Edgar Barth

Vom DDR-Meister zum Europa-Bergmeister

Text: Günter Geyler - Fotos: Geyler, Archiv



Noch heute, reichlich 50 Jahre nach seinem Tod, leuchten die Augen der älteren Motorsportfreunde aus dem Erzgebirge, wenn von "ihrem" Barth Edi aus Herold die Rede ist.
Der einstige Erzgebirgler Edgar Barth wurde Anfang 1956 von dem früheren ungeliebten "DDR-Landesvater" Ulbricht als "Meister des Sports" ausgezeichnet. Wenn auch dieser Ehrentitel von den Russen stammte; der Edi war im wahrsten Sinne ein Meister des Motorsports.

1928 hatte sich der damals 11-jährige am "Brünnchen" des alten klassischen Nürburgrings beim Großen Preis von Deutschland mit dem Rennbazillus infiziert. Wie viele, die nach dem ersten Besuch eines Rennens den Wunsch hegten, den Großen der zwei- oder vierrädrigen Zunft einmal nachzueifern, so hatte der junge Bursche aus Herold das große Ziel: ich muß Rennfahrer werden.

Seine motorsportliche Laufbahn begann er als 16-jähriger im Geländesport auf einer 100er DKW. Mit der RT 100 vertrat der gelernte KFZ-Schlosser 1937 die Interessen des Zschopauer DKW-Werks bei der Internationalen Sechstagefahrt in England. Zahlreiche Medaillen erkämpfte er sich mit der kleinen RT und später mit einer 500er Gelände-DKW bei nationalen und internationalen Wettbewerben.

Nach dem zweiten Weltkrieg gehörte der Erzgebirgler zu den Pionieren des ostdeutschen Motorrennsports. Edgar Barth bestritt die ersten Nachkriegsrennen auf einer 350er Rudge, etwas später startete er auf seiner 125er Eigenbau DKW. Er gab prächtige Vorstellungen seines Fahrkönnens auf der 500er BMW, sodaß er bei der Leitung des Johannisthaler Auto-Rennkollektivs Aufmerksamkeit erregte. Der Einstieg in den 2000er Formel II Rennwagen erfolgte beim Rennenn auf der Halle-Saale-Schleife 1951 und bereitete dem Herolder keine Schwierigkeiten, im Gegenteil: Er war auf Anhieb so schnell wie die gesamte DDR-Spitze! Bei den damaligen gemischten Rennveranstaltungen (Motorräder und Wagen fuhren an einem Tag) startete Edi in der 500er Soloklasse auf der BMW, später Norton, und wenige Stunden später stieg er in den 2000er Rennwagen. Wenn sein Motorrad hielt, dann holte er sich einen Spitzenplatz, doch leider gab es auch materialbedingte Ausfälle. Im Wagen des IFA-Rennkollektivs glänzte der Neuling bei den DDR-Veranstaltungen. Seinen ersten internationalen Sieg erkämpfte er 1952 beim Leipziger Stadtparkrennen. Edi gehörte bei den "West-Rennen" mit internationaler Beteiligung stets mit zu den besten Deutschen. Mit seinem 6-Zylinder-Wagen, dessen Basis das Sportwagen-Triebwerk des BMW 328 war, schlug er 1953 sogar solche Könner wie den Bergkönig Hans Stuck (AFM). Der DDR-Meister 1952 und 1953 bei den Formel II-Rennwagen hieß jeweils Edgar Barth.
Auch in der Winterzeit betrieb Barth Motorsport: mit seiner 500er BMW und einem guten Skifahrer - Manfred Roscher - am Seil beteiligte er sich mit großem Erfolg an den Skijöhrings im Erzgebirge. Bei diesen Wettbewerben wurden die "Paare" (Motorrad- und Skifahrer) im Einzelstart, wie bei den Bergrennen, auf die schnee- und eisbedeckten Straßen geschickt.
Nachdem ab 1954 die Formel II Rennwagen nicht mehr populär waren, setzte das inzwischen zum Eisenacher Motorenwerk gehörende Rennkollektiv hauptsächlich den neu entwickelten 1,5 Liter Rennsportwagen ein, den jetzt auch der Mann aus dem Erzgebirge steuerte.


