Als Sieger auf dem Nürburgring 1955

1954 auf dem Sachsenring

mit der vollverkleideten 250er IFA beim Eifelrennen 1955

Rückkehr nach dem Rennen 1958

über Kopfsteinpflaster mit der IFA 1954 am Sachsenring

Horst Fügner

Text und Fotos: Günter Geyler
mit großem Interview am Ende

Horst Im Alter von 27 Jahren baute sich der am 11. März 1923 geborene Chemnitzer Horst Fügner in mühevoller Arbeit eine 125er Rennmaschine aus Teilen einer DKW RT zusammen. Erste Erprobungsfahrten unternahm der gelernte Mechaniker auf einer Seitenstraße in Chemnitz zum Ärger der vom Lärm aufgeschreckten „Laubenbieber“!
Gleich bei seinem allerersten Start Ende 1950 in Dessau belegte Horst als Ausweisfahrer den zweiten Platz. Sein Fahrstil – er drückte sein Motorrad gekonnt in die Kurven, während dabei sein Oberkörper nahezu einen rechten Winkel zur Fahrbahn bildete – fiel recht bald dem Versuchs-Chef des IFA Motorradwerkes Zschopau auf, und der Chemnitzer bekam von dort Unterstützung. Auf dem alten Sachsenring zeigte Fügner 1952 als Lizenzfahrer im Lauf der 125er seine fahrerische Klasse: Hinter den Westdeutschen Hermann-Paul Müller und Karl Lottes (beide auf Mondial) belegte der IFA-Mann den dritten Platz und lag damit vor seinen Zschopauer Mitstreitern Erhard Krumpholz und Siegfried Haase.
Ein Jahr später lachte dem Horst bereits zwei Mal die Sonne: Mit der neuen 125er Drehschieber-IFA siegte er in Stralsund vor dem früheren DKW-Werksfahrer Bernhard Petruschke (ebenfalls IFA), und auf dem Sachsenring zeigte er wiederum dem „Petrus“ die Auspuffrohre seiner Maschine.
Als wir Chemnitzer Rennsportfans von der Sektion Motor IFA im Mai 1954 zum Internationalen Motorradrennen nach Hockenheim reisten, wollte ich dort die hochkarätigen Rennen erleben, aber auch die Weltklassefahrer fotografieren. Allerdings war das von den normalen Zuschauer-Plätzen kaum möglich. Im Fahrerlager half mir mein Motorsportfreund und Landsmann Horst Fügner mit seiner „Helfer- Armbinde“ aus der Not. Damit konnte ich im Fahrerlager, bei Start und Ziel und auch im Innenring meine Fotos anfertigen. Für diese Hilfe bin ich dem Horst noch heute dankbar!
Im Lauf der 125er Klasse dominierten die verkleideten NSU-Rennföxe mit Werner Haas, Hans Baltisberger, H.-P. Müller und Rupert Hollaus. Leider erreichte der gute Horst aus Chemnitz mit der Zschopauer Drehschieber-IFA auf dieser Hochgeschwindigkeits-Piste nicht das Ziel.Auf dem alten Nürburgring belegte Fügner hinter den 4 NSU-Werksfahrern den 5. Platz. Nach dem Zieleinlauf befragte ihn der Rennleiter, ob er selbst an seiner IFA schraubte. Als der Chemnitzer das bejahte, bekam er den Sieg in der Privatfahrer-Wertung zugesprochen. Nachdem der Horst beim DDR-Meisterschaftslauf in Rostock den Lauf der 125er Klasse vor dem Ostberliner Bernhard Petruschke gewann, folgte am Feldberg im Taunus sein erster „Westsieg“ vor dem westdeutschen Dauer-Rivalen Karl Lottes, der privat eine vom Werk unterstützte MV Agusta steuerte. Eine Woche danach lief auf Deutschlands einst idealster Motorradrennstrecke, der Stuttgarter Solitude, der deutsche Weltmeisterschaftslauf. Favorisiert waren bei den Achtelliter-Maschinen die überlegenen Viertakter von NSU und MV Agusta. Im Ziel lag Horst Fügner mit seinem Zschopauer Zweitakter auf Platz acht.
Auf der Halle-Saale-Schleife siegte dann der Chemnitzer vor seinen Zschopauer Stallgefährten Erhard Krumpholz und Siegfried Haase. Beim größten DDR-Rennen auf dem alten Sachsenring kämpften Fügner und Petruschke um die Führung. Eine Runde vor Schluss streikte Fügners Motor. Als er im Ziel einlief, fragte ihn der bekannte Rundfunk-Reporter Hubert Schmidt-Gigo: „Horst, was war denn?“ Trotz seines Ausfalls verlor der Unglücksrabe den Humor nicht und nahm den rasenden Reporter mit seiner Erklärung „Ventilschaden“ auf „die Schippe“. Gigo verstand diesen Spaß, nicht aber ein Zeitungsreporter der Chemnitzer „Volksstimme“. In seinem Rennbericht teilte dieser Schlaumeier dann den Lesern mit, dass Horst Fügner das Sachsenringrennen vorzeitig mit Ventilschaden beenden musste. Dabei wusste in Sachsen jeder Schulbub und beinahe auch jede Lokusfrau, dass damals die Zschopauer Motorräder mit einem Zweitakt-Triebwerk ohne Ventile vom Band rollten! Am Ende der Rennsaison 1954 lag der Chemnitzer, zusammen mit Krumpholz auf Platz zwei in der DDR-Meisterschaft hinter Petruschke.

