Der Tod kam in der letzten Runde

von Franz Besendörfer

Sie waren voller Zuversicht und auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Vor 45 Jahren verunglückten die Ebersberger

Hans Attenberger


Sepp Schillinger



auf der belgischen Rennstrecke von Spa / Francorchamps. Ihr Gespann raste mit voller Geschwindigkeit in ein Haus.

Der Autor des Berichts, Franz Besendörfer, war damals als Sportfotograf an der Strecke. Er fotografierte seinerzeit für einige namhafte Motorsportzeitschriften, u. a. für die bekannte englische „Motorcycle-News“ und war auf nahezu allen Rennstrecken unterwegs. Zudem unterhielt er freundschaftliche Kontakte zu vielen Fahrern der Szene.

7. Juli 1968, nachmittag, 16.30 Uhr. Francorchamps in Belgien. Die Sonne hat sich hinter einer grauen Wand aus Dunst und Schleierwolken versteckt und taucht die Landschaft in trübes Licht. Schwüle liegt über den Ardennen, dem mäßighohen Gebirgszug, der hier in den Hohen Venn übergeht. Die klassische Rennstrecke von Francorchamps liegt eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, ein paar Kilometer außerhalb des Ortes. Der vierte Weltmeisterschaftslauf der Saison für Motorräder geht langsam zu Ende, nur noch der Lauf der Gespanne steht auf der Tagesordnung. Start 16.45 Uhr. Die Fahrer sammeln sich mit ihren stromlinienförmigen Seitenwagenmaschinen, man nennt sie „Kneeler“, auf der Start- und Zielgeraden vor den Boxen. Unter ihnen das hellblaue Gespann von Attenberger/Schillinger aus Ebersberg. Es trägt die Startnummer 28. Sie mischen in diesem Jahr in der Weltmeisterschaft ganz vorne mit, die beiden Oberbayern.

In keiner Klasse stehen sich allerdings so viele gleichwertig gute Fahrer gegenüber, wie bei den Gespannen und nirgends wird so beinhart um den Sieg gekämpft wie hier. Strahlende Sieger mit durchgescheuerter Lederkombi Eine Woche vorher, beim WM-Lauf in Assen/Holland, standen Hans Attenberger und Sepp Schillinger, nach einem Rennen auf Biegen und Brechen, mit Lorbeerkränzen auf dem Siegerpodest. Die Lederkombi vom Beifahrer Sepp Schillinger war in Hüfthöhe durch Aufsetzen und Schleifen auf dem Asphalt aufgerissen und rohes Fleisch war zu sehen, handflächengroß. Doch sie strahlten vor Freude, sie waren Sieger. Und sie sammelten wertvolle WM-Punkte.

Aber heute ist ein anderer Tag, der Tag von Francorchamps und die Karten werden wieder neu gemischt. Attenberger/ Schillinger schieben ihr BMW-Gespann in die erste Startreihe, wo die schnellsten Fahrer stehen. Sepp Schillinger lacht. Er lacht fast immer, wenn er einem begegnet, aber diesmal kann er die Spannung hinter seinem Lachen nicht verbergen. Es wirkt jedenfalls nicht so unbekümmert wie sonst. Hans Attenberger hingegen verkörpert die totale Anspannung. Er hat keinen Blick für den Fotografen übrig, mit dem er am Abend zuvor noch gemütlich beisammen saß und der jetzt schnell noch ein Bild von ihm schießen will. Der Wille zum Sieg steht in seinem Gesicht. Nein, einer wie Attenberger zieht die Gefahr nicht in sein Kalkül, die dieser Sport in sich birgt, er ignoriert sie. Siegen ist sein Wunsch, Siegen ist seine Wahrnehmung und sein Richtungspunkt. Attenberger, der Kämpfer, er kann nicht anders, er ist wie er ist.

