Man nehme ein BMW - Renngespann, entferne den Seitenwagen, ändere diverse Kleinigkeiten und starte damit bei einem Rennen um die Schweizer Meisterschaft in der Halbliterklasse. Sie denken jetzt das gibt es nicht. Doch das gab es. So geschehen bei einem Lauf zur Schweizer Meisterschaft des Jahres 1957. Durch besagtes Rennen wurde der spätere Seitenwagenweltmeister

Fritz Scheidegger

Champion seines Landes in der Halbliter - Soloklasse. Warum ich das schreibe? Es drückt die Vielseitigkeit eines Mannes aus, der nicht nur auf drei Rädern erfolgreich war.

Im Folgenden will ich versuchen, diesen doch recht außergewöhnlichen Motorsportler etwas zu beschreiben. Wie so viele Rennfahrer absolvierte Fritz Scheidegger zuerst eine Lehre als KFZ-Mechaniker. Sein Lehrmeister Anton Weber hatte offenbar viel Freude an seinem Lehrling, für den das Motto galt: richtig oder garnicht. Eine Lebensauffassung, die wesentlich zu seinen späteren Erfolgen beigetragen hat. Sein Lehrherr und Chef unterstützte dabei Fritz in dessen Bemühungen, im Motorsport "Fuß zu fassen". Scheidegger beteiligte sich dabei sowohl bei Grasbahn- als auch bei Berg- und Rundstreckenrennen. Mit einer Norton gelang ihm sein erster Sieg auf der Grasbahn von Belp, nahe Bern gelegen. Inzwischen hatte Fritz aber auch sein Interesse am Gespannsport entdeckt. Dazu bedurfte es natürlich eines Beifahrers.

Jetzt kam "Gevatter Zufall" ins Spiel. Sein von nun an langjähriger Beifahrer Horst Burkhardt hatte sich eigentlich beim Oltener Edgar Strub als Beifahrer beworben. Dieser besuchte dann Horst in dessen Heimatstadt Hechingen und befand ihn für "würdig", in dessen Dienste als Beifahrer und Mechaniker zu treten. Zwar war Strub ein exzellenter Fahrer und Mechaniker, aber die Entlohnung in Form von Speise und Trank, sowie ein "Komfortschlafplatz" im Transporter war nicht gerade das, was man sich als Aktiver im Motorsport vorgestellt hatte. Da kam die Offerte von Scheidegger, für ihn als Beifahrer tätig zu werden, gerade recht.


Bei aller Begeisterung für die Rennen auf der Grasbahn, auch den Titel des Schweizer Meisters - das Ziel lautete fortan natürlich, sich auf der Straße mit den Besten der Welt zu messen. Diese Gelegenheit sollte sich noch im gleichen Jahr bieten. Fritz Scheidegger hatte sich, mit Beifahrer Horst Burkhardt, als Starter für den letzten WM-Lauf des Jahres auf der Monza - Strecke beworben. Natürlich kam prompt eine Absage, zu viele Bewerbungen bereits eingegangen. Zu viele Bewerbungen hieß in dem Fall 40 bei nur 30 möglichen Startern. Jetzt setzte "Schweizer Hilfsbereitschaft" ein. Der in der Szene bekannte Hans Haldemann und "Flo" Camathias intervenierten zugunsten von Scheidegger-Burkhardt beim italienischen Veranstalter für eine Startbewilligung für das noch relativ unbekannte Duo. Ergebnis der Intervention: sie durften an der Qualifikation teilnehmen und wenn innerhalb der besten 30 Fahrer einkommen, auch starten. Eine an und für sich noch normale Bedingung. Ungewöhnlich aber die zweite Bedingung. Da schon mehrere Schweizer Gespanne genannt hatten, so der Veranstalter, war das Schweizer Kontingent schon ausgeschöpft. Sie hätten als quasi Neulinge nur die Möglichkeit, sich als Österreicher zu bewerben, da von dort keine Bewerbungen eingegangen waren. Internationalität auf italienisch... Mit einem erfreulichen 14. Rang bei der Qualifikation schaffte man dann auch die Rennteilnahme. Der Plan, sich etwa im Mittelfeld zu klassieren schien aufzugehen. Doch es sollte im Rennen ganz anders kommen. Es gelang, sich an vielen Kontrahenten vorbei zu schieben und siehe da, als die Zielflagge fiel, stand ein hervorragender 4. Platz (Bild unten) für die Neulinge in den Ergebnislisten, sehr zum Leidwesen von Jacques Drion, der vergeblich versuchte, "ein Haar in der Suppe" zu finden. Es gab keins, man muß eben nur schnell fahren.