...bald geht´s los

mit Petruschke (links) auf dem Nürburgring

mit der "nackten" Viertellitermaschine 1955 am Sachsenring

Fahrt zum Start 1958 am Sachsenring

Fügner am schrauben seiner IFA, Kaaden schaut zu, 1954 Solitude

Eine sehr gute Saison erlebte Horst Fügner im Jahr 1955. Obwohl er mit dem 125er Einzylinder- und dazu noch mit dem 250er Zweizylinder-Motorrad aus Zschopau seine Rennen bestritt, stellten sich vor allem in der Achtelliterklasse die Erfolge ein. Bei den DDR-Meisterschaftsläufen in Dessau, Halle und Schleiz holte sich der Horst jeweils den Sieg. Wäre er im Leipziger Stadtpark nicht einem Sabotage-Akt zum Opfer gefallen – hier schraubte ein böswilliger Mensch an Fügners Motorrad – so hätte er auch dieses Rennen gewonnen, denn vor seinem unverschuldeten Sturz führte er überlegen vor dem späteren Sieger Petruschke. In Hohenstein-Ernstthal war die neue schlitzgesteuerte DKW aufgrund des besseren Materials der schnellste Zweitakter, und die IFA-Fahrer mussten dem Werksfahrer August Hobl aus Ingolstadt den Sieg überlassen. Mit den Punkten für DDR-Platz eins errang Horst Fügner die DDR-Meisterschaft 1955. Zusammen mit dem späteren Berg-Europameister Edgar Barth und dem erfolgreichen Sandbahn-Spezialisten Hans Zierk wurde er von „Walter, dem Grausamen“ (Ulbricht) als Meister des Sports ausgezeichnet.
Beim Regenrennen auf dem Nürburgring „legten“ die favorisierten Spanier Francisco Gonzalez und John Grace ihre Zweitakt-Montesa auf den Adenauer Asphalt, und Horst ging trotz defekter DDR-Rennbrille in Führung. Zu unserer Freude – gemeint waren wir Rennsport-Freunde aus Chemnitz - feierten Horst Fügner vor Erhard Krumpholz einen Doppelerfolg. Weniger Freude hatten dagegen die zwei Chemnitzer Privat-Rennfahrer Kurt Noack und Heinz Lasch nach dem Eifel-Rennen: Sie waren dort ohne den Segen der Ostberliner Motorsport-Oberen gestartet - vorher erkundeten sie auf meiner IFA RT 125 den Eifelkurs - und wurden für drei DDR-Rennen gesperrt! Auf dem Schottenring gelang Horst Fügner ein weiterer BRD-Sieg, diesmal vor dem Tschechen Frantisek Bartos auf der Viertakt CZ. In der Saison 1956 setzte MZ (vorher IFA) - Rennleiter Walter Kaaden nur die 125er Rennmaschinen ein. Fügner gewann damit die Rennen in Rostock und Halle. Dazu kamen noch einige vordere Platzierungen auf ost- und westdeutschen Pisten und in der Tschechei. Ein Jahr später startete der Horst wieder in beiden Klasse. Neben mehreren Podestplätzen, die er in der Achtelliter-Klasse erkämpfte, siegte der Chemnitzer auf der 250er Zweizylinder MZ in Tubbergen (Holland).
