Karl Bodmer

3.November 1911 - 7.November 1955


Als im Herbst 1955 Hermann-Paul, kurz "HP" Müller auf einer NSU als Privatfahrer den Weltmeistertitel in der Viertelliterklasse errungen hatte und zu einem der gefeiertsten deutschen Sportler avancierte, endete frühzeitig das Leben, infolge Krankheit, des um 2 Jahre jüngeren Karl Bodmer.
Warum ich das erwähne? Weil man sich in unserer Gesellschaft "mit einigen Wohlwollen" - gerade noch so - eines ehemaligen Weltmeisters erinnert, nicht aber an ähnlich erfolgreiche Helden der Vorkriegszeit, denen letztlich nur ein Titelgewinn zum großen Helden fehlte. Ich finde es genauso legitim, dass man sich nicht nur an den 50. Jahrestag eines Weltmeistertitels erinnert, sondern auch an den 50.Todestag eines früheren Rennsportheros und der Ebinger Karl Bodmer war einer der Rennsporthelden der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Die erste Begegnung von Karl Bodmer und HP Müller war bereits zu Beginn der dreißiger Jahre, als beide ihre Karieren auf Victoria starteten. Ein gewisser weiterer Zusammenhang bestand zwischen beiden Heros auch noch darin, dass HP Müller aus der berühmten Fahrradstadt Bielefeld stammte, Karl Bodmer hingegen seine sportliche Laufbahn auf einem Fahrrad begann - ob dieses aus Bielefelder Produktion stammte entzieht sich allerding meiner Kenntnis.
Obgleich Karl Bodmer gleich seine erste Rennteilnahme, auf der Solitude, mit einem Sieg abschloss, dauerte es bis 1934, ehe man bei DKW auf ihn aufmerksam wurde und als Werksfahrer verpflichtete. Fortan sah man Karl Bodmer bei fast allen großen Rennen in Deutschland und Europa am Start und zwar recht erfolgreich.
Ältere Rennbesucher berichteten mir zum Beispiel vom Rennen in der Halbliterklasse beim Großen Preis von Deutschland auf dem Sachsenring 1937. Das war jenes Rennen, bei dem tragischerweise der legendäre Schotte James Guthrie, weit in Führung liegend, zu Tode stürzte. Sie schilderten aber auch, im gleichen Rennen, den großartigen Kampf der Deutschen Kurt Mansfeld, Karl Bodmer und Wilhelm Herz gegen das italienische Moto-Guzzi Duo Omobono Tenni und Stanley Woods. Beide Guzzis fielen letztlich dem mörderischen Tempo zum Opfer und so gewann, nach Guthries bedauerlichen Todessturz in der letzten Runde, Karl Gall auf einer Werks-BMW vor Kurt Mansfeld und Karl Bodmer auf ihren DKWs. Als Vierter beendete Wilhelm Herz mit seiner DKW das Rennen, vor dem gebürtigen Allensteiner und später in Nagold beheimateten Rudi Knees auf einer NSU. Für die Härte des Rennens sprach, dass von 26 gestarteten Fahrern gerade 11 die Zielflagge gesehen haben.
Leider war der Wechsel von Karl Bodmer 1938 zu NSU nicht gerade ein Volltreffer. Die neuen Maschinen der Neckarsulmer waren noch mit vielen "Kinderkrankheiten" behaftet und es kam zu vielen Ausfällen. Das musste zum Beispiel auch die Nummer 1 bei NSU - Heiner Fleischmann - beim Großen Preis von Europa 1938 auf dem Sachsenring verspüren, als er nach schlechten Start und toller Aufholjagd in der 350er Klasse ausfiel. Karl Bodmer hatte in dem Rennen auf das ältere, allerdings nicht konkurrenfähige Modell gesetzt. Damit konnte er zumindest das Rennen auf einem guten fünften Platz vor seinem Markengefährten Willi Hentze beenden. Überlegener Sieger des Rennens wurde der englische Lehrer "Crasher" White in Diensten von Norton.
Die Anfälligkeit der NSU-Maschinen zeigte sich für Karl Bodmer auch 1939 bei seiner Reise zu den legendären Rennen auf die Isle of Man. Bei beiden Starts, sowohl in der 350er als auch in der 500er Klasse, fiel er jeweils wegen technischer Defekte aus.