Die Karriere des Fritz Scheidegger hatte Fahrt aufgenommen und es zeigte sich, das Gespann Scheidegger-Burkhardt passte einfach. So konnte Fritz getrost in die Zukunft sehen, was hier 1958 hieß. Natürlich war klar, so wie in Monza würde es nicht weiter gehen. Das gute Abschneiden in Monza brachte für Fritz und seinen Co. für 1958 aber bessere Startmöglichkeiten ein als das ohne dieses Achtungszeichen geschehen wäre. Zwar erreichte man in dem Jahr keine Punkte in der WM, aber das lag wohl mehr am schwachbrüstigen BMW - Motor als an Fritz und seinem Passagier. Trotzdem reichte es für viele gute Platzierungen, wie zum Beispiel in Budapest, als man gewann. Bereits hier tauchten bei Scheidegger erste Gedanken auf, wie man einen weiteren Nachteil, den der Langenthaler gegenüber seinen Kollegen hatte, kompensieren könnte. Dieser Nachteil war seine Körpergröße mit über 1,80 Meter. Das brachte für ihn mehr Luftwiderstand, bedingt durch die sitzende Position. Die Idee vom Kneeler begann Fuß zu fassen. Dabei war es kein Problem, für eine solche Idee den Schweizer Edelbastler und Lieferant zahlreicher weiterer Pläne, Rudi Kurth, zu gewinnen. Der Mann aus Worben sprühte nur so vor Ideen, wobei allerdings nicht alles auch umsetzbar war. Später war er ja selber in der Sidecar - WM unterwegs und bestach durch Innovation, Ausfälle und auch gute Resultate.

Das Jahr 1959 sollte dann das bis dato erfolgreichste Jahr von Fritz Scheideger und Co. Horst Burkhardt werden. WM - Dritter in der Gesamtwerung, erster Grand Prix Sieg im französischen Clermont - Ferrand, vor dem Weltmeisterpaar des Jahres Walter Schneider mit Beifahrer Hans Strauß. Die Sprossen der Karriereleiter von Fritz Scheidegger erwiesen sich als stabil, um 1960 eventuell eine weitere Sprosse nach oben steigen zu können. Auf dem Bild sehen wir von links: Walter Schneider, Fritz Scheidegger, Hans Strauß, Horst Burkhardt, Edgar Strub und Jo Siffert. 1959 hatte sich gezeigt, Fritz Scheidegger war in der Weltspitze angekommen. Nach dem Rücktritt des Weltmeisterpaares Schneider-Strauß und den ungleichmäßigen Leistungen von "Flo" Camathias, so die Fachleute, waren für 1960 Scheidegger-Burkhardt reif für den Titel. Doch da gibt es leider noch den schönen Spruch: "erstens kommt es anders und zweitens als man denkt".

Dieser Spruch bezog seine Gültigkeit auf Helmuth Fath, der mit einem sauschnellen Motor an die Strecken gekommen war. Ob Fath dabei von den exzellenten Kenntnissen seines Beifahrers Alfred Wohlgemuth profitierte, welcher bei der Firma Bosch tätig war, darüber darf spekuliert werden. Fakt bleibt, gegenüber Fath war Scheidegger technisch im Nachteil. Zwar wurde 1960 der Vizeweltmeistertitel geschafft, also eine Platzierung besser als im Jahr vorher, aber der ganz große Sprung, wie erhofft, gelang nicht. Demnach hieß es erneut warten auf das nächste Jahr, also 1961. Die, wie bereits erwähnt, schon länger existierende Idee vom sogenannten Kneeler wurde nun umgesetzt. Ein zweiter Platz in Barcelona und ein Sieg beim nächsten Rennen in Clermont-Ferrand, vor Deubel-Hörner, brachte das schweizerich-deutsche Gespann in die WM - Führung. Leider hatte es am Nürburgring (nicht zur WM gehörend) zwischenzeitlich einen schweren Unfall von Fath gegeben, bei dem Alfred Wohlgemuth sein Leben lassen mußte. Doch zurück zur WM. Für Assen und Spa hatten sich die BMW - Leute erweichen lassen. Fritz erhielt einen der begehrten Kurzhub-Werksmotoren. Leider war in Assen diesmal das Glück gegen den Schweizer. Auf Verfolgungsjagd zur Spitze brach das Seitenwagenrad. Auch ein Sieg beim nächsten Lauf auf dem Ardennen-Kurs in Spa nützte nichts mehr. Deubel-Hörner reichte ein zweiter Platz in Belgien für den Weltmeistertitel. Wieder langte es für Scheidegger "nur" zur Vizeweltmeisterschaft. Als ihnen im Herbst 1961 im BMW-Werk in München mitgeteilt wurde, man werde 1962 nur noch Deubel-Hörner unterstützen stand für Fritz und Horst fest: das war es mit der Rennsportkarriere. Ohne Werksunterstützung gibt´s keine Chance gegen Deubel-Hörner. Fritz trieb es zu einer bürgerlichen Existenz und Horst wollte endlich die Meisterschule besuchen.