Inzwischen erreichte neben der 125er auch die Leistung der 250er MZ annähernd die Weltspitze. Die beiden MZ-Spitzenfahrer Ernst Degner – mittlerweile die Nummer eins in der 125er Klasse und Horst Fügner – Chef der 250er – starteten ab 1958 bei den WM-Läufen. Es gab beachtliche Resultate, aber leider auch materialbedingte Ausfälle der beiden Werksfahrer. Beim schwedischen Grand- Prix in Hedemora gewann in der 250er Klasse Horst Fügner, nachdem vorher die italienischen MV Agusta-Piloten Tarquinio Provini und Carlo Ubbiali sowie sein Stallgefährte Ernst Degner mit Maschinenschaden ausfielen. Mit seinem Sieg in Schweden, Platz zwei beim WM-Lauf auf dem Nürburgring und Rang fünf in Nordirland erreichte der Chemnitzer 1958 die Vize-Weltmeisterschaft! Vier Siege auf ostdeutschen Rennstrecken (Halle + Wismar = 125 ccm, Sachsenring + Dresden = 250 ccm) rundeten die erfolgreiche Saison 1958 für Horst Fügner ab.
Die Rennmotorräder von MZ waren 1959 noch schneller geworden. Wenn sie hielten – leider war das aufgrund von Material-Problemen nicht immer der Fall – dann konnten sie international mit der Konkurrenz aus Italien durchaus mithalten. Leider aber häuften sich 1959 die Ausfälle der MZ-Piloten Fügner, Degner, Taveri, Musiol und Brehme. Horst Fügner siegte dennoch auf der 250er Zweizylinder-Maschine in Salzburg und Bernau. Mit dem 125er Motorrad erlitt er auf der WM-Piste in Spa (Belgien) im Training einen grausamen, schweren Sturz, sodass seine bisher erfolgreiche Rennfahrer-Karriere beendet war. Nachdem der Unglückliche seine schlimmen Sturzverletzungen auskuriert hatte, war er in der MZ-Sportabteilung für den Rennsport zuständig. Mit seiner Serien-MZ fuhr er bei jedem Wetter von Chemnitz nach Hohndorf bei Zschopau zur Arbeit.

Am 22. November 2014 hat Horst Fügner die Augen für immer geschlossen. Er gehörte zu den Großen, nicht nur im deutschen Motorradrennsport.


Bilanz gezogen

Im März feierte der ehemalige MZ-Werksfahrer Horst Fügner aus Chemnitz seinen 91. Geburtstag. Er war der erste Rennfahrer aus der DDR, der einen Weltmeisterschaftslauf, heutzutage Grand Prix, gewann und auf der MZ-RE 250 1958 Vizeweltmeister wurde. Christian Steiner und Ralph Schwotzer trafen sich zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2003 mit dem Jubilar, der ansonsten der Öffentlichkeit immer aus dem Weg geht, auf dem Schloss Augustusburg. Nach einem Museumsrundgang führten sie für "Speed" mit Horst Fügner das folgende Gespräch:

Speed: Herr Fügner, zunächst übermitteln wir ihnen im Namen der Speed-Leser die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag. Haben sie die Feierlichkeiten gut überstanden?

