Frantisek Stastny und der Sachsenring
© Text und Fotos: Günter Geyler

Stastny 1954 am Sachsenring Nachdem ich 1954 die weltbesten Motorrad-Rennfahrer in Hockenheim und auf der Stuttgarter Solitude fotografiert hatte, reiste ich zu meinem „Heimatrennen“ nach Hohenstein-Ernstthal. Dort waren die eingegangenen Nennungen zum Sachsenringrennen wirklich nicht berauschend: Die westdeutschen Firmen BMW und NSU beteiligten sich an der Motorrad-WM und an den Läufen zum Deutschen Championat, an einer Sachsenring - Teilnahme bekundeten sie aber kein Interesse. Zum Glück erschienen, wie bereits 1951 und 1953, einige gute Rennfahrer aus dem benachbarten Tschechien und gaben somit der Veranstaltung einen internationalen Charakter. Beim Betrachten des Programmheftes vermutete ich, im Gegensatz zu Hockenheim und Stuttgart, in den Motorrad-Soloklassen eher farblose Rennen. Ganz so mager war das Sachsenringrennen 1954 dann doch nicht! Zusammen mit den rund 200.000 Zuschauern erlebte ich dort einen bisher international noch unbekannten Weltklassefahrer!
Auf einer 500er Zweizylinder Jawa, die reichlich 50 PS leistete, begeisterte der tschechische Werksfahrer Frantisek Stastny (Foto oben) im Rennen der Halbliter-Klasse mit seinem neuartigen, beherzten Kurvenstil die Massen: Er neigte seinen Oberkörper stärker als sein Motorrad nach der jeweiligen Kurveninnenseite. Immer größer wurde die Distanz zwischen ihm und seinen westdeutschen Verfolgern: Hans Bartl auf BMW, Fritz Kläger auf Horex und Gert von Woedtke auf Norton konnten mit ihren Maschinen nichts gegen den dominierenden Spitzenfahrer der damaligen CSSR und dessen Jawa ausrichten. In Runde sieben von zwölf zu fahrenden Runden fehlte plötzlich der Spitzenreiter mit seinem durch die 16 Zoll-Räder niedrig wirkenden Motorrad: Ein Hund war ihm auf dem schnellen Streckenteil unterhalb der ehemaligen Gaststätte „Heiterer Blick“ in die Maschine gelaufen! Mit Beinprellungen und Blutergüssen erreichte der Unglückliche unter fürchterlichen Schmerzen gerade noch das Fahrerlager. Dort hoben ihn seine Helfer vom Motorrad. Den Sieg holte sich dadurch Hans Bartl vor Fritz Kläger.
Stastny mit Eric Hinton, Australien Nachdem der gute Frantisek auf dem alten Sachsenring unfreiwillig den Hund eines Hohensteiner Bauern geschlachtet hatte, kam er in den Folgejahren immer wieder an den Ort des Geschehens zurück, überwiegend mit der schnellen, aber auch störanfälligen 350er Jawa. Hielt das Zweizylinder Motorrad, dann platzierte sich Stastny stets im Vorderfeld, so 1958 (Foto links mit dem Drittplatzierten Eric Hinton, Australien) und 1961, wo er in der Klasse bis 350 ccm jeweils den zweiten Rang belegte. In den Jahren 1959 und 1960 führte der Tscheche überlegen vor den damals weltbesten Norton-Privatfahrern John Hempleman (Neuseeland) und Jim Redman (Rhodesien). Leider aber zwang ihn in beiden Jahren ein Maschinenschaden wenige Runden vor dem Zieleinlauf zur Aufgabe des Rennens.

