Florian Camathias

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Florian Camathias, den man in "Zivilkleidung" schon mal für einen soliden Verwaltungsbeamten halten konnte denn für einen kämpferischen Motorradrennfahrer, wurde am 23.März 1924 in Wittenbach nahe St. Gallen in der Schweiz geboren. Leider verunglückte sein Vater mit dem Motorrad tödlich, als Florian 2 Jahre alt war.
Offenbar waren es die Gene seines Vaters, die Florian zu Motorrädern und zum Motorsport hinzogen. Nach einer entsprechenden beruflichen Qualifikation eröffnete er in der Nähe von Montreux 1947 einen Motorradladen mit Werkstatt. Kurz davor hatte er auch seine ersten Wettfahrten - in den Soloklassen. Camathias-Büla Da es in jener Zeit noch kein Verbot für Rundstreckenrennen in der Schweiz gab, war er viele Wochenenden im Jahr unterwegs und kehrte teils mit Pokalen, teils mit mehr oder weniger schweren Verletzungen in sein Geschäft zurück, welches sich inzwischen gut etabliert hatte.

In die Seitenwagenszene fand er ab 1953. Dabei startete er bei manchen Veranstaltungen sowohl als Solofahrer als auch bei den Sidecars. Allerdings merkte er bald, ein Start in mehreren Klassen konnte auf Dauer nicht den gewünschten Erfolg bringen. An dieser Stelle sei bemerkt, daß viele Seitenwagenfahrer und auch Beifahrer jener Zeit sich auch in den Soloklassen versuchten, mit respektablen Erfolgen.

Ab 1955 fuhr er dann weitestgehend in der Sidecar-WM und erreichte beim WM-Ausklang in Monza einen exzellenten vierten Rang und damit auch seine ersten WM-Punkte. Als Beifahrer fungierte der in seinem Geschäft tätige Maurice Büla, der gleichzeitig in der Viertelliterklasse mit einer Sportmax fuhr. Auf dem Bild oben sehen wir Camathias mit Büla auf der Solitude 1956. Im gleichen Jahr erreichten die beiden Schweizer beim Ulster Grand Prix ihren ersten Podestplatz - sie wurden Dritter - und bei dieser Veranstaltung holte sich sogar Maurice Büla mit seiner NSU - Sportmax noch einen WM - Punkt als Solofahrer. Camathias hatte den Sprung in die Spitzenklasse der Sidecars vollzogen. 1957, anfänglich mit Julius Galliker als "Schmiermaxe", mit dem er schon seine ersten Rennen 1954 gefahren war, gelang dann der endgültige Durchbruch in die Weltspitze. Von BMW erhielt er einen Werksmotor, ohne allerdings Werksfahrerstatus zu besitzen. Sein dritter Platz bei der TT brachte dann den Münchnern, zusammen mit den beiden ersten Plätzen von Hillebrand / Grunwald und Schneider / Strauß, den begehrten Markenpokal und wurde dankbar entgegen genommen. Camathias-Cecco Als dann zum Saisonende 1957 der Singener Hilmar Cecco den Weg zu Florian Camathias in den Beiwagen fand (Foto rechts), war der Grundstock für zwei erfolgreiche Jahre in der Gespann - WM gelegt. 1958 und 1959 wurde Camathias / Cecco jeweils Vizeweltmeister und gewannen zahlreiche internationale Rennen. Für 1957 hatte es ja bereits zum dritten WM - Rang gereicht.

Die Feststellung: zur absoluten Weltklasse gehörend, war damit untermauert. Die neue Fragestellung für Florian lautete nun, ob und wann es zum ersehnten WM - Titel reichen würde?
In der Zwischenzeit hatten sich nämlich verschiedene neue Situationen ergeben, die Florian Camathias "das Leben schwer machten". BMW hatte mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, was zur Folge hatte, daß sie ihre Unterstützung zurück schraubten. Dann waren da noch neue Gespannpaarungen - Scheidegger / Burkhardt, Fath / Wohlgemuth und Deubel / Höhler, später Hörner, aufgetaucht, die als ernsthafte Konkurrenz zu gelten hatten und als drittes gab es intern zwischen Camathias und Cecco Probleme, was zur Folge hatte, daß sich das eingespielte Paar vor der Saison 1960 trennte. Camathias-Föll Was war nun der Grund für die Trennung? Hilmar Cecco hatte neben seiner Karriere als Beifahrer auch immer eine Solofahrerkarriere im Auge und Florian Camathias wollte alles, aber auch wirklich alles, dem Ziel WM - Titel bei den Gespannen, unterordnen und konnte sich mit der Sololaufbahn von Cecco nicht anfreunden. Bei zwei so starken Charakteren bedeutete das eben: Trennung.

