Ein englischer Fahrer wußte in den fünfziger Jahren nicht nur in der Motorradweltmeisterschaft zu überzeugen, sondern auch bei vielen kleineren Rennen mit exzellenten Fahrerfeld. Sein Name lautete

Richard H. "Dickie" Dale

"Dickie" wurde am 25. April 1927 geboren, was allein schon vom Alter her eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche rennsportliche Karriere mit sich brachte. Während viele Stars der Vorkriegszeit die besten Jahre der Karriere eben durch den Weltkrieg verpasst hatten, hatte "Dickie" mit 18 Jahren noch die Zukunft vor sich.

Die Voraussetzungen für eine Rennsportliche Karriere waren bei "Dickie" recht gut. Neben Talent hatte er auch eine solide materielle Basis - sein Vater hatte ein Transportgeschäft und nach den Kriegswirren gab es auch in England genügend Aufträge für Vaters Geschäft. Anfangs setzte "Dickie" auf Produkte der heimischen Zweiradindustrie. Seine ersten Rennen bestritt er in der 350 cc Klasse mit einer Velocette und in der Halbliterkategorie tat es eine Norton für ihn.

Eine gewisse Vorliebe für italienische Maschinen konnte er nie verleugnen. So gewann er 1948 bereits den Manx GP auf einer leichtgewichtigen Moto-Guzzi. Sein "runder" Fahrstil war wie gemacht für dieses Motorrad. 1949 setzten ihn die Italiener beim ersten WM-Rennen auf eine Werksmaschine und er hatte bereits einen 3-Minuten-Vorsprung herausgefahren, bevor die Technik streikte und er ausfiel. Ausgezeichnete Platzierungen 1950 brachten ihm für 1951 einen Platz im Norton-Team. Durch dieses Angebot schien das Jahr ein erster Höhepunkt seiner Karriere zu werden. Er wurde im Frühjahr krank und es stellte sich heraus, seine Krankheit war schlimmer als erwartet. Er war an Tuberkolose erkrankt. Da war natürlich für unabsehbare Zeit nicht mehr an Rennsport zu denken.

Nachdem er 1953 seine Krankheit überwunden hatte, verpflichtete ihn Gilera für die Rennsaison. So richtig zufrieden stellte ihn die Zeit bei Gilera nicht, obwohl damals das Topfabrikat schlechthin. MV-Agusta erkannte seine Unzufriedenheit und setzte Dale 1954 auf einen 500 cc - Werksrenner. Zwar konnte die Halbliter-MV der Gilera nicht das Wasser reichen, aber trotzdem reichte es, um im Montjuich-Park von Barcelona seinen ersten Grand-Prix-Sieg zu feiern. Ende der Saison erinnerte sich Dickie an den Beginn seiner Karriere und die teilweise guten Erfahrungen, die er mit Moto-Guzzi gemacht hatte. Er setzte sich mit den Leuten in Mandello in Verbindung und wurde für 1955 verpflichtet. Als Teamgefährte wurde ihm sein Landsmann Bill Lomas präsentiert. Gleich im ersten Jahr seiner Zugehörigkeit bei Moto-Guzzi gewann er die 350er Klasse in Monza. Für die Italiener war natürlich ein Sieg im Heim-GP besonders wichtig. Für den Engländer war es sein zweiter GP-Gewinn und, was er zu dem Zeitpunkt nicht ahnen konnte, sein letzter. Die Bilanz für 1956 war für Dale auch nicht ganz schlecht: Vizeweltmeister und drei Podestplätze. Eigentlich war das durchaus erfreulich, wenn sich nicht das Gerücht verdichtet hätte, daß die italienischen Werke einen Rückzug aus der Motorradweltmeisterschaft planen würden. Der Motorradabsatz war am Markt rückläufig und damit auch die Produktion. Zwei deutsche Hersteller (NSU und DKW) hatten den Rückzug bereits vollzogen und auch in England betrieb man den werksseitigen Rennsport nur noch halbherzig. Zwar hatte es 1957 anfänglich den Anschein, als wäre alles wirklich nur ein Gerücht gewesen, aber dann platzte die Bombe: zum Ende 1957 werden alle italienischen Motorradwerke mit Ausnahme von MV-Agusta werksseitig ihre Rennbeteiligung beenden.