Beim Weltmeisterschaftslauf 1966 in Hohenstein - Ernstthal ging Frantisek Stastny, ebenso wie der Brite Mike Hailwood, in drei Klassen an den Start: In der Viertelliterklasse belegte er auf CZ Platz sechs, bei den 350ern (Foto unten vor seinem Landsmann Gustav Havel) kam der Tscheche mit der Jawa hinter Agostini als Zweiter ins Ziel.
Stastny in der 500 cc Klasse Im 20 Runden-Rennen der 500er Solomaschinen hingen anfangs die beiden Weltklassefahrer Giacomo Agostini und Mike Hailwood wie die Kletten aneinander. Leider hielt Hailwoods Honda-Motor nur fünf Runden. Agostini lag mit der MV Agusta nun einsam an der Spitze. Frantisek Stastny fuhr auf seiner Jawa ein großartiges Rennen und erkämpfte in Runde elf den zweiten Platz (Foto links) vor den beiden Australiern Jack Findlay (Matchless) und Jack Ahearn (Norton). Nach dem 17.Umlauf musste er sich allerdings auch von dem führenden Italiener überrunden lassen. Nachdem Agostini die 19. und damit vorletzte Runde beendet hatte, machte sich Rennleiter Hans Zacharias fertig zum Abwinken des Siegers. Doch anstelle von Agostini kam Stastny auf der Jawa ins Ziel geschossen und wurde fälschlicherweise abgewunken, obwohl der erst die 19. Runde beendet hatte. Im Durcheinander der Ereignisse schickte der Rennleiter den Tschechen und dessen Mitstreiter für eine weitere Runde ins Rennen.
Stastny Porträt Anschließend beschloss die Jury, nur 19 Umläufe zu werten, und dabei passierte sowohl der Rennleitung als auch den Verantwortlichen von MV Agusta ein peinlicher Fehler, so dass die 19 Runden des in der Schlussrunde gestürzten Agostini unberücksichtigt blieben und somit der Tscheche Frantisek Stastny den Sieg „erbte.“ Trotz der Fehlentscheidung der Rennleitung gab es wohl keinen, der dem tapferen Frantisek diesen Erfolg nicht gönnte! Das war Stastnys letzter GP-Sieg! Auf den Viertakt-Maschinen von Jawa und CZ fühlte er sich wesentlich wohler, als auf dem später entwickelten Vierzylinder Zweitaktmotorrad aus Prag, mit dem 1969 der Engländer Bill Ivy auf dem Sachsenring tödlich verunglückte. Die großen Triumphe blieben für den „Altmeister“ nach dessen Viertakt-Ära aus. Als Frantisek Stastny Anfang der 1970er Jahre als Sportkommentator beim Tschechischen Fernsehen seine Brötchen verdiente, konnte der Allround-Sportler - er war vor seiner Motorrad-Zeit ein überaus erfolgreicher Eishockeyspieler, Eisschnellläufer und Radrennfahrer - auf vier Grand-Prix-Siege zurückblicken: 1961 gewann er jeweils auf der 350er Jawa in Hockenheim und in Kristianstad (Schweden) und erkämpfte mit weiteren guten Platzierungen in jenem Jahr hinter dem MV Agusta-Pilot Gary Hocking (Rhodesien) die Vizeweltmeisterschaft. 1965 siegte Frantisek mit der 350er beim Ulster Grand-Prix (Irland) und 1966 in der 500er Klasse beim Großen Preis der DDR.
Auf den Pisten seines Heimatlandes gewann der Tscheche sechzig Mal.
Die Kehrseite der Medaille: Als Motorrad-Rennfahrer erlitt Stastny viele Stürze, brach sich dabei insgesamt 27 Knochen und musste den Verlust einer Niere beklagen.
Mit dem Motorrad-Rennsport hatte der am 12. November 1927 geborene Tscheche im Jahr 1947 auf älteren Rennmaschinen (DKW, Norton, Velocette) begonnen. Nach einigen Erfolgen bei Straßenrennen im Moldau-Land stieg er 1953 als Test- und Rennfahrer bei Jawa ein. Dort traf er auf den Sachsenring-Sieger Gustav Havel. Frantisek Stastny war ein Held ohne WM-Titel und zu  s e i n e r Zeit der beste Motorrad-Rennpilot aus dem Ostblock! Besonders gern fuhr er auf den früheren echten Naturrennstrecken (Englische TT, Ulster TT, Brünn). Nach langer Krankheit gab am 8.April 2000 die „Kurbelwelle“ des sympathischen Motorsportlers aus dem Nachbarland den Dienst auf...

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