Vergesst die alten Meister nicht

Hans Baltisberger

(1922 – 1956)

Text: Günter Geyler, Fotos: Geyler (2), Archiv









Im Frühjahr 1954 unternahmen wir von der Chemnitzer Motorsportsektion eine Busfahrt zum Mai-Pokal-Rennen nach Hockenheim, einem westdeutschen Motorrad-Meisterschaftslauf mit hervorragender internationaler Besetzung. Damals bekam der „brave“ DDR-Bürger ohne Schwierigkeiten die Reise-Erlaubnis nach dem Westen Deutschlands. Allerdings durfte nicht eine einzige Mark der „stabilen“ Ost-Währung ausgeführt werden. Um nicht in der Spargelstadt Hockenheim zu verhungern, nahm ich eine größere Menge Bäckerei-Erzeugnisse mit auf die Reise. Außerdem wollte ich in Hockenheim meine Rennfotos, die ich vorher bei den ostdeutschen Rennen von den „Westfahrern“ aufgenommen hatte, billig an diese Leute verkaufen. Hans Baltisberger aus Betzingen, inzwischen NSU-Werksfahrer, freute sich über die Bilder und zeigte sich keinesfalls geizig, obwohl er ein Schwabe war: Er gab mir das Fünffache des Betrages. Auch nahm er sich die Zeit, um mit mir zu plaudern.

Im Rennen der 125er Klasse auf der 7,7 Kilometer langen PS-Piste – zwei Geraden und nur zwei Kurven – ging Hans Baltisberger auf der Einzylinder-Rennfox gleich nach dem Start in Führung, gefolgt von seinem Stallgefährten Werner Haas. Ab Runde zwei setzte sich der amtierende Doppelweltmeister Haas an die Spitze, doch Baltisberger ließ sich nicht abschütteln: Er blieb im Windschatten von Haas und ging nach einem spannenden Rennen als Zweiter über die Ziellinie. Hinter ihm folgten die weiteren NSU-Werksfahrer Hermann Paul Müller und der Österreicher Rupert Hollaus. Lediglich der Weltmeister von 1951, Carlo Ubbiali auf MV Agusta, lag mit den Siegern noch in einer Runde. Im Lauf der Viertelliterklasse musste Baltisberger mit seiner Zweizylinder-Rennmax schon in der ersten Runde an die Boxen, verlor dort wertvolle Zeit und startete danach eine begeisternde Aufholjagd, indem er das gesamte Feld von hinten aufrollte. Hinter Haas, Müller und den Guzzi-Werkspiloten Enrico Lorenzetti (Italien) und Ken Kavanagh (Australien) belegte der Schwabe noch den fünften Platz.

Noch einmal fuhren wir Chemnitzer in der Saison 1954 nach Westdeutschland: Ziel unserer Reise war im Juli der Motorrad-Weltmeisterschaftslauf auf der Stuttgarter Solitude. Auf dieser 11,5 Kilometer langen idealen „Fahrer-Strecke“wollten wir, zusammen mit den 435 000 Zuschauern (!!!), die weltbesten Rennpiloten sehen und natürlich auch die Triumphfahrten der bisher in allen 1954er Rennen erfolgreichen NSU-Werksfahrer erleben. Inzwischen dominierte in der 125er Klasse der Regenfahrer Rupert Hollaus und bei den 250ern der Doppelweltmeister Werner Haas. Hans Baltisberger belegte in beiden Klassen meist vordere Plätze. Sein bestes Ergebnis: Platz zwei mit der 250er Rennmax in Nordirland nur 0,2 Sekunden hinter Haas. Von dem erfolgreichen NSU-Quartett konnte ich auf der Solitude allerdings nur die drei Werksfahrer Haas, Hollaus und Müller fotografieren. Baltisberger fehlte. Ausgerechnet auf seiner Stuttgarter „Heimatpiste“ stürzte der Schwabe schon am ersten Trainingstag im Mahdental und brach sich das Schulterblatt. Damit war für ihn die Saison 1954 im Juli beendet. Ein Jahr zuvor stürzte Baltis mit der 500er BMW beim Solitude-Training in der Glemseckkurve und verschrottete das Boxer-Motorrad. Bereits 1951 brachte die Solitude dem Hans Baltisberger kein Glück. Der Motorsport-Journalist Eugen K. Schwarz erlebte im Rennen der 350er Klasse den folgenden Zwischenfall: „Die um die Deutsche Meisterschaft 1951 kämpfenden Rudi Knees und Hans Baltisberger kamen im Ziel-Einlaufbogen beim Glemseck in der letzten Runde durch eine Kollision zum Sturz. Baltisberger versuchte, die nur wenige Meter vor dem Zielstrich zu Boden gegangene Maschine – eine AJS – über den Zielstreifen zu ziehen. Aber beim Sturz hatte sich der vordere Reifen mit dem Schutzblech derart verklemmt, dass die Maschine rollender Weise nicht mehr zu bewegen war. Der hagere Junge versuchte mit letzter Kraft, die flachliegende AJS mit Griff an die Vorderradfelge über die Ziellinie zu ziehen. Doch dann – etwa fünf Meter vor dem Ziel – brach der junge „Hans ohne Glück“ bewusstlos zusammen. Der so naheliegende Meistertitel war dahin!“