Alle Bilder und auch die folgende Schilderung: Karl Bodmer erzählt, entstammen dem Buch von Ernst Hornickel: Das sind unsere Rennfahrer, erschienen 1941 im Verlag Karl und Alfred Walcker, Stuttgart
Karl Bodmer erzählt...
"...eine dicke Tanne kam auf mich zu"

Es war 1937 am Schauinsland, der unvergleichlichen, wenn auch etwas schwierigen Bergstrecke. Ich fuhr damals die schwere 500 ccm DKW und hatte eigentlich nur einen Gegner zu fürchten - Kurt Mansfeld. Schon am Donnerstag begann das aufreibende Duell zwischen uns und wir lössten uns im Training hartnäckig mit den Bestzeiten ab. Tags darauf, als ich es genau wissen wollte, schmierte mir auf einer der berüchtigten Spitzkehren oberhalb der "Holzschlägermatte" das Rad weg und ich überschlug mich. 20 Meter brauste ich die von hohen Tannen bestandene Böschung hinunter und mein schweres Rad hinterher. Ich sah noch eine dicke Tanne direkt auf mich zukommen, dann verspürte ich einen furchtbaren Schlag im Rücken und verlor das Bewustsein.

Als ich wieder erwachte, bemerkte ich, dass mir meine DKW direkt an den Rücken gefallen war. Ich machte krampfhafte Versuche zu rufen, aber das Wort blieb mir im Mund stecken, ich lag wie gelähmt.

Hat mich denn niemand stürzen sehen? Die Meldung vom Start zum Ziel muss doch durchgekommen sein! Es ist merkwürdig, wie verlassen man doch mitten im Trubel einer grossen Veranstaltung sein kann. Es kam niemand.

Mit letzter Kraft habe ich mich dann hochgerappelt - Gott sei Dank, die Glieder waren noch alle beisammen, aber im Rücken bohrte ein furchtbarer Schmerz. Endlich kamen Absperrmanschaften herbei geeilt. Sie bargen mein Rad und brachten auch mich wieder auf die Strasse hinauf. Meine schöne DKW sah böse aus. Mein ursprünglich ängstlicher Gedanke, dass ich mir eine Verletzung der Wirbelsäule zugezogen haben könnte, war bald überwunden. Der Rennarzt tröstete mich, verordnete mir aber strengste Bettruhe. Vor Schmerzen konnte ich mich kaum ein wenig drehen. Trotzdem fand ich noch die Kraft, als Bobby Meurer, unser Rennleiter, ins Zimmer trat um nach mir zu sehen, die ganze Geschichte als Kleinigkeit hinzustellen. Nichts fürchtete ich mehr als ein Startverbot zum Rennen.

Nach einer schlaflosen Nacht brachte mir einer meiner Monteure die Kunde, dass meine Maschine wieder hergerichtet sei. Ein Aussenstehender, der dem Rennsport fremd ist, kann sich nicht vorstellen, wie eine solche Nachricht einen Rennfahrer mobilisieren kann. Raus aus dem Kahn, Gehversuche und dann gymnastische Übungen. Ich glaubte zwar mein Ende nah, aber es war ja noch einmal gut gegangen.

Am Sonntag zum Rennen fuhr ich die schnellste Zeit aller Motorräder und war nur 10 Sekunden langsamer als der als unumstrittener Bergkönig bekannte Hans Stuck im Rennwagen. Es war mir sogar gelungen, Hans-Hermann Lang im Rennauto hinter mich zu lassen und ich erinnere mich keines Sieges, der mich froher gestimmt hätte...

1940 wurde Karl Bodmer dann von der Wehrmacht eingezogen, wo er den Dienst als Fahrlehrer versah. Danach musste er als Panzerkommandant in den Rußland-Feldzug.
Nach Kriegsende versuchte sich Karl Bodmer wieder im Motorsport, allerdings weniger erfolgreich. Sein Hauptaugenmerk galt dem Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz. So konnte er mit viel Engagement einen Motorradhandel, mit Werkstatt und Tankstelle, in Ebingen platzieren, deren Bekanntheitsgrad weit über die Stadtgrenze hinaus ging. Der etwa mitte der fünfziger Jahre einsetzende Autoboom verschonte auch sein gut etabliertes Geschäft, wie auch nahezu alle Motorradhersteller, nicht vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Sein leider viel zu früher Tod fiel gleichzeitig zusammen mit dem Aus seines mit viel Enthusiasmus gegründeten Geschäftes.
Bleibt mir zum Schluß nur die Hoffnung, dass sich zu seinem fünfzigsten Todestag und darüber hinaus viele Rennsportfreunde an Karl Bodmer erinnern, einen großartigen Rennfahrer und untadeligen Sportsmann.
26.06.2005 zurück