Die Startflagge senkt sich und zwei Dutzend Gespanne brausen donnernd zur Anhöhe hinauf, die an ihrem Scheitelpunkt in eine schnelle Rechtskurve mündet. Attenberger/ Schillinger, leicht zu erkennen mit ihrem Linksbeiwagen, sind ganz vorne mit dabei. In den ersten Runden, harte Positionskämpfe um die Spitze. Enders/Engelhardt und Fath/Kalauch fallen wegen Motorschäden aus. Dann die fünfte Runde. Attenberger/ Schillinger biegen als erste in die lange Start/Ziel-Gerade ein. Sie sind es plötzlich, die das Rennen anführen, dicht hinter ihnen im Windschatten das Gespann Auerbacher/ Hahn. Auch in den nächsten Runden liegen die Ebersberger vorne, aber immer gefolgt von dem Gespann Auerbacher. In jeder der folgenden Runden, exakt an der Stelle wo der Fotograf steht und seine Bilder schießt, dreht sich Attenberger kurz nach seinem Verfolger um. Er wirkt nervös, sehr nervös. Kann er die Spitze halten? Macht der Motor mit, hält er bis zum Ziel durch? Wenn er dieses Rennen gewinnt, stößt er die Tür zum Weltmeistertitel weit auf, und das weiß er. Auerbacher in Lauerpositon wirkt im Gegensatz zu ihm ruhig, man könnte fast meinen, er besäße noch ein paar versteckte PS, die er im entscheidenden Augenblick abrufen könne. Dann die letzte Runde. Sie kommen zum letzten mal den Berg herauf, Attenberger / Schillinger noch immer an der Spitze. Sie passieren den Fotografen, stechen in die folgende Rechtskurve und entschwinden, sie entschwinden für immer... Der Fotograf hat noch die Gelegenheit für ein allerletzts Foto. 45 Sekunden später kommen sie bei einer Geschwindigkeit von 200 Km/h von der Strecke ab, das Gespann rast in ein Haus. Sie sind auf der Stelle tot.

Aber noch weiß es niemand, außer ihren Verfolgern Auerbacher / Hahn die das furchtbare Unglück hautnah erleben und sogar noch um ein Haar darin verstrickt werden. Am Ende der 14 Kilometer langen letzten Runde passieren sie in langsamer Fahrt als Sieger die Ziellinie. Ein Notarztwagen in rasendem Tempo macht sich auf dem Weg. Die Menschen auf der langen Tribüne bei Start und Ziel fahren erschrocken hoch. Wo sind Attenberger / Schillinger? Was ist geschehen? Am Abend, im Fahrerlager herrscht Totenstille, bittet man den Sieger Georg Auerbacher, die beiden Verunglückten zu identifizieren. Gesetz ist Gesetz, auch in Belgien. Ja, sagt Auerbacher, der noch unter Schock steht, es ist Hans Attenberger aus Ebersberg, es ist Sepp Schillinger aus Oberndorf. Ein Beamter der belgischen Behörde schreibt diese Worte sorgfältig in das amtliche Protokoll. Es ist das Protokoll der Tragödie vom 7. Juli 1968.

Tage später, bei der Beisetzung in Ebersberg und Oberndorf, wo der Schillinger Sepp zuhause ist, sind sie dann alle da und geben den Verunglückten die letzte Ehre. Wie hießen sie noch, die Asse der Gespannklasse? Georg Auerbacher aus Bad Wörishofen, Helmut Fath, Klaus Enders, Siegfried Schauzu, Arsenius Butscher und Heinz Luthringshauser. Auch der Fotograf ist da, der die letzten Bilder schoss. Die Wunden sind inzwischen vernarbt, doch Ebersberg wird seine Söhne nicht vergessen. Auch nicht fünfundvierzig Jahre nach dem tragischen Ereignis. Eine Straße wurde nach den beiden Motorsportlern benannt, das Grab am Friedhof wird oft besucht. Einige ihrer damaligen Mitstreiter leben noch, andere sind bereits verstorben. Doch die Erinnerung lebt.....



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04.07.2013

Vielen Dank an Franz Besendörfer für die Erlaubnis zur Übernahme dieses Berichts