Oft kommt es aber anders als geplant. Fritz bekam von Otto Kölle für 1962 einen schnellen Kurzhuber von BMW angeboten und wollte nicht nein sagen. Horst konnte nicht nein sagen, als Camathias ihn anfragte, ob er nur für ein Rennen seinen Stammbeifahrer ersetzen möchte. Dieses eine Rennen erstreckte sich dann bis zur TT auf der Isle of Man, wo sie einen schweren Unfall hatten, was das endgültige Aus für die Karriere von Horst bedeutete. Derweil hatte Fritz Scheidegger in Person des Engländers John Robinson einen neuen Beifahrer "aufgetrieben". Es dauerte dann bis zum GP von Assen 1962, bis die beiden zusammengefunden hatten und ihren ersten Sieg erreichten. Sowohl 1962 als auch 1963 reichte es letztlich wieder nur für Rang 3 in der WM. Die Wende kam in 1964, als Scheidegger nach einem Unfall von Ludwig Hahn dessen Gespann erwerben konnte und dabei einen absoluten Glücksgriff tat, indem dessen Mechaniker Dieter Busch ebenfalls zu Scheidegger wechselte, auf Empfehlung des verunfallten Ludwig Hahn. Zwar reichte es für 1964 wieder nur zum Vizetitel, aber in 1965 gelang den inzwischen sehr gut harmonierenden Gespannpaar Scheidegger-Robinson den amtierenden Weltmeistern Deubel-Hörner den Titel abzunehmen. Das steigerte sich noch bis zum Jahr 1966, als man alle (!) Läufe gegen Deubel-Hörner gewinnen konnte und neuerlich Weltmeister wurde. Eigentlich wollte er nun seine Laufbahn beenden und sich mehr um seine Servicestation mit Restaurant in der Schweiz kümmern. Freunde und Bekannte überzeugten ihn aber, einen möglichen dritten Titel ins Auge zu fassen. Dann kam der tragische Ostersonntag des Jahres 1967. Im englischen Mallory Park riss ihm die Bremsverankerung an seiner Maschine. Das Gespann fuhr ungebremst über eine Haarnadelkurve hinaus und überschlug sich. Während Beifahrer Robinson mit schweren Verletzungen davonkam, verstarb Fritz Scheidegger noch an der Unfallstelle. Das Rennfahrerschicksal hatte bei dem besonnenen und sicheren Fahrer Fritz Scheidegger hart zugeschlagen.
Bei den Beisetzungsfeierlichkeiten kam es dann noch zu einem Eklat. Der Pfarrer hatte bei seiner Grabreden gegenüber dem Motorsport verletzende Worte geäußert, wofür er sich später entschuldigte

Auf Siegesfahrt 1958 in Budapest

Sieg in Schleiz59

noch einmal Schleiz59

letzte Handgriffe von Fritz am Sachsenring 1959

Sieg in Zandvoort 1959

Sieg in Salzburg 1959

Auf der Halle-Saale-Schleife, vor dem englischen Exweltmeister Cyril Smith mit Stan Dibben

So schön kann Seitenwagenrennsport sein - mit Horst Burkhardt im Boot

erneut in Budapest, diesmal 1960

ein zufriedener Fritz Scheidegger mit Beifahrer Robinson (dahinter) und einem weiblichen Fan

.Quelle Text: Markus Schürpf, Horst Burkhardt - Quelle Fotos: Archive Burkhard, Autor


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