Zündapp-Gespann

am Sachsenring 1952 in der 500 cc Klasse...

...und in der 750 cc Klasse

Bagge (re) - Schönherr 1953 im Porträt

Arbeit gab es immer genug...

Bagge-Schönherr 1953 auf der Halle-Saale-Schleife

Bagge-Schönherr 1954 auf der Solitude aktiv

Vergesst die alten Meister nicht

Das Chemnitzer Seitenwagen-Gespann Bagge / Schönherr

Text: Günter Geyler - Fotos: Bischoff (1), Geyler (7)


Heute, im Zeitalter der Elektronik, kann bei einem Motorradrennen beim Zieleinlauf zweier Konkurrenten der jeweilige Sieger des Wettbewerbs genauestens ermittelt werden. Selbst wenige Zentimeter Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweitplatzierten sind erkennbar! Aus diesem Grund sind die so genannten „Toten Rennen“ inzwischen Geschichte. Ganz anders war das noch in den 1950er Jahren: Bei augenscheinlichem gleichen Zieleinlauf wurden damals beide Rivalen als Sieger erklärt. In Schleiz, Dresden-Hellerau und auf dem Sachsenring erlebte man solche „Tote Rennen“.

Beim Sachsenringrennen 1953 gab es am Schluss des Laufs der Seitenwagengespanne bis 500 ccm echte Dramatik: Die Sachsenringsieger von 1952, Otto Schmid und sein „Schmiermaxe“ Otto Kölle aus Sindelfingen, führten mit einigen Sekunden Vorsprung vor dem Chemnitzer DDR-Meister-Paar von 1952, Fritz Bagge mit Kurt Schönherr. In der letzten Runde fuhren Schmid / Kölle, nachdem sie die Queckenbergkurve passiert hatten, siegesbewusst auf den Grünstreifen vor dem Zielturm, doch der lag noch rund 30 Meter vom Zielstrich entfernt. Sie stiegen beglückt von ihrer Norton, nahmen Sturzhelm und Brille ab – und waren erstaunt über das erregte Publikum auf der Start- und Zieltribüne. Die Rufe und Handzeichen der Zuschauer machten die beiden Ottos stutzig. Endlich erkannten sie, dass sie den Zielstrich noch gar nicht erreicht hatten. Nun schoben sie ihr Gespann unter Aufbietung aller ihrer Kräfte der Ziellinie entgegen. In diesem Moment kamen die nachfolgenden Chemnitzer mit ihrer Norton den Queckenberg hochgeschossen. Unter den Anfeuerungsrufen der Massen erreichten die beiden Schiebenden zusammen mit dem fahrenden Gespann Bagge / Schönherr zur gleichen Zeit das Ziel und bekamen gemeinsam den ersten Platz zugesprochen.

Für das ostdeutsche Seitenwagen-Gespann war dieser Sieg 1953 etwas ganz Besonderes, denn jeder Motorrennsportler aus der sächsischen Industriestadt Chemnitz - in den 1950er Jahren waren das rund 20 Straßen-Rennfahrer auf zwei, drei und vier Rädern - betrachtete den Sachsenring als seine Hausstrecke.

Der am 1. Februar 1914 geborene KFZ-Meister Fritz Bagge begann bereits vor dem Zweiten Weltkrieg auf einer 750er BMW mit Leistungsprüfungs- und Geländefahrten. Nach dem Krieg startete er 1949 mit einem Zündapp-Gespann und Radulf Teichmann als Ausweisfahrer. Ab 1950 beteiligte sich Bagge als Lizenzfahrer, zusammen mit dem 19 Jahre jüngeren Beifahrer Kurt Schönherr (* 10.2.1933) an nationalen Rennen in Ost- und Westdeutschland. Die beiden erreichten gute Platzierungen in Schleiz, auf dem Sachsenring, in Nürnberg, Hof und Dessau. Ein schwerer Sturz auf dem Leipziger Stadtparkkurs mit Totalschaden des Motorrads überschattete ihre Saison 1951. Ein Jahr später fuhren sie mit zwei Motorrädern: Mit der 500er Zündapp und dazu noch mit einer 750er BMW. Es stellten sich Erfolge in Dresden, Rostock, Halle, Leipzig, Schleiz, Schotten und auf der Eilenriede ein. Gegen starke ostdeutsche Konkurrenz, die größtenteils auf BMW-Maschinen startete, - Suhrbier/ Pöschel, Kozien/ Roediger, Stöckel/ Zimmermann - holten die zwei Chemnitzer in der 500er Klasse die DDR-Meisterschaft 1952. Erstaunlich, was Fritz Bagge und Kurt Schönherr in fahrerischer Hinsicht, aber auch beim Tunen ihrer Vorkriegs-Serien-Zündapp leisteten! Bei den 750ern lagen sie am Ende 1952 hinter dem Thüringer Paar Fräbel / Jacobi auf DDR-Platz zwei.