H. Fügner: Ja, danke bestens. Ich reiste mit meiner Familie nach Mallorca und genoss diese Insel und das herrliche Frühlingswetter. Zum ausgiebigen Feiern in Familie blieb natürlich auch noch genügend Gelegenheit.

Speed: Da werden sicher viele Gratulanten ein wenig enttäuscht gewesen sein, dass sie an ihrem Ehrentag nicht erreichbar waren.

H. Fügner: Ja sicher, aber nach meiner Rückkehr haben mich noch viele angerufen.

Speed: Wie war das damals mit ihren sportlichen Anfängen?

H. Fügner: Ich hatte schwierige Zeiten zu überstehen und viele materielle Opfer zu bringen, bis ich endlich mit dem Rennsport beginnen konnte, in einer Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg. Nach der Schule lernte ich 1937 bei der renommierten Firma Wanderer in Chemnitz den Beruf Mechaniker. Motorräder gab es damals bei Wanderer schon lange nicht mehr, sondern Schreib- und Rechentechnik. Ich habe mich in dieser Firma sehr wohl gefühlt und viel für mein späteres Leben gelernt. Mit 18 Jahren kam ich als Panzerjäger an die Front des 2. Weltkrieges. Ich lernte Russland kennen, von Norden bis zum Süden auf der Halbinsel Krim. Ich hatte mir unter unsäglichen Entbehrungen eine DKW RT 125 Rennmaschine aufgebaut. Die Teile dafür besorgte ich mir aus dem „halben Erzgebirge“ mit dem Fahrrad zusammen. 1950, ich war inzwischen 27 Jahre alt, ging ich in Dessau das erste Mal an den Start und belegte auf Anhieb einen guten 2. Platz. Übrigens fuhr ich zum Rennen mit Brotbeutel, Benzinkanister, einigen Reservekerzen, fünf Düsen und 2 Kolbenringen! 1952 fuhr ich bereits auf einer IFA RT 125, vom Zschopauer Werk vorbereitet, die mir der damalige Versuchsleiter Kämpf angeboten hatte. 1953 bekam ich eine Anstellung im IFA-Rennkollektiv Zschopau. Wir waren damals eine illustre Truppe von älteren schon bei DKW gedienten Mitarbeitern, wie dem Motorenspezialisten Kurt Haase. Vater von Siegfried Haase und Neueinsteigern wie mir. Kaaden übernahm das Kommando. Als Fahrer wurden engagiert Erhart Krumpholz, Siegfried Haase und ich. Etwas später kam dann noch Petruschke dazu.

Speed: Wie war es denn im neuen Rennkollektiv ums Geld bestellt?

H. Fügner: Diese Rennabteilung wurde staatlich gefördert, aber ohne Unterstützung von westdeutschen und englischen Firmen, die sich mit Rennsport beschäftigten, wäre nichts gegangen. Ich denke z.B. an Castrol, Avon, BP und viele andere. Um einigermaßen konkurrenzfähig zu sein mussten wir Tag und Nacht arbeiten, ohne Überstundenbezahlung.

Speed: Welche Fahrer sind ihnen aus den Anfangsjahren noch in guter Erinnerung?

H. Fügner: Degner, Haase, Krumpholz, Brehme, Scheel und Taveri. Mit Jochen Scheel und Siegfried Haase hatten wir immer viel Spaß, wenn wir unterwegs waren. Jochen war sehr chaotisch und deshalb haben wir ihn ständig auf die Schippe genommen. Naja und später war da noch der junge Gary Hocking, der eigentlich von meinem schweren Sturz profitierte, als er mein Motorrad bekam. Hocking kam zu uns, als die Motorräder wirklich gut liefen - aber er war ein riesen Talent und obwohl er überhaupt keine Zweitakterfahrung hatte, war er mit einem wunderbaren Feingefühl für diese Motorräder ausgestattet.

