Gustav Adolf Baumm und sein rasender Liegestuhl

von Günter Geyler


Gustav Adolf Baum Zum 1954er „Rhein-Pokal-Rennen“ in Hockenheim erschien der damalige deutsche Motorrad-Gigant NSU mit den neu gestalteten Rennmaschinen mit Delphin-Verkleidung und den vier Werksfahrern Werner Haas, H.-P.Müller, Hans Baltisberger und dem Österreicher Ruppert Hollaus. Dazu wollten die NSU-Gewaltigen das Publikum in Hockenheim noch mit einem Weltrekordfahrzeug aus Neckarsulm überraschen. In einer Rennpause erschien plötzlich vor der früheren Stadtkurve ein weißer Torpedo auf zwei Rädern in schneller Fahrt und verschwand in Richtung Start und Ziel. Obwohl der alte Hockenheimring im Streckenprofil einer Gurke glich, beherrschte der Pilot sein Fahrzeug nicht nur bei der Geradeaus-Fahrt, sondern auch in der Kurve.
Wie sich herausstellte, gehörte der Fahrer dieses „rasenden Liegestuhls“ nicht zur NSU-Rennmannschaft: Es war ein Graphiker aus Oberbayern, der mit seiner Erfindung dem NSU-Werk knapp zwei Wochen vor dem Rennen in Hockenheim 11 Weltrekorde bescherte. Gustav Adolf Baumm (linkes Bild) hieß der gute Mann.
Bereits 1951 erschien der Bayer mit seiner Idee, einen vollverkleideten „Liegestuhl“ mit Motor aufgrund des geringen Luftwiderstandes bei Gustav Adolf Baumm Weltrekordfahrten einzusetzen, bei einem NSU-Direktor, doch der bezeichnete den bärtigen Erfinder einen spinnenden Ersatz-Christus von Oberammergau“ und wollte ihn aus seinem Zimmer hinauswerfen lassen. Der Konstruktions-Chef in Neckarsulm hingegen begann sich zaghaft für die Idee des Herrn Baumm zu interessieren. Nur ganz langsam begann eine Zusammenarbeit zwischen dem Graphiker und der NSU-Forschungsabteilung. So baute man zwei „Einspur-Autos“, die Dank der weiträumigen Definition der Motorradsportbehörde FIA als Motorräder galten. Ein Rekordfahrzeug bekam den 50 ccm „Quickly“-Motor, in den anderen „Liegestuhl“ setzte man das 100 ccm Fox-Triebwerk ein. Am 27. April 1954 zeigte sich NSU mit beiden Fahrzeugen anlässlich der geplanten Rekordfahrten auf der Autobahn bei München erstmals der Öffentlichkeit. Gustav Adolf Baumm erzielte auf Anhieb insgesamt 11 Motorrad-Weltrekorde in den Klassen 50 bis 175 ccm. Mit dem 50er Motor erreichte er 127,8 km/h, mit dem 100er Triebwerk 178,6 km/h.
Am 11. Mai 1955 stieg Baumm erneut in seine beiden „Liegestühle“ und konnte 22 neue Weltrekorde für sich verbuchen. Mit dem 125er Motor brach er sogar die vorherigen Bestleistungen der 250er Klasse: Der NSU-Vertragsfahrer kam auf 218 km/h.
Anläßlich des Eifelrennens Ende Mai 1955 wollte Gustav Adolf Baumm auf der 22,8 Kilometer langen Nordschleife des alten Nürburgrings einige Demonstrationsrunden drehen, um die Fahrtüchtigkeit seiner Erfindung auch auf einer kurvenreichen Piste zu zeigen. Am 23. Mai 1955 unternahm der Hobby-Motorsportler auf der ihm unbekannten Strecke Versuchsfahrten und kam von der Fahrbahn ab. Ironie des Schicksals: Ein Baum wurde Baumm zum Verhängnis: Er erlitt so schwere Verletzungen, so dass der am 16. Juni 1920 geborene Idealist an ihren Folgen verstarb.
Baumm war tot, aber seine geniale Idee nicht: Mit seinem „rasenden Liegestuhl“, bestückt mit 50 und 125ccm NSU-Motoren, verbesserten „Renntiger“ H.P. Müller (Foto oben rechts) und Wilhelm Herz im August 1956 auf einem ausgetrockneten Salzsee im US-Staat Utah die bestehenden Weltrekorde von 50 bis 250 ccm.


Gustav Adolf Baumm am Start und während seiner Weltrekordfahrten
© Fotos: NSU
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