Rennfahren
war seine Leidenschaft

Gyula Marszovsky

Schweiz

Erinnerungen an eine große Karriere


Fotos: Günter Geyler, Claude Lambert
Am 17.Dezember 2009 jährt sich zum fünften mal der Todestag eines der "Großen" der Rennsportszene auf zwei Rädern - Gyula Marszovsky.
Seine Rennsportkarriere hatte er in den frühen fünfziger Jahren in seiner ungarischen Heimat begonnen. Zwei dort errungene Meistertitel zeugen von seinem Talent. Die damalige politische Situation in seiner ungarischen Heimat konnte ihn, der sich gerne mit den besten Fahrern der Welt messen wollte, nicht zufrieden stellen. So reifte in ihm der Entschluß, seine Heimat illegal über Österreich zu verlassen. Ähnlich erging es ja vielen ungarischen Sportlern jener Tage, allen voran der Fußballer Ferenc Puskas, der illegal nach Spanien zu den "Königlichen" - Real Madrid - wechselte und dort zum Weltstar avancierte.

Marsovszky´s Ziel lautete damals, in den USA eine Karriere als Berufsrennfahrer zu starten. Doch wie heißt es so schön: "erstens kommt es anders und zweitens als man denkt". Seine Frau erkrankte in der "Durchgangsstation" Schweiz und so ließ er sich dort nieder. Als gelernter KFZ - Mechaniker fand er auch schnell eine Anstellung in einer KFZ - Werkstatt in Genf. Es gelang ihm auch, seinen Chef davon zu überzeugen, daß er ja eine Rennfahrerlaufbahn starten wolle und er im Sommerhalbjahr viel freie Zeit benötige. Monsieur Giacobino, so der Name seines Chefs, war wohl mit den Leistungen seines neuen Arbeitnehmers sehr zufrieden und zeigte sich den Wünschen Marsovszkys gegenüber sehr aufgeschlossen. Die in Ungarn begonnene Rennfahrerlaufbahn von "Jule" konnte also eine Fortsetzung erfahren.

Der umtriebige Ungar knüpfte alsbald Kontakt zu Florian Camathias, der ja bekanntlich auch ein Rennsportbesessener war, und erwarb von ihm eine gebrauchte Norton für die Halbliterklasse. Der Kampf gegen die besten Privatfahrer der damaligen Zeit bei internationalen Rennen konnte beginnen, wobei sich auch alsbald die ersten Erfolge einstellten. An dieser Stelle sei auch gleich bemerkt, daß er es in seiner Laufbahn auf über 100 Siege auf internationalen Parkett brachte.

"Jule" war bis an sein Lebensende stolz darauf, daß er es in seiner langen Karriere ohne einen Franken Sponsorgeld und nur mit seiner Hände Arbeit zu dem brachte was er war: einer der besten Privatfahrer Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre.

Über den ersten Sieg eines Schweizers (Marszovsky war inzwischen Schweizer geworden) bei einem Weltmeisterschaftslauf nach Taveri, berichtete die große Schweizer Zeitung "Sport" in ihrer Ausgabe vom 13. September 1971 unter der Schlagzeile "Gyula Marszovskys sensationeller Sieg" folgendes: "Fast auf den Tag genau fünf Jahre mussten die Schweizer Motorradsportler warten, bis wieder einmal an einem GP die Schweizer Landeshymne ertönte. Zuletzt war es Luigi Taveri, der am 14. September 1966 ebenfalls in Monza einen GP für die Schweiz gewann.
Mit Gyula Marsovszky hat sich ein Mann ins goldene Buch eingeschrieben, der schon längst einen solchen Erfolg verdient hatte und der nun schon seit mehr als zehn Jahren zur internationalen Spitzenklasse zählt. Es ist Marszovsky erster Sieg an einem GP, und dieser Sieg ist ihm keineswegs in den Schoss gefallen, noch hat er von Ausfällen vor ihm liegender Konkurrenten profitiert. Marszovsky hatte sich ässerst seriös auf dieses Rennen vorbereitet. Er hat die Stütze hinter dem Sattel wesentlich vergrössert und dadurch eine bessere aerodynamische Wirkung erzielt, was auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza eine grosse Rolle spielt. Bestimmt wird man demnächst auch bei der Konkurrenz zu diesem wirkungsvollen Trick greifen.
Das Rennen selber war - nicht nur weil es ein Schweizer gewonnen hat - eines der besten des Jahres, denn über 20 Runden lag eine aus Marsovszky, Dodds, Grassetti und Weltmeister Gould gebildete Spitzengruppe Rad an Rad vorne, wobei Grassetti auf der Werks-MZ auf den langen Geraden einige Kmh schneller war als der Schweizer. Durch kluges Windschattenfahren und späteres Abbremsen gelang es Marsovszky, beim Italiener zu bleiben. In der vorletzten Runde zog Grassetti unter dem Jubel der Tifosi noch an der Spitzengruppe vorbei und versuchte mit allen Mitteln, den aufsässigen Schweizer abzuschütteln.
Der erfahrene Rennfuchs ließ sich jedoch nicht abschütteln und zog eingangs Curvetta endgültig an Grassetti vorbei. Mit diesem Sieg hat der Genfer einmal mehr bestätigt, daß er zu den weltbesten Fahrern gehört und trotz seiner 35 Jahre noch lange nicht abgeschrieben ist."

Hinter den 4 genannten Fahrern kämpften Saarinen und Read um den fünften Platz, den der Finne mit 0,5 Sekunden für sich entschied.

Wegen eines Ellenbogenbruchs, den er sich im zweiten Rennen nach der Siegesfahrt zugezogen hatte, musste er für den Rest der Saison 1971 pausieren. Zwar versuchte er es 1972 noch einmal, aber da die gewünschten Resultate ausblieben, zog er sich Ende 1972 vom aktiven Sport zurück. Bis zum Ausscheiden aus seinem Beruf war Gyula übrigens in der gleichen Werkstatt tätig wie zu Beginn seiner Karriere, dann allerdings ganzjährig. Er hatte nun mehr Zeit für die Familie und für seine Freunde. Auf dem Foto oben sehen wir "Jule" (Bildmitte) mit zwei Freunden (links der ehemalige Gespannfahrer Claude Lambert) - Veteranentreffen eben. Da "Jules" über einen umfangreichen Weinkeller verfügte, war die notwendige "Grundsubstanz" für gemütliche Abende mit Familie und Freunden also gegeben. Da sein Sohn Jules Pierre dem Wunsch des Vaters folgte und keinen Rennsport betrieben hat, war auch in dieser Hinsicht für Zufriedenheit gesorgt. Kurz vor seinem 69. Geburtstag verstarb Gyula und weltweit werden sich seine Rennfahrerkollegen und Freunde ewig an ihn erinnern.
04.12.2014 zurück