Speed: Wie war ihr Verhältnis zu Bernhard Petruschke, der ja bekanntermaßen nicht als pflegeleicht

H. Fügner: Wir hatten oft Ärger, obwohl ich ihn als erfolgreichen DKW-Fahrer schon in meiner frühesten Jugendzeit sehr bewundert habe. Er war mir sogar schon gut bekannt, als er mit einer privaten Rudge unterwegs war.

Speed: Um 1955/56 brachte der westdeutsche Sportsfreund Gustl Hobl mit seiner 125er DKW das Zschopauer Rennkollektiv mehrfach zum Verzweifeln, richtig?

H. Fügner: 1955 waren diese Maschinen noch mit 116 ccm und fünf Gängen ausgestattet und dem 3-Zylinder-Gehäuse sowie einer schmalen Verkleidung. Zudem waren sie standfest und etwas schneller als unsere Maschine. Die Ernüchterung kam aber 1956, denn das neue Renngerät war jetzt mit 6 Gängen unterwegs und der Motor hatte volle 125 ccm. Ich denke, so um die 10 km/h verloren wir damals auf Hobl und Hofmann. Gute Fahrer übrigens… außerdem war der Gustl ein netter Kerl. Und wir hätten, das möchte ich betonen, nicht diese guten Kontakte zu westdeutschen Sportsfreunden oder kleineren Metallbetrieben gehabt, dann hätten wir die Erfolge der nächsten Jahre niemals einfahren können. Mansfeld ist mir noch in bester Erinnerung. Und lassen sie mich ein weiteres Problem gleich ansprechen, nämlich jenes der Verkleidungsformen. Bis Ende 1957 war die sogenannte Mülleimer-Verkleidung perfektioniert worden. Guzzi konnte diese per Windkanal entwickeln. Wir lebten von den handwerklichen Fähigkeiten eines Dieter Hackebeil, der an Holzmodellen arbeitete, ständig neue Ideen einbrachte. Auf der AVUS war 125er MZ vollverkleidet, eingeschlossen das Hinterrad. Ich denke, das dürfte die Spitze um 15 km/h erhöht haben. Ein neues Problem kam hinzu: Der Seitenwind! Selbst Weltmeister Tarquinio Provini auf F.B. Mondial wurde mehrfach Opfer des Seitenwindes. Aber der ist dann gleich gegen den Gitterzaun gerannt, hochgeklettert und hat geheult. Typisch Italiener! Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, Meister Hackebeil… Echt, der Mann wurde immer besser in der Metallbearbeitung. Die kleine 125er war und ist eine Schönheit… In Augustusburg hat sie ihren verdienten Platz gefunden (Vermerk: Horst Fügner passt noch heute perfekt auf diese MZ, da er nicht an Gewicht zugenommen hat. Gruß an Tarquinio Provini, seinem einstigen Bezwinger!)

Speed: Welche Erinnerungen haben sie an ihre alten italienischen Konkurrenten Provini und Ubbiali?

H. Fügner: Zuerst haben wir ganz ehrfurchtsvoll zu ihnen aufgeschaut. Wir waren Lernende und sie ausgefuchste, mit allen Wassern gewaschene Profis. 1959 in Hockenheim hat mich Ubbiali im Kampf um die Spitze in die „Wiese“ geschickt und ich erreichte dadurch nur Platz 3. Bei der Siegerehrung auf dem Podest hat er mir gestenreich angedeutet, dass er mich nicht gesehen hätte! Sprachbarrieren gab es natürlich auch.

Speed: Sie waren auch auf der TT sehr erfolgreich. Wie haben ihnen die Rennen und das ganze Drumherum in England gefallen?

