkt 13.00 Uhr starteten wir, also die 350 cc Klasse. Die Norton-Werksfahrer Frith und White gehen in Führung, an dritter Stelle liegt Mellors auf Velocette und an vierter Stelle ich. Mellors blieb ich dicht auf den Fersen, konnte aber nicht an ihm vorbei und fuhr bis zur elften Runde an seinem Hinterrad. Nun merkte ich, daß er an einer Kurve, die man bei richtigem Anschneiden voll durchfahren konnte, etwas Gas wegnahm. Diese Gelegenheit wollte ich mir zunutze machen und setzte dort zum Überholen an. In diesem Augenblick sehe ich im Auslauf der Kurve eine Öllache einige Meter vor meinem Vorderrad. Ich drücke meine Maschine etwas stärker, aber es reichte nicht mehr... Vorn und hinten "schmierte" ich weg und mit ehrlichen 150 Sachen flog meine Norton mit mir ins Ackerfeld. Der Vorfall spielte sich in Bruchteilen einer Sekunde ab. Ich konnte sofort aufstehen und stellte fest, daß meine Knochen alle heil sind, nur an beiden Händen hatte ich starke Schürfungen und Brandblasen. Über das Aussehen meiner schönen Norton war ich nicht erfreut, die war böse zugerichtet, aber bei genauer Untersuchung in der Hauptsache nur äußerlich. Die holländische TT 1937 war nun auf diese bittere Art für mich erledigt. Der vierte Platz in diesem international erstrangigen Rennen, also die beste Position eines Privatfahrers, wäre mir ganz sicher gewesen. Hätte ich Mellors abfangen können, hätte es wohl sogar zum dritten gereicht. Morgen bestanden für mich in Deutschland bei dem nationalen Bergrennen im Schwarzwald beste Siegesaussichten und nun ist meine Maschine demoliert! Ich war untröstlich. Mit wenig schönen Gefühlen schob ich meine Maschine zum Ziel.

Dort stand schon mein Landsmann Rudi Meier aus Mannheim, der ebenfalls Norton fuhr und mir jetzt geknickt erzählte, daß bei ihm das Kurbelgehäuse in Trümmer gegangen sei. Nachdenklich betrachten wir unsere Schäden, als mir urplötzlich ein Licht aufging. Aus diesen zwei Wracks, die da melancholisch vor uns standen, konnte man ja wieder eine brauchbare Rennmaschine zusammenbauen. Ich bat meinen Landsmann, mir die Teile seiner Norton, welche von dem Sturz an meiner Maschine beschädigt waren, ausbauen zu dürfen - und Rudi Meier, ein prächtiger Kamerad, war sofort dazu bereit. Mit fliegenden Händen wurde jetzt gearbeitet und nach Stunden konnte ich die "neue" Norton in den fahrbaren Stall schieben.

Es war inzwischen dunkel geworden und die Fahrt von Assen nach Pforzheim gehörte angesichts meiner durchgerutschten Hände und einiger Brandblasen nicht zu den angenehmen Dingen. Dabei galt es, aus dem Zugwagen herauszuholen was drinnen war. Kein Schlaf auf der langen Strecke den Rhein entlang, kein Schlaf auf der Autobahn, über der schon der Morgen graute. Kurz vor dem Start kam ich im Fahrerlager an. Man kann sich denken, daß die Konkurrenz nicht gerade sehr erfreut war und reichlich lange Gesichter machte. Ein Protest folgte auf dem Fuße mit der Begründung, daß ich nicht trainiert hätte. Doch die Rennleitung ließ mich zum Start zu, da ich bereits Wochen vorher von dem Veranstalter zur Begutachtung eingeladen worden war. Die Zeit rinnt; noch 15 Minuten bis zum Start! Irgendwo steht ein Schuppen offen, in den ich schnell hineinspringe, um mein Lederzeug überzuziehen. Einige Zuschauer habe ich bei dieser Arbeit dulden müssen. Das war der Grund dafür, daß man nachher sagte, der Sieger der 350er Klasse sei vor dem Rennen im Hemd gesehen worden.

Als ich dann mit meiner Maschine am Start stand, war ich nicht gerade voller Siegeszuversicht. Schließlich war ich diese Strecke noch nie im Renntempo durchgefahren und wollte mich doch bei dieser nur nationalen Veranstaltung nicht anstreichen lassen. Gleich bei der ersten Spitzkehre nahm ich viel zu früh Gas weg, da ich sie 100 Meter vorher vermutete. Dann aber klappte dieser Bergspurt famos. Ich ging durch die Kurven, daß es gerade noch reichte und konnte es oben kaum erwarten, bis die Zeit bekannt gegeben wurde. Diesmal war ich Schnellster meiner Klasse am Berg. Vor 18 Stunden unten in Holland war ich nur Schnellster im Sturz gewesen...

