Rupert Hollaus

Österreichs einziger Solo-Motorradweltmeister im Straßenrennsport

der Traisener wäre am 4.September 2013 82 Jahre alt geworden

Text: Günter Geyler - Fotos: Günter Geyler (3), Archiv Geyler


Wer in den 1950er Jahren als Ostdeutscher die ganz großen internationalen Motorrad-Straßenrennfahrer erleben wollte, musste nach dem Westen Deutschlands fahren, denn dort liefen seit 1951 wieder Rennen mit internatonaler Glanzbesetzung und ab 1952 Weltmeisterschaftsläufe.
Im Mai 1954 reiste ich zum Rhein-Pokal-Rennen nach Hockenheim. Obwohl die Motorrad-Veranstaltung „nur“ als Deutscher Meisterschaftslauf ausgeschrieben war, starteten in der Spargelstadt viele der ganz großen Könner auf zwei und auf drei Rädern wie die Weltmeister Nello Pagani, Carlo Ubbiali und Enrico Lorenzetti (Italien), dazu Fergus Anderson, Eric Oliver und Cyril Smith (England).
Der damalige westdeutsche Motorradgigant NSU erschien mit neuer, vielversprechender Mannschaft in den Klassen bis 125 und 250 ccm und erstmals mit teilverkleideten Maschinen nach Delphin-Art. Der 1953er Doppelweltmeister Werner Haas bekam den auf zwei und vier Rädern gereiften H.-P.Müller, dann den talentierten Privatfahrer Hans Baltisberger und aus Österreich den Allwetterfahrer Rupert Hollaus als Stallgefährten. Der Österreicher Hollaus war dem NSU-Rennleiter Gustav Germer vor allem durch hervorragendes Fahrverhalten bei Schlechtwetter-Rennen aufgefallen. Hier zeigte der Österreicher auf kurvenreichen regennassen Pisten seine Stärke!
Im 1954er Rennen in Hockenheim fuhr Rupert Hollaus in der 125er Klasse, ebenso wie der vor ihm liegende H.-P. Müller, ein unauffälliges Rennen. Er lag von der ersten Runde bis zum Zieleinlauf brav hinter seinen deutschen NSU-Kollegen auf Platz vier und wurde auch nicht sonderlich gefordert, denn die damalige Rennstrecke bestand aus zwei Geraden und nur zwei Kurven. Außerdem lachte am ganzen Rennsonntag die Sonne vom Himmel. An der Spitze tobte ein Zweikampf zwischen Werner Haas und Hans Baltisberger.
Den Lauf der Viertelliter-Motorräder gewann Haas vor Müller. Hollaus musste infolge Maschinenschadens aufgeben. Mit ausgesprochenen Glanzleistungen konnte der junge Österreicher in Hockenheim noch nicht in Erscheinung treten.
Noch einmal erlebte ich in der Saison 1954 die Motorrad-Weltelite: Es war im Juli beim Weltmeisterschaftslauf auf der Stuttgarter Solitude. Zwischen den Rennen in Hockenheim und Stuttgart siegte mittlerweile Rupert Hollaus mit der 125er NSU Rennfox auf der fahrerisch anspruchsvollen Nordschleife des alten Nürburgrings, bei den WM-Läufen in England (Tourist Trophy), Irland (Ulster TT) und Holland (Assen). Er musste nur noch ein WM-Rennen gewinnen, dann war er Weltmeister der Achtelliter-Klasse. (1954 standen für die Klasse bis 125 ccm nur sechs WM-Läufe auf dem Programm, und die vier besten Ergebnisse eines Fahrers kamen in die Wertung). Titelfavorit Hollaus fuhr auf der Solitude mit der vollverkleideten Rennfox einen weiteren überlegenen Sieg heraus und holte sich somit die Weltmeisterschaft. Haas sollte seinen Stallgefährten gegen den MV Agusta-Pilot Carlo Ubbiali „abschirmen“, und diese Aufgabe erfüllte er mit Bravour!
In der 250er Klasse ging Werner Haas bereits als 54er Weltmeister an den Start. Im Rennen führte er mit der Rennmax vor Rupert Hollaus. Der neue 125er Champion Hollaus folgte seinem Markengefährten Haas wie ein Schatten und zeigte dabei den 430.000 Zuschauern an der 11,5 Kilometer langen Piste, dass er auch in der Viertelliter-Klasse durchaus mithalten konnte! Auf der schwäbischen „Fahrerstrecke“ gab er eine ganz andere Vorstellung als elf Wochen vorher in Hockenheim.

