Es war anno 1952. Mein größter Wunsch als 10-jähriger Bub war in Erfüllung gegangen und ich durfte mir, mit Erlaubnis meiner Eltern, die Motorradrennen auf dem nur 11 Kilometer entfernten Sachsenring ansehen. Ein einheimisches Fuhrgeschäft  hatte mit seinem normalen LKW und ein paar Holzbänken, sowie vielen Stehplätzen auf der Ladefläche einen Pendelverkehr zur Rennstrecke eingerichtet. Hin- und Rückfahrt kosteten zusammen einen "Fuftscher" (für der sächsischen Sprache unkundige: fünfzig Pfennig), den ich mir mit den Sammeln leerer Bierflaschen verdient hatte. Meine Mutter hatte mich noch mit ein paar "Bemmen" (belegte Brotschnitten) ausgestattet und mein Vater schwärmte noch so nebenher von einen gewissen Ewald Kluge, den er in der Vorkriegszeit am Ring schon bewundert hatte und der diesmal wohl wieder am Start sein sollte. Nun endlich konnte es los gehen zum  ersten Rennbesuch meines noch jungen Lebens...

Die Worte meines Vaters noch in den Ohren, achtete ich besonders im Rennen der 250cc Klasse auf besagten Ewald Kluge, der auch über die Streckenlautsprecher als Favorit angekündigt war. Kluge führte auch noch in der vorletzten Runde, Ganz dicht hinter ihm lag aber ein gewisser

Rudi Felgenheier

,wie Kluge ebenfalls auf einer DKW fahrend. Dann überschlug sich der Sprecher fast, denn der "Newcomer" Felgenheier überholte  den Altmeister Kluge und verteidigte seinen errungenen ersten Platz mit 1 Sekunde Vorsprung bis ins Ziel. Die Zuschauer waren begeistert und der Altmeister überrascht.

45 Jahre später - da stand ich ihm gegenüber, dem Sieger von 1952 am Sachsenring. Jenen Mann, der den großen Ewald Kluge praktisch auf den letzten Metern ausgetrickst hatte. Aufgeschlossen war er und gesprächig, wie auch seine hübsche und nette Gattin. Und es war wieder der Sachsenring der gerade sein 70- jähriges Bestehen feierte und der mir, wie schon 1952, zu einem unvergleichlichen Erlebnis verholfen hat. Es stand für mich nach dieser Begegnung fest, über diesen Mann muss ich einmal was schreiben, egal wie und wo. Nachdem ich nun das Internet als für mich und meine Vorstellungen brauchbares Medium entdeckt habe, war es nur noch eine Frage der Zeit, über den Mann zu berichten, dem ich letztendlich mein Interesse am Motorradrennsport verdanke, eben jenen Rudi Felgenheier und seinen Sieg über den seinerzeit immer noch legendären Ewald Kluge.
Trotz des interessanten Gesprächs 1997, fehlten mir doch noch einige Informationen, um einen "richtigen" Bericht über Rudi Felgenheier schreiben zu können. So war ich letztlich froh darüber, dass mich Heiner Vester, einst Beifahrer bei u.a.  Heinz Luthringshauser, für ein Telefonat bei dem "Maestro" praktisch angemeldet hat. Hier nun meine kleine Biografie....

Rudi Felgenheier wurde am 20. Dezember 1930 in Horchheim am Rhein geboren. Wie bei vielen Jugendlichen üblich, begeisterte auch er sich für alle Untersätze die mit Motor angetrieben wurden und damit natürlich auch für die Frage: wer ist wohl der Schnellste. Eine schon etwas betagte 200cc DKW seines Vaters wurde gegen eine "moderne" DKW RT 125 cc eingetauscht und diese dann in mühevoller Arbeit für einen Einsatz bei Rennen hergerichtet. 1949 startete er damit in der Klasse der Ausweisfahrer. Wegen seiner Erfolge erhielt er noch im gleichen Jahr die Fahrerlizenz.

Bei seinem ersten Start als Lizenzfahrer 1950 gewann er auch gleich sein erstes Rennen. Das war beim Eifelrennen auf dem Nürburgring, als er als Erster in der 125 cc Klasse das Ziel passierte - in der Saugmotorenwertung. Bis 1950 gab es noch die getrennte Wertung für Saugmotoren und aufgeladene Motoren. Im gleichen Jahr gewann er auch noch auf der Solitude und beim internationalen Rennen in Saarbrücken. 1951 gewann er dann am Feldberg und machte durch zahlreiche weitere gute Platzierungen die Verantwortlichen von DKW auf sich aufmerksam.
Für 1952 erhielt er dann von den Verantwortlichen aus Ingolstadt einen DKW-Werksvertrag. Dieses in ihm gesetztes Vertrauen rechtfertigte er dadurch, dass er für DKW beim ersten Weltmeisterschaftslauf auf deutschen Boden auf der Solitude auch den ersten Grand Prix Sieg für DKW errang. Wie sich später heraus stellte, sollte es der einzige GP-Sieg für die Ingolstädter bleiben. Ins gleiche Jahr fiel auch der Sieg am Sachsenring (siehe oben).
1953 fuhr er hoffnungsvoll zu den Rennen der Tourist Trophy auf die Isle of Man. Um auf dieser sicherlich wohl schwierigsten Rennstrecke der Welt bestehen zu können, bedurfte es eines ausgiebigen Trainings. Die Chancen für eine gute Platzierung standen gut, wie sich später am 3.Platz in der 250 cc Klasse vom Teamkollege Siegfried Wünsche zeigen sollte. Entsprechend fleißig trainierte Rudi Felgenheier schon außerhalb des offiziellen Trainings. Auf einer solchen "Kennenlern-Tour" der extrem langen Strecke geschah dann das Unfassbare: Rudi Felgenheier wurde unverschuldet in einen Unfall verwickelt, bei dem er schwerste Verletzungen davongetragen hat. Er kämpfte ums Überleben, wobei ihn einige Journale schon als tot gemeldet hatten. Leider bedeutete dieser Unfall aber auch das frühzeitige Ende einer der hoffnungsvollsten deutschen Rennfahrerkarrieren.

Rudi Felgenheier (links) mit Krücken und DKW-Werksfahrer Karl Hofmann, sowie
(rechts) zusammen mit Altmeister Ewald Kluge.
© : Text: Rolf Eggersdorfer; Fotos: Archiv Eggersdorfer, Archiv Auto-Union Ingolstadt


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