H. Fügner: Allein die Fahrten dorthin mit unserem Granit-LKW waren das reinste Abenteuer. Einmal mussten wir umladen, weil der LKW zu hoch war und wir landeten letztendlich mit einem Kohlenauto in Douglas. In meiner Zeit wurde der Clypse-Kurs gefahren, aber der war auch schwierig genug für uns. Im Übrigen war England das Land Walter Kaadens, da fühlte er sich ausgesprochen wohl und wir brauchten uns um nichts zu kümmern. Ich erinnere mich noch sehr genau, als 1959 Taveri auf der MZ 125 schon mit 15 sec. Vorsprung das Rennen anführte und auch schon die schnellste Runde markiert hatte und dann wegen seines neuen Helmes, der stark drückte, anhalten musste und von Provini noch auf Platz 2 verwiesen wurde. Ich belegte Platz 4 hinter Hailwood und vor Ubbiali.

Speed: Können sie sich noch an die Anfangszeit der 250er Rennmaschine erinnern?

H. Fügner: Ja, ich denke schon. Zuerst war da einfach die Idee, zwei 125er Rennmotoren zusammenzubauen. Das haben wir dann auch getan. Allerdings war der 1. Versuch ziemlich deprimierend, denn der Motor hatte nur schlappe 19 PS. Der erste Einsatz erfolgte durch Siegfried Haase auf dem Sachsenring 1954. Übrigens hatte das Motorrad 4 offene Renntüten - das war vielleicht ein irrer Sound. Mir ist ein Rennen auf dem Norisring noch in bester Erinnerung, als ich mit der 250er gegen Lorenzetti kämpfte und gewaltig abflog, als die Kette riss.

Speed: Der internationale Durchbruch mit der 250er MZ gelang 1957 in Tubbergen/Holland. Können sie sich daran noch erinnern?

H. Fügner: Natürlich! Ich gewann das 250er Rennen und wurde hinter Degner 2. in der Klasse bis 125 ccm. Wir hatten damals große Probleme mit dem Ziehkeilgetriebe. Ein Schmied in Tubbergen war uns da sehr behilflich, als er für uns die komplizierten Teile härtete und ich damit gut über die Runden kam. Bei diesem Getriebe waren die Gänge ohnehin nur mit großem Gefühlsaufwand einzulegen.

Speed: Es soll Leute geben, die ihren Fahrstil einst kritisierten, nämlich das „Drücken“. Möchten sie sich dazu äußern, Herr Fügner?

H. Fügner: Hmm, wenn man die alten Bilder so anschaut, dann fällt das ins Auge… sieht nicht gut aus, weiß ich, aber ich kam damit klar, hatte die Maschine damit sicher im Griff, besonders dann, als wir noch keine Telegabel hatten… nur mit Schwingen aller Art fuhren. Außerdem bekam ich nie Hinweise von Mitarbeitern darüber, wie Gegner diese oder jene Kurve anschnitten und durchfuhren. Nix Video oder so, ihr Männer. Aber Degner, Brehme und Musiol hatten die gleichen Informationsprobleme. Bezahlte Mitreisende hatten andere Aufgaben als uns im Rennen zu beobachten… da konnte keiner abhauen!

Speed: Wie vollzog sich die technische Weiterentwicklung der Rennmotorräder?

H. Fügner: Grundsätzlich sammelten wir alle Erfahrungen in der laufenden Saison, um sie dann in den Wintermonaten umzusetzen. Da unsere Möglichkeiten sehr bescheiden waren, ging das für uns Fahrer natürlich viel zu langsam. Deshalb kritisierte ich auch solche Vorhaben wie das 50ccm Rennmotorrad oder das Projekt 125 ccm Dreizylindermotor. Allerdings machte ich mir damit keine Freunde.

Speed: Wer stand ihnen als ständiger Monteur zur Verfügung?

H. Fügner: Am Anfang war ich mein eigener Monteur, da ich über genügend Fertigkeiten und Fähigkeiten verfügte. Später arbeitete Werner Schwietzke für mich. Nicht selten schraubten wir bis morgens um 3. Das Rennen war dagegen manchmal fast eine Erholung - auch wenn das etwas abenteuerlich klingt. Da waren aber auch noch Dieter Beer als Fahrgestellverantwortlicher und Walter Göpfert der Motorenmann. Namen, die mir spontan einfallen.

