Vergesst die alten Meister nicht

Hartmut Bischoff

1937 – 1996

Text: Günter Geyler - Fotos: Geyler (7), Archiv



Bisher gab es einige Motorrad-Rennfahrer, die nur wussten, wo sich an ihrer Maschine der Gasdrehgriff, die beiden Handhebel für Kupplung und Bremse und die Fußschaltung befanden. Andere wiederum kannten jede Schraube an ihrem Motorrad. Zu ihnen gehörte der siebenmalige DDR-Meister im Straßenrennsport, Hartmut Bischoff.

Als Siebenjähriger musste der am 6. August 1937 in Schlesien geborene Bauernsohn Hartmut mit seiner Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling seine Heimat verlassen. Sie siedelten sich in Sachsen im Raum Dresden an. Vater Bischoff befand sich zu dieser Zeit noch in Gefangenschaft. Es verging viel Zeit, bis die Familie wieder zusammen sein konnte. Zum Motorsport hatten Hartmuts Eltern keinerlei Beziehung. Der Jüngling erlernte in Meißen den Beruf Kraftfahrzeug-Mechaniker. Bald erfasste ihn der Motorsport-Bazillus: In seiner Werkstatt in Brockwitz bei Meißen baute sich Hartmut Bischoff ein Moto-Cross-Motorrad auf und fuhr damit in der Saison 1955 und Anfang 1956 Cross-Rennen, doch die Straßenrennen interessierten ihn mehr. Noch im Jahr 1956 startete Hartmut in der 125er Soloklasse als Ausweisfahrer mit einer MZ, an der er vieles selbst fertigte. Ein Jahr später stellte sich der erste große Erfolg ein: Sieg in der 125er Ausweisklasse auf der schwierigen Nordschleife des Nürburgrings. Eine weitere Glanzleistung: Der inzwischen 20-Jährige wurde aufgrund seiner technischen und handwerklichen Begabung 1957 Kraftfahrzeug- Meister. Ab 1958 bestritt der Coswiger seine Rennen in der Achtelliterklasse als Lizenzfahrer.

Die Läufe um die DDR-Straßenmeisterschaft fanden damals auf den Traditions-Rundstrecken in Hohenstein-Ernstthal und Schleiz, auf den Autobahn-Pisten in Dresden-Hellerau, Bautzen und Bernau, auf der Halle-Saale-Schleife, auf dem Frohburger Dreieck und teilweise am Lückendorfer Berg statt. Auf den meisten dieser Strecken erkämpfte der Sachse Siege oder vordere Platzierungen. Im Jahr 1960 holte er auf der 125er MZ-Eigenbau-Maschine seinen ersten DDR-Meistertitel. Gern fuhr der Meister dabei auf den echten „Natur-Pisten“ in Schleiz und Frohburg, wo er jeweils vier Mal gewinnen konnte. Zur 1960er DDR-Meisterschaft in der Klasse bis 125 ccm kamen vier weitere Championate - 1966, 1970, 1971 und 1972 - hinzu. Mit seiner selbst aufgebauten 250er Einzylinder-Maschine erzielte der talentierte Eigenbauer auf den ostdeutschen Rennstrecken erfreuliche Ergebnisse auch in der Viertelliterklasse, um in den Jahren 1965 und 1966 die DDR-Meisterschaft zu erobern.
Aufgrund seiner Erfolge reihten die ostdeutschen Motorsport-Gewaltigen Hartmut Bischoff in die DDR-Nationalmannschaft ein. Diese „Auszeichnung“ berechtigte ihn, in den blockfreien Staaten zu starten. So siegte er in der 125er Klasse 1966 bei einem internationalen Rennen in Opatija (Jugoslawien). Mit seiner 250er wurde er beim Großen Preis von Salzburg 1967 nur ganz knapp vom Honda-Werksfahrer Luigi Taveri geschlagen. Beim WM-Lauf 1970 in Imatra (Finnland) belegte der Sachse in der Achtelliterklasse hinter Dave Simmonds (England) und seinem Ost-Kumpel Thomas Heuschkel den dritten Platz.

Unverständlich: Für den WM-Lauf in Brünn 1973 erteilten die Ostberliner ADMV-Oberen nur den Werksfahrern von MZ eine Starterlaubnis. So sahen die vielen ostdeutschen Fans im Lauf der 125er Klasse zwar die bekannte Bischoff-Maschine, aber nicht mit dem Besitzer, sondern mit dem beliebten Tschechen Bohumil Stasa im Sattel! Natürlich war Hartmut auch bei den Rennen im Ostblock am Start. Nach seinem 125er Sieg 1973 in Jicin (Tschechien) erschien ein Jahr später im Jiciner Rennprogramm das Siegerfoto, auf dem er von einer „holden Maid“ geküsst wird. Auf unsere Frage, ob er das Indiz zu Hause gut versteckt hat, sagte er trocken: „Meine Frau war doch dabei…“

Nach dem Schleizer Rennen 1974 – hierbei gewann er den Lauf der Klasse bis 125 ccm - beendete der siebenmalige DDR-Meister seine Laufbahn als Motorrad-Rennfahrer, in der er bei Rennunfällen sieben Mal das Schlüsselbein brach und einen Beinbruch erleiden musste. Fortan entwickelte und baute er 125er und 250er Einzylinder-Rennmotorräder, mit denen die Sachsenring-Idole Frank Wendler und Bernd Dörffeldt bei den Ostblock-Rennen erfolgreich waren. Gemeinsam stellten wir seine 250er Eigenbau-Rennmaschine in der westdeutschen Fachzeitschrift „Das Motorrad“ vor. Dass dabei die konstruktive und bauliche Meisterleistung des Hartmut Bischoff ausgerechnet in einer Fachzeitschrift des „Klassenfeindes“ entsprechend gewürdigt wurde, ärgerte einige rote Brechreizbeschleuniger! Seine 250er Einzylinder-Rennmotorräder bereicherten diese Klasse, die ab 1981 nur in der früheren DDR zum Rennprogramm gehörte, ganz enorm! Was viele Rennsportfreunde nicht wussten: Der Motorrad-Meister fuhr von 1977 bis 1982 mit großem Erfolg Kartrennen.

Im Jahr 1983 verließ die Familie Bischoff Ostdeutschland und siedelte vorerst nach Österreich um, um ein Jahr später in der einstigen BRD eine neue Heimat zu finden. Dort betreute Hartmut das Rennmotorrad des unglücklichen Reinhold Roth. Auch am ersten 125er Grand-Prix-Sieg von Peter Öttl 1991 in Mugello (Italien) war er maßgeblich beteiligt. Infolge eines Krebsleidens verstarb der hervorragende Motorrad-Tuner und Rennfahrer Hartmut Bischoff am 1. November 1996 in Mannheim. Seinem Sohn Evren vererbte er das Talent zum Rennfahren und die Liebe zur Technik: Von 1989 bis 1996 gehörte Evren zu den besten deutschen Rennfahrern der 250er Klasse.

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