Erst 1955 lachte dem Baltis auch auf der Solitude die Sonne: Auf einer vom Werk geliehenen NSU-Sportmax mit Einzylinder-Motor fuhr er wieder als Privatfahrer, denn Ende 1954 zog sich NSU werksseitig vom Straßenrennsport zurück. Nachdem der Betzinger 1955 das Auftaktrennen auf dem Dieburger Dreieck gewann und beim Eifelrennen (DM-Lauf) erfolgreich war, siegte er endlich auf der Solitude. Ein weiterer Sieg auf der Eilenriede bei Hannover brachte ihm die Deutsche Meisterschaft in der 250er Klasse vor seinem Rivalen Hermann Paul Müller, der in jenem Jahr als Privatfahrer mit der 250er NSU-Sportmax die Weltmeisterschaft erkämpfte. Hans Baltisberger griff lediglich in Monza beim 1955er Endlauf in das WM-Geschehen ein. Nach hartem Spitzenkampf mit dem italienischen MV-Werksfahrer Carlo Ubbiali, bei dem Baltis die schnellste Runde fuhr, passierte er nur 0,3 Sekunden hinter dem Sieger die Ziellinie. Im Juli 1956 rollte der deutsche Motorrad-WM-Lauf wieder auf der Solitude. Obwohl die Werksmotorräder aus Neckarsulm fehlten, kamen trotzdem noch 300 000 Zuschauer an Deutschlands beste Motorrad-Rennstrecke, die vorher hervorragend ausgebaut war. Wir erlebten im Rennen der Klasse bis 250 ccm, wie Hans Baltisberger mit seiner NSU-Sportmax versuchte, die drei MV-Werksfahrer Ubbiali, Taveri und Venturi zu bedrängen und dabei in den Kurven mehr riskierte als seine Rivalen, doch leider offenbarte sich auf der Stuttgarter Berg-und Tal-Piste ein Nachteil seines Motorrads: Die Sportmax erreichte zwar noch die gleiche Spitzengeschwindigkeit wie die Fahrzeuge der Konkurrenz, verfügte aber nur über ein Serien-Viergang-Getriebe im Gegensatz zu den MV-Werksmaschinen mit sechs Gängen! So kam der Schwabe als bester Deutscher auf Platz vier.

Einen Monat nach dem WM-Lauf auf der Solitude lief das internationale Sachsenringrennen, allerdings ohne italienische Werksbeteiligung, und hier feierte Hans Baltisberger mit der aufgebohrten NSU-Sportmax in der 350er Klasse hinter dem DKW-Werksfahrer August Hobl einen zweiten Platz und auf der 250er Sportmax seinen ersten – und leider letzten – Sachsenring-Sieg vor weiteren großartigen Privatfahrern. Schon eine Woche später veranstalteten die Tschechen ihren „Großen Preis für Motorräder“ auf der früheren echten Straßenrennstrecke bei Brünn. Auch dieses Rennen am 26. August 1956 stand nicht im WM-Kalender. Im Lauf der 250er Klasse stürzte Baltisberger in einer durch einsetzenden Sprühregen schmierigen Vollgaskurve bei rund 200 km/h. Der Unglückliche prallte mit dem Kopf gegen einen Baumstumpf und war sofort tot. Da keiner der Konkurrenten seine erreichte DM-Punktzahl übertraf, verlieh man dem toten Rennfahrer posthum die Deutsche Meisterschaft 1956.

Der am 10. September 1922 geborene Hans Baltisberger fand schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Interesse an den kleineren Motorradrennen „Rund um den Dorfteich“, die bereits 1946 im Schwabenländle liefen. Noch vorher schlug sein Herz für die Musik – er soll ein guter Pianist gewesen sein - doch bald folgte Baltis dem Sound der hochdrehenden Rennmaschinen. Vorerst fuhr der gelernte Graphiker auf einer 250er Victoria. Ab 1948 nahm er als Ausweisfahrer auf einer älteren 500er Norton an größeren nationalen Rennen teil. Aufgrund seiner Erfolge bekam er bald darauf die Lizenz. Allerdings endete nicht jedes Rennen für den jungen Baltisberger mit einem Siegerkranz. Gelegentlich sah er sich gezwungen, unfreiwillig mit Krankenschwestern Dialoge zu führen und Ärzte zu beschäftigen. Als Lizenz-Neuling startete er vorwiegend in der Klasse bis 350 ccm auf der AJS „Boy Racer“. Bereits 1951 kämpfte der Schwabe um die Deutsche Meisterschaft. Sein Fahrstil begeisterte die Mächtigen der BMW-Rennabteilung, so dass sie ihn schon 1952 sporadisch auf die 500er Werksmaschine setzten, und 1953 gehörte Hans Baltisberger neben Georg Meier, Walter Zeller, Gerhard Mette (zuvor DDR-Meister 1951+1952) und Hans Meier zur BMW-Werksmannschaft. Damals zählte bei den Werksteams vorrangig das Können des Rennfahrers und nicht sein Bank-Konto. Als BMW ab 1954 nur noch Walter Zeller in der 500er Solo-Klasse als Werksfahrer einsetzte, war Baltisberger keinesfalls arbeitslos und musste auch nicht wieder auf seine 350er AJS zurückgreifen: Er bekam von NSU einen Werksvertrag und fuhr bei den WM-Läufen und den DM-Rennen in den Klassen bis 125 ccm und 250 ccm auf Rennfox und Rennmax.



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