Die Frage lautete nun, nicht nur für Dale, wie weiter? Duke und Dale erinnerten sich an die guten Leistungen eines Walter Zeller und verschiedener Privatfahrer auf BMW in der WM und fragten in München an, ob sie einen solchen Produktions-Renner erhalten könnten. Die Antwort lautete ja, aber nur mit geringer Werksunterstützung. Immerhin war das Boxer-Aggregat auch bei den Seitenwagenfahrern sehr beliebt. Reicht überhaupt die Produktionkapazität für eine erhöhte Nachfrage? Kurz und gut, oder auch weniger gut - Duke und Dale erhielten eine BMW, wobei Duke seine Maschine bald wieder beiseite stellte, er kam mit dem Fahrverhalten des "Boxers" nicht zurecht. Anders die Situation bei Dickie Dale. Zwar war er chancenlos gegen die noch verbliebenen Werksrenner von MV unter Surtees und Hartle, aber die Meute der Privatfahrer konnte er in der Gesamtwertung distanzieren und wurde WM-Dritter. Auch Ernst Hiller mit seiner BMW kam noch in die "Top-Ten" wie es neudeutsch so schön heisst.

In Sachen sportliche Erfolge hatte "Dickie" den Übergang vom Werksfahrer zum Privatfahrer recht ordentlich gemeistert. Bei der Kleiderordnung sah dies etwas anders aus. Die Bilder rechts mitte und unten zeigen das deutlich. Übrigens ist der Mann hinter "Dickie" der Australier Bob Brown. Vielleicht haben Sie sich gewundert, warum ich im Zusammenhang mit "Dickie Dale", den Name des "Überfliegers" der fünfziger Jahre Geoff Duke erwähnt und im Bild gezeigt habe. Beide waren recht freundschaftlich verbunden und "Dickie" war der Patenonkel von Duke´s Sohn Peter, der später die Firma seines Vaters "Duke Video" übernommen hat. Als Stargeldbringer hatte Dale in jenen Tagen auch noch eine eine 350er im Gepäck, alleine die Erfolge damit blieben aus. Was auch noch erwähnenswert ist, die Ersatzteilversorgung seiner BMW ließ nach und nach zu wünschen übrig, was auch die anderen BMW-Fahrer betraf. Damit einher ging auch die mangelnde Leistungsfähigkeit der BMW - ausgenommen die Motoren in der Seitenwagenklasse. Diese wurden aber privat von den Fahrern "nachbehandelt". So wechselte Dale wieder zu den Wurzeln seiner Karriere, nämlich einer Norton, zurück.

Dann kam es zum verhängnisvollen Tag, dem 30. April 1961, beim Eifelrennen auf dem Nürburgring. Nachdem Dale noch das Rennen der 350er Klasse gewonnen hatte, verunglückte er in der Halbliterklasse schwer. Selbst eine umgehende Überführung in die Uni-Klinik nach Köln konnte sein Leben nicht mehr retten - sein Herz hatte aufgehört zu schlagen und eine großartige Karriere ein dramatisches Ende gefunden. Der Tag in der Eifel wird wohl als einer der schwärzesten Tage in die Rennsportgeschichte eingehen. Am gleichen Tag war auch Helmut Fath mit Passagier Alfred Wohlgemuth verunfallt und Afred Wohlgemuth erlitt das gleiche Rennfahrerschicksal wie Dale. Er erlag seinen Verletzungen.

Von links nach rechts: Eric Hinton - Paddy Driver - DICKIE DALE - Tom Phillis Start zum Halbliterrennen 1959 auf dem Sachsenring
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