Der Initiator des Kollek-
tivs, Arthur Rosenhammer, der schon vorher im 1500er Rennsportwagen erfolgreich war, bekam nun durch seinen Stallgefährten Edgar Barth harte Konkurrenz. Rosenhammer freute sich nicht, daß Barth schneller und materialschonender fuhr als er, der bisherige Champion dieser Klasse! Es kam vor, daß Eisenachs Spitzenpilot Barth bei kleineren DDR-Rennen Arthur Rosenhammer den Sieg überließ, um den "Haussegen" in der Rennabteilung nicht zu gefährten. Beim internationalen Eifelrennen 1955 starteten die 1500er und die 3000er Rennsportwagen gemeinsam in einem Rennen. Edi freute sich wie ein kleiner Junge, als er erfuhr, daß er mit dem 1500er EMW auf einem Streckenabschnitt des Nürburgrings schneller war als die derzeit Größten im Automobilsport, Juan Manuel Fangio und Stirling Moss mit dem 3000er Mercedes. Das Rennen endete mit einem eindrucksvollen Klassensieg für Barth. Nach weiteren Erfolgen im In- und Ausland schlossen die Gewaltigen des Automobilwerks Eisenach Ende 1956 die Rennabteilung mit der Begründung: der Rennsportwagen mit seinem Viertakmotor habe sich zu weit vom Serien-Zeitakter des Werkes (Wartburg 311) entfernt. Edgar Barth aber wollte weiterhin Rennen fahren! Bald kam ein Angebot von seinem Freund Huschke von Hanstein aus Stuttgart-Zuffenhausen:

Edi sollte für Porsche starten. Der Mann aus Herold stellte daraufhin im DDR-Ministerium den Antrag, für das Porsche-Team zu fahren. Natürlich wollte er in seiner erzgebirgischen Heimat weiterhin verbleiben. Dieses Ansinnen brachte die Ideologie vollkommen durcheinander. Es kam, wie viele befürchtet hatten: Erst wurde der Antragsteller mit Hinhaltetaktik vertröstet, und als er dann ohne den staatlichen Segen Ostberlins das 1000 KM-Rennen auf dem Nürburgring 1957 im Porsche bestritt und mit einem Klassensieg beendete, reagierten die DDR - Mächtigen sehr, sehr schnell. Edgar wurde für den ostdeutschen Motorsport auf Lebenszeit gesperrt! Sein Name durfte in keiner ostdeutschen Sportzeitung mehr genannt werden. Schweren Herzens entschloß sich der neue Porsche-Werksfahrer im Westen Deutschlands zu bleiben. Vorerst wohnte er in seinem Wohnanhänger.
Jetzt kamen die ganz großen internationalen Rennveranstaltungen auf ihn zu: Porsche beteiligte sich sowohl an der Sportwagen-Weltmeisterschaft als auch an der Berg-Europameisterschaft. Edis ehemaligen Konkurrenten Wolfgang Graf Berghe von Trips, Richard von Frankenberg, Umberto Maglioli, Jean Behra, Joaquim Bonnier waren jetzt seine Stallgefährten mit denen er sich gut verstand. Trotz seiner großen Erfolge im Vier- und Achtzylinder Porsche blieb er der bescheidene und kameradschaftliche Typ aus dem Erzgebirge. Zusammen mit jüngeren Kollegen fuhr er für das Haus Porsche beachtliche Gesamt- und Klassensiege (bis 2000cc) bei den Läufen zur Sportwagen-Markenweltmeisterschaft ein. Darüber hinaus erkämpfte Edgar Barth in den Jahren 1959, 1963 und 1964 gegen internationale Spitzenklasse den Titel eines Berg - Europameisters.