Zu der 750er kam 1953 noch eine 500er BMW mit Stoßstangen-Motor hinzu. Beide Maschinen waren zwar schnell, aber leider nicht immer standfest. Die 750er wurden nur noch in Ostdeutschland in der Rennsaison 1953 letztmalig gestartet. In der „kleinen“ Gespannklasse konnten die beiden Chemnitzer auf der BMW lediglich in Rostock einen Sieg erkämpfen, in Leipzig, Dessau und Halle fielen sie mit Motorschaden aus. Eine Wende brachte der Kauf eines 500er Norton-Gespanns noch vor dem Sachsenring-Rennen. Nach dem ersten Platz in Hohenstein-Ernstthal folgte noch ein dritter Rang auf dem Schleizer Dreieck. Die DDR-Meisterschaft der 500er Gespanne ging 1953 an Richter/Klim vor Suhrbier/Pöschel und Bagge /Schönherr.

Auf dem Norton-Gespann siegten 1954 die Chemnitzer in Rostock und Halle gegen starke west- und ostdeutsche Konkurrenz. Dazu kam ein zweiter Rang auf dem Sachsenring hinter dem hessischen Paar Faust/Remmert und Platz sechs (3. DDR-Platz) beim Meisterschafts-Endlauf in Schleiz. Damit lagen Bagge/Schönherr in der DDR-Meisterschaft vor den BMW-Rivalen Richter/Klim und Trinkhaus/Haustein und erkämpften wiederum den Titel. Natürlich starteten die besten ostdeutschen Gespanne auch auf den westdeutschen Pisten. Trotz ihrer tapferen sportlichen Leistungen mussten sie sich im Kampf gegen die britischen Norton-Werksfahrer und gegen die neuen, überlegenen BMW RS 54 der westdeutschen Akteure geschlagen geben.

Die Rennsaison 1955 begann für Fritz Bagge und Kurt Schönherr (rechtes Bild heute) gleich mit einem Problem: Die in Aussicht gestellte neue Norton war vor dem Rennen in Leipzig noch nicht greifbar, so dass die beiden Experten auf ihre frühere Stoßstangen-BMW zurückgriffen. Mit viel Geschick brachten sie das alte Motorrad wieder zum Laufen, und es lief erstaunlich gut, denn vor dem starken „Westgespann“ Ritter/Blauth auf BMW RS 54 gewannen sie das Leipziger Rennen. Auf dem Sachsenring startete nahezu die gesamte Weltelite: Voran die Weltmeister 1955 Faust/Remmert vor den 1954er Champions Noll/Cron. Auf ihrer Norton belegten die Chemnitzer den siebten und somit ersten DDR-Platz. In Schleiz stellte sich nach der schnellsten Runde der DDR-Fahrer ein Motorschaden ein. Trotzdem genügten Bagge/Schönherr die erreichten Punkte für eine erneute DDR-Meisterschaft vor Neumeister/Barth (BMW) und Krenkel/Pöschel (Norton). Beim DDR-Meisterschaftslauf im Leipziger Stadtpark 1956 lachte den dreimaligen ostdeutschen Titelträgern aus Chemnitz noch einmal die Sonne: Mit der vollverkleideten Norton siegten sie vor den BMW-Gespannen Großmann/Heß aus Schwaben und den Sachsen Richter/Klim. Die beste DDR-Platzierung auf dem Sachsenring ergab am Ende der Saison 1956 für Bagge/Schönherr noch den dritten Platz in der DDR-Meisterschaft hinter Krenkel/Pöschel und Richter/Klim.

Leider erreichten die Chemnitzer nicht mehr bei jedem Rennen das Ziel: Trotz intensiver Motorpflege zeigte die Norton inzwischen „Altersbeschwerden“. So war es dann auch in der Saison 1957. Nach wie vor starteten die beiden „Artisten auf drei Rädern“ ebenfalls auf den Strecken Westdeutschlands. Spitzen-Ergebnisse waren aufgrund der BMW-Dominanz (RS 54) für die „Ostzonesen“ (so nannte man im Westen scherzhaft alle Ostdeutschen) nicht mehr möglich, dafür aber beachtliche Mittelfeld-Plätze. Ein letztes Mal fuhren Bagge/ Schönherr 1958 in Schleiz - endlich auf einer BMW RS 54. Danach trennten sich ihre Wege: Fritz Bagge verließ noch Ende der 1950er Jahre den „Arbeiter- und Bauern-Staat“ und wanderte nach Westdeutschland aus. Dort verstarb er in den frühen 1960er Jahren. Kurt Schönherr blieb in Chemnitz. Er beteiligt sich noch gern an den Treffen der ehemaligen „Schmiermaxen“. Im Februar 2013 hat er die 80 erreicht…


zurück