Aus: "Das sind unsere Rennfahrer", von Ernst Hornickel, 1941
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Walter Hammelehle eröffnete nach Kriegsbeginn in seiner Wahlheimatstadt Metzingen eine Tankstelle mit Autoreparaturwerkstatt. Er war stolzer Vater zweier Mädchen (Zwillinge) und erlag, noch nicht einmal 34-jährig, am 11.August 1946 einem Krebsleiden.
Mit meinem Bericht möchte ich dazu beitragen, daß er, nicht nur bei den Rennsportfreunden, unvergessen bleiben möge.
Bei meinen Recherchen bin ich auch auf eine kleine "Ungereimtheit" gestoßen. Es geht um die Schreibweise des Familienamens Ham(m)elehle. Generell gibt es sowohl die Ausführung mit einem "m" als auch mit zwei "m". Im Personenstandsarchiv ist er mit zwei "m" eingetragen. In allen mir vorliegenden Publikationen wird er aber nur mit einen "m" geschrieben. Auch bin ich im Besitz einer Autogrammkarte, wo er selbst seinen Name mit einen "m" geschrieben hat, was natürlich ein eindeutiger Beweis für die korrekte Schreibweise wäre. Allerdings kann ich nicht ganz ausschließen, daß es sich hierbei um eine Fälschung handelt. Auch die Schreibweise aller Publikationen mit nur einem "m" ist keine Garantie für die Richtigkeit. Da könnte einmal der Name fehlerhaft geschrieben worden sein und alles "kupfert" das falsch ab. Ein Beispiel dazu: das Geburtsdatum des legendären Rudi Felgenheier wurde in einer Publikation (aus welchen Gründen auch immer) einmal mit 23.November angegeben. Alles hat "abgekupfert" und künftig stand fast überall dieser Tag. Im persönlichen Gespräch stellte er mir gegenüber dann das richtig: es war der 23.Dezember. Gleiches könnte aber auch im Personenstandsarchiv passiert sein, wie ich aus eigener Anschauung kenne. Ein Onkel von mir schrieb sich mit "t" statt "d" im Familienname und war auch so fehlerhaft im Amt eingetragen. Man bedenke, das war vor etwa 100 Jahren und wurde meist handschriftlich eingetragen...
Meine Hoffnung - vielleicht liest ja ein Verwandter von Walter Hammelehle diesen Bericht im Internet und kann mich aufklären...!?

Erst einmal vielen herzlichen Dank an die Familie Hammelehle für die Aufklärung über die korrekte Schreibweise des Namens. Damit läßt sich aber auch veranschaulichen, wie es doch bei diversen Recherchen immer wieder zu Fehlern, speziell bei der Schreibweise von Namen, kommen kann.
Der Ursprung liegt wohl in der früher gebräuchlichen Sütterlinschrift, wofür wir als Kinder den Begriff "deutsche oder altdeutsche Schrift" gebraucht haben. Im Gegensatz dazu gibt es heute das "lateinische Schriftbild". Neben den unterschiedlichen Schriftbildern kommt erschwerend hinzu, daß man üblicherweise alles mit der Hand geschrieben hat, also ohne technische Hilfsmittel wie Schreibmaschine oder PC-Tastatur. Die Handschrift barg natürlich eine zusätzliche Fehlerquelle von Unleserlichkeit in sich. Vermutlich ist es deshalb zu differenten Schreibweisen der Namen gekommen.
Betreffend Walter Hammelehle sind folgende Schreibweisen bekannt:
mit doppelten m - internationaler Führerschein (1938), Heiratsurkunde von Vater Karl (1938)
mit Überstrich über m - Personalausweis (1930), Wehrpass (1939, Name der Eltern mit Überstrich über m), Pfarramt (1939, Trauung und Taufe der Zwillingstöchter) in der Sütterlinschrift schrieb man z.B. statt des doppelten m ein m mit Überstrich, was so viel wie mm bedeutete.
die ganz "normale" Schreibweise gab es beim Zeugnis der Gewerbeschule (1929), Zeugnis der Gesellenprüfung (1929), im Arbeitsbuch (1935), beim Zeugnis der Meisterprüfung (1938), auf der Handwerkskarte als KFZ-Meister (1939), auf dem Jagdschein (1942), dem Schwerkriegsbeschädigtenausweis (1944), Autogrammkarten, Buchunterschrift und dem offiziellen Briefpapier der Werkstatt Hamelehle.
Das mm oder m mit Überstrich ist also (wohl aus Vereinfachungsgründen) immer mehr dem einfachen m gewichen. Ich schreibe das auch, um den Besuchern meiner Webseite klar zu machen, wie schwierig es doch manchmal ist, immer korrekt zu sein.



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