Nachdem der zweimalige DDR-Meister im Automobil-Rennsport, Edgar Barth, nach der Auflösung des AWE-Rennkollektivs im Jahr 1957 ohne den Segen der roten Staatsdiener Ostdeutschland und somit seine erzgebirgische Heimat in Richtung Südwestdeutschland verließ, begann für den neuen Porsche-Werksfahrer sein internationaler motorsportlicher Aufstieg. Der Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein erkannte recht bald Barths Talent vor allem am Berg. Schon in der Vergangenheit zeigten die „Lenkradhelden“ für die unterschiedlichsten Arten der Rennstrecken besondere Vorlieben: Der fünfmalige Weltmeister Juan Manuel Fangio aus Argentinien beherrschte auf den Formel 1-Rennwagen von Maserati, Mercedes und Ferrari die Rundstrecken-WM-Kurse wie kein Zweiter. Sein einstiger Stallgefährte bei Mercedes, der Engländer Stirling Moss, feierte seine größten Erfolge bei den Langstrecken-Rennen. Doch auch auf den schwierigen Rundstrecken (Nürburgring, Monaco) zeigte dieser ungekrönte König des Wagen-Rennsports später sein fahrerisches Können. Der einstige Auto Union-Werksfahrer Hans Stuck glänzte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg am Berg. Noch im Alter von 60 Jahren holte er im BMW Klassensiege bei internationalen Bergrennen. Auf der Rundstrecke erkämpfte Edgar Barth 1957 im Werks-Porsche die Klassensiege bei den 1000 km auf dem Nürburgring und in Caracas, und beim WM-Lauf auf dem Nürburgring gewann er die Formel 2. Vor seinem ersten Bergrennen im Porsche erkundete der ehemalige Erzgebirgler geradezu akribisch die Piste: Manche Kurven schritt er zu Fuß ab. Der Lohn blieb nicht aus: Sieg am Schauinsland bei Freiburg. So hätte es weitergehen können. Das nächste Bergrennen lief am Gaisberg bei Salzburg. Die Trainingsfahrten verliefen erfolgversprechend. Bei der Rückfahrt vom Gaisberg-Gipfel verunglückte der Edi. Es folgten mehrere Wochen Krankenhaus-Aufenthalt. Im Jahr 1959 lachte dem Edgar Barth so richtig die Sonne: Nach dem Klassensieg der 12 Stunden in Florida folgte der Gesamtsieg mit Wolfgang Seidel bei der Targa Florio, einem Langstreckenrennen über 1008 km auf der Insel Sizilien. Am Berg erkämpfte Edi auf den Pisten am Mont Ventoux (Frankreich), am Trento Bondone (Italien) und am Schauinsland (Deutschland) drei Siege bei den Läufen zur Europa-Bergmeisterschaft. Dazu kam noch ein dritter Platz in Klosters-Davos (Schweiz) und Platz vier am Gaisberg (Österreich). Der Punkte-Vorsprung reichte zu Edis erstem EM-Titel.

Zu den Allerjüngsten gehörte der am 26. Januar 1917 geborene einstige zweimalige Automobil-DDR-Meister der Formel 2 (1952 und 1953) Edgar Barth nicht, als er im Jahr 1963 mit 46 „Lenzen“ seinen zweiten Titel eines Europa-Bergmeisters im Werks-Porsche erkämpfte. Er dominierte 1963 bei den Bergrennen am Rossfeld (Deutschland), Trento Bondone, in Cesana Sestrieres (Italien), am Schauinsland, in Ollon-Villars (Schweiz) und am Gaisberg. So gewann er im Jahr 1963 sechs der insgesamt sieben Wertungsläufe am Berg. Lediglich am Mont Ventoux verhinderte ein Reifenschaden den möglichen Sieg. Als härtester Rivale zeigte sich sein ehemaliger Porsche-Stallgefährte Hans Herrmann, der einen Abarth steuerte. Ein Jahr später siegte Edgar Barth gegen die Konkurrenz von Abarth, Ferrari und Ford bei den Bergrennen am Rossfeld, Mont Ventoux, Gaisberg, Trento Bondone, in Cesana Sestrieres und am Schauinsland. Großartig: Sechs Starts und sechs Siege! Dabei brach er alle seine Rekorde aus der Saison 1963 und verteidigte erfolgreich den Titel des Europa-Bergmeisters.

Für die Saison 1965 hatte der dreimalige Berg-Champion wieder einige Rennen im Zuffenhausener Rennsportwagen geplant, doch bereits im Spätherbst 1964 erlitt er einen Magendurchbruch . Einen Tag vor dem 1000 Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring, auf das er sich schon freute, schloss Edgar Barth in seiner neuen schwäbischen Heimat am 20. Mai 1965 für immer die Augen. Von allen seinen großartigen internationalen Erfolgen im Porsche, aber auch von seinem frühen Tod durften die Motorsportfreunde in Ostdeutschland auf Anweisung „von oben“ nichts erfahren, weil dieser Edgar Barth im Jahr 1957 illegal den Staat der „Arbeiter und Bauern“ verlassen hatte. So borniert waren die total verblendeten roten Sportfunktionäre in der früheren DDR! Noch jetzt erinnern Fotos in den Oldtimer-Programmheften des Gaisbergrennens und der Edelweiß-Classic an den beliebten dreimaligen Europa-Bergmeister.

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