Speed: 1958 war ihr erfolgreichstes Jahr. Können Sie sich noch an Details erinnern?

H. Fügner: Natürlich, das Gute vergisst man nicht. Insgesamt werden um die WM 6 Rennen gefahren. Wir stiegen erst bei Rennen 2 in Assen ein und für mich gab es gleich einen Ausfall. Beim 3. Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife belegte ich hinter Provini Platz 2. Den 4. Lauf in Hedemora/ Schweden gewann ich vor Hailwood. Provini und Ubbiali waren in einem sehr schnellen Rennen, welches Degner angezettelt hatte, mit Motorschäden ausgeschieden. Mit einem 5. Platz beim Ulster Grand Prix festigte ich meinen 2. Platz in der Gesamtwertung. Vor dem letzten Lauf in Monza gewann ich noch das Rennen am Sachsenring und wir fuhren bestens vorbereitet nach Monza. Aber schon an der Grenze verloren wir wegen Wartens auf Einreise einen Trainingstag. In Monza hatten wir große Probleme mit dem vom Veranstalter zur Verfügung gestellten italienischen Benzin. Wir fuhren zahllose Kolbenklemmer. Ich fiel im Rennen aus und mein Konkurrent Ubbiali erreichte hinter Morinis nur Platz 3, und das reichte für ihn nicht, mich vom 2. Platz zu verdrängen und so wurde ich Vizeweltmeister in der Klasse bis 250 ccm. Natürlich hatte ich mir für 1959 mehr vorgenommen.

Speed: 1959 hatten sie in Spa-Francorchamps einen schweren Unfall, der das Ende ihrer Karriere bedeutete. Wie hat sich dieser Unfall zugetragen?

H. Fügner: Im 125er Training war Degner gestürzt und in ein Haus an der Strecke gebracht worden. Da in Spa eine Runde länger als 14 km ist, war die Lage für uns sehr unübersichtlich. Ich fuhr im Training und stoppte an der Unfallstelle, sprach mit Degner, bestellte einen Krankenwagen und setzte mein Training fort. Da kam ich zu Fall und der von mir bestellte Krankenwagen brachte nicht Degner, sondern mich ins Krankenhaus. Das war schon eigenartig. Als ich wieder einigermaßen fit war, arbeitete ich weiter in der Rennabteilung als Materialbeschaffer und Lagerverantwortlicher bis Februar 1988 - dann ging ich in Rente.

Speed: Ganz heißes Thema: Der Fall „Ernst Degner“. Rosner sollte später einmal sagen, der Degner hätte uns drei Jahre Weiterentwicklung gekostet und mindestens drei, vier Weltmeisterschaften… Wie kamen Sie mit Degner aus, schließlich waren sie „Rivalen der Rennbahn“?!

H. Fügner: Ich würde das so nicht sehen. Nüchtern betrachtet, Ernst Degner hat MZ um einen Weltmeistertitel gebracht, nämlich als er in Schweden abgehauen ist. Das NATO-Staaten-Einreiseverbot ab 1962 war eine Folge des kalten Krieges und dem Mauerbau in Berlin… und hätte auch dann stattgefunden, wenn Degner in der DDR geblieben wäre. Vermute ich mal. Und Shepherd war halt nicht Hailwood, rein fahrerisch gesehen. Aber zurück zu Degner: Wir waren damals wirklich harte Gegner. Außerdem stand Ernst gerne im Mittelpunkt der Medien, wie man das heute bezeichnen würde. Durch den Zugang Taveris wurden wir noch mehr und noch härter gefordert. Das war ab Monza 1958 so. Und ab 1960 war Degner dann absoluter Spitzenmann des Teams und im Scheinwerferlicht, was er mochte. Aber ich habe es geahnt, dass er eines Tages abhauen würde: Es gab Tage, da stellte er mir technische Fragen, die mich überraschten, speziell Materialfragen und so. Als Nichtmitglied der SED machte ich mir einen Reim daraus, erzählte es aber nicht weiter. Gut so! Seltsam, man erinnert sich noch an viele Einzelheiten, obwohl bereits über 40 Jahre verstrichen sind, wir mittlerweile 2003 schreiben.