Auf dem Norisring 1954 - Haas, Hollaus, HP Müller
Wer die weiteren motorsportlichen Aktivitäten der NSU- und BMW-Fahrer auf westdeutschen und internationalen Rennstrecken verfolgen wollte, war auf die Sendungen im West-Rundfunk angewiesen, denn der „Arbeiter- und Bauern-Funk“ verwöhnte die ostdeutschen Motorsportfans leider nur mit IFA- und AWO-Nachrichten. Nach dem Solitude-Rennen gewann der Österreicher in „seiner“ 125er Klasse die DM-Läufe auf dem Nürnberger Noris-Ring und auf der Eilenriede bei Hannover. Mit der 250er Rennmax siegte er beim DM-Rennen in Schotten und auf regennasser WM-Piste in Bern (Schweiz).
Am 11. September 1954 überbrachte das Radio eine Meldung, die alle Rennsportfreunde tief traf: Rupert Hollaus stürzte beim Training zum Großen Preis von Italien auf der Monzabahn und erlag seinen schweren Kopfverletzungen! Dazu die Vorgeschichte: In Monza legte Carlo Ubbiali auf der MV Agusta im ersten Achtelliter-Training märchenhafte Zeiten vor, an die nicht einmal die sonst überlegenen 125er Rennföxe annähernd herankamen, und die keinesfalls so recht in diese Klasse passten. Bei den NSU-Leuten kam der Verdacht auf, dass Ubbiali mit einem 175er Motor gefahren sei (die Klasse bis 175 ccm fuhren die Italiener bei nationalen Rennen), um die NSU-Fahrer zu verunsichern. Die vorgelegten „Traumzeiten“ verfehlten ihre Wirkung auf Hollaus nicht: Von dem Ehrgeiz getrieben, noch schneller als Ubbiali zu sein, kam der 23-jährige Weltmeister am Morgen des nächsten Tages nach einer Aufwärmrunde zu dem unglücklichen Sturz, der sein Leben auslöschte.
Das Rennen verlief dann ohne NSU-Werksbeteiligung. Die italienischen Teams brachten ihr Mitgefühl mit besonderen Gesten zum Ausdruck: An der Sturzstelle legte die MV Agusta-Mannschaft ein Blumengebinde nieder. Außerdem veranlasste die MV Rennleitung ihre Werkspiloten, die erste Runde des 125er Laufes zur Erinnerung an den Verunglückten in langsamen Tempo zu fahren. Moto Guzzi zog die 250er Werksmaschine zu Ehren von Hollaus zurück. Der einzige Motorrad-Straßenweltmeister aus dem Nachbarland wurde am 4.September 1931 in Traisen bei Sankt Pölten in Niederösterreich geboren. Er begann als 18jähriger mit dem Rennfahren, nachdem er in Vaters Werkstatt schon in frühester Jugend die Motorsportbegeisterung mitbekam. Auf einer 250er Moto Guzzi erschien er 1951 erstmals in Deutschland. Mit diesem meisterhaft veredelten Motorrad, dazu mit einer 125er Mondial und mit einer 350er Norton durchwanderte Hollaus Europa und fuhr Rennen, fuhr aus Freude am Fahren, und war begeistert von der Technik im Motorsport. Er sammelte Erfahrungen. Durch dieses Wanderleben im europäischen Rennfahrer-Zirkus, zusammen mit seinem Vater als Mechaniker, legte der aufwachsende Privatfahrer Hollaus die Grundlage für seine späteren Erfolge. Er platzierte sich immer erstaunlich gut, fiel wenig aus und stürzte nur ganz selten. Privat trat er überhaupt nicht in Erscheinung, wohl aber durch Siege bei vielen nicht zur Weltmeisterschaft zählenden Rennen in Österreich, Italien, Belgien, Frankreich, Deutschland und in der Schweiz.
Dann kam 1954 der Vertrag mit NSU und das Zusammensein mit dem robusten 1953er Doppelweltmeister Werner Haas, dem feinfühligen Hans Baltisberger und dem erfahrenen Altmeister H.-P.Müller. Der ruhige, bescheidene Österreicher hatte vor allem in dem im Temperament völlig anders gearteten Werner Haas einen unzertrennlichen Freund und Begleiter (so etwas hat es tatsächlich unter Werksfahrern einmal gegeben!!!). Haas und Hollaus zusammen, ob im Rennen oder an der Strecke, das war schon nach kurzer Zeit ein gewohntes Bild, wo immer die beiden auftauchten.

Rupert Hollaus, Werner Haas und HP Müller auf der Eilenriede 1954
Die großartigen Rennen des Weltmeisters in der 125er und seine Dominanz im Regen in beiden Klassen zeigten seine fahrerische Größe. Rupert Hollaus ist der immer freundliche, sympathische junge Mann geblieben, der er vor seiner großartigen Karriere war. Ihm sind die Erfolge nicht in den Kopf gestiegen, aber auch nicht in den Schoß gefallen! Er hatte sehr viel erreicht, aber letztlich alles verloren!

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