Speed: Die Tests in Staaken bei Berlin hat er auch noch mitgemacht…?

H. Fügner: … und hat genauso geflucht wie Musiol über diesen Härtetest auf der superschnellen Piste. Man kämpfte dort gegen fette Spalten in der Betonpiste. Mehrere Speichen und Felgen überstanden diesen Test nicht. Testmöglichkeiten für das Motorradwerk Zschopau waren zu dieser Zeit eben rar. Und als es dann Mitte April 1961 gen Imola ging, da waren die Fahrer Degner und Fischer eben noch eingerostet und Provini auf der Einzylinder-Morini nicht gewachsen. Außerdem kam Shepherd mit der Gemischregulierung nicht zurecht. Sein Motor war festgegangen, er gestürzt. Diese Spielchen wiederholten sich jedes Jahr, aber es ging halt nicht anders: Also bitte nicht mit den Frühjahrstests Herren Schulten oder Müller in Oschersleben vergleichen… Wie sich die Zeiten ändern!

Speed: Wie sehen sie ihre aktive Zeit aus der Sicht von heute?

H. Fügner: Es war eine sehr interessante Zeit mit Höhen und Tiefen - mit viel Arbeit - wenig Schlaf - aber unheimlich spannend. Ich möchte keine einzige Minute aus dieser Zeit vermissen.

Speed: Unterhalten Sie noch heute Kontakt zu Rennfahrern?

H. Fügner: Ja, zu Siegfried Haase und Thomas Heuschkel. Thomas hätte ein ganz Großer werden können, wenn er durch die DDR-Verhältnisse nicht behindert worden wäre.

Speed: Hat sich ihr Leben nach der Wende geändert?

H. Fügner: Ja, sicher. Aber ich bin froh, dass die Wende überhaupt gekommen ist und dass ich sie noch erleben durfte.
Speed: Einen wirklich großen Traum haben sie sich ja schon erfüllt. Was möchten sie im Leben noch erreichen?
H. Fügner: Mein größter Wunsch ist es, gesund zu bleiben. Jahrzehntelang war es ein großer Wunsch von mir, auf die Krim zu reisen im Auto. Als das überhaupt möglich war, habe ich mich in meinen Trabant gesetzt und bin quer durch die SU gefahren. Diese Reise war mein größtes und schönstes Erlebnis überhaupt. Der Platz in ihrer Zeitschrift würde nicht ausreichen, um die vielen schönen Geschichten aufzuschreiben.

Speed: Herr Fügner, sie sind topfit. Wie machen sie das?

H. Fügner: Viel laufen, joggen im Wald, Fahrrad fahren, jede Woche Sauna. Die Ernährung habe ich auch umgestellt. Motorrad fahre ich nicht mehr, aber ab und zu mit dem Auto, z.B. zu meiner Tochter, die in Berlin wohnt. Neuerdings ist ein Hund zu uns in die Familie gekommen, so eine Art Leihgabe. Der hält mich und auch meine Frau ganz schön auf Trab, denn der will am Tag auch 2 Stunden bewegt werden. Ich lese viel über Motorsport, sehe mir alle Grand Prix und auch die Superbike-Weltmeisterschaft an und ab und zu auch die Rennen der Formel 1.

Speed: Ist es richtig, dass sie ein absolut bodenständiger Mensch sind - das ist unsere letzte Frage?

H. Fügner: Das stimmt. Meine Eltern wohnten in Chemnitz. Ich wurde in Chemnitz geboren und wohne schon sehr lange im Zentrum der Stadt. Mir gefällt es hier und ich wäre auch zu DDR-Zeiten nicht „abgehauen“.

Speed: Herr Fügner, wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und danken Ihnen herzlich für das Gespräch.





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