So "experimentierte" Florian Camathias in der WM 1960 mit 3 verschiedenen Beifahrern (rechts im Bild mit Roland Föll), wobei der Erfolg dadurch zwangsläufig ausbleiben mußte. Dazu kam auch noch, daß Helmut Fath seine BMW-Motoren zu einem leistungsfähigeren Level brachte als die Werksmotoren und er mit Alfred Wohlgemuth den WM - Titel nicht unverdient erreichte.

Kaum zu glauben, aber das Jahr 1961 sollte sich noch turbulenter entwickeln als 1960. Camathias und Cecco hatten sich im Winter "wie richtige Männer zusammengerauft" und starteten wieder gemeinsam. Dann kam jenes verhängnisvolle Frühjahrsrennen in Modena und der Unfall von Florian und Hilmar. Beide wurden ins Krankenhaus eingeliefert und alles schien halb so schlimm. Dann am nächsten Tag die total überraschende Nachricht, Hilmar sei in der Nacht verstorben. Die Verletzungen waren zu schwerwiegend, sodaß alle ärztliche Kunst vergebens blieb. Den ersten WM - Lauf hatten Helmut Fath mit Alfred Wohlgemuth, die amtierenden Weltmeister, in Spanien bereits gewonnen und schienen den ersten Schritt in Richtung Titelverteidigung getan zu haben. Dann kam der Frühjahrsklassiker, das nicht zur WM zählende Eifelrennen auf dem Nürburgring. Dort verunglückten beide, wobei Alfred Wohlgemuth den Rennfahrertod starb. Bei der gleichen Veranstaltung hatte auch der englische Solofahrer Dickie Dale einen Unfall, an deren Folgen er verstarb.
Camathias und Fath außer Gefecht, Scheidegger / Burkhardt mit viel Einsatz aber ohne konkurrenzfähiges Material, da konnten die Weltmeister der Gespanne 1961 nur Max Deubel mit Emil Hörner heißen, die noch immer etwas Unterstützung von BMW erhielten. Als dann Ende des Jahres sich auch noch Fritz Scheidegger und Horst Burkhardt einig waren, ihr Leder an den berühmten Nagel zu hängen, schien die Lage für 1962 geklärt. Horst Burkhardt nutzte dabei noch "die Gunst der Stunde", machte seine Meisterschule um den elterlichen KFZ - Betrieb übernehmen zu können. Camathias-Beifahrer Doch so lange im Hintergrund der langsam genesende Florian Camathias die Fäden wieder zu ziehen begann, war es mit der scheinbaren Klarheit für 1962 vorbei.

"Geht nicht gibts nicht", das war immer Florians Devise und ohne WM - Titel geht´s schon gar nicht. Also überzeugte er als erstes den wieder genesenen Helmut Fath, sich um seine Motoren für 1962 zu kümmern. Das gelang. Blieb da noch die Frage nach dem geeigneten Beifahrer. Mit viel Redekunst und Diplomatie gelang es ihm, Horst Burkhardt, der ja bekanntlich aufgehört hatte und der selbst Fritz Scheidegger, inzwischen auch mit einem schnellen Kölle - Motor ausgestattet und damit "reaktiviert", einen Korb gegeben hatte, von einem Aushilfseinsatz zu überzeugen... (im Foto oben drei von Camathias - Beifahrern: Horst Burkhardt, Hilmar Cecco und Alfred Herzig, von dem noch die Rede sein wird) Verständlich, wenn Scheidegger ein wenig auf Horst Burkhardt sauer war, als er ihm bei Camathias im Seitenwagen sah.
Im Rennen selbst führte man bis 2 Runden vor Schluß. Durch einen kleinen technischen Defekt mußte Camathias die Geschwindigkeit etwas heraus nehmen, aber es langte noch zum erneuten zweiten Platz. Danach ging es auf die Isle of Man zur TT. In aussichtsreicher Position liegend vollführte Florian einen Dreher, als dessen Folge Horst aus dem Beiwagen geschleudert worden ist und er mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das war das Karriereende von Horst Burkhardt.
Florian kümmerte sich danach rührend um Horst und sorgte auch auf eigene Kosten dafür, daß Horst schnellstmöglich in ein Krankenhaus in das heimatliche Hechingen überführt worden ist. Camathias, der knüppelharte Fighter zeigte sich als grundehrlicher, mitfühlender Mensch. Für Horst Burkhardt holte Florian Camathias für den Rest der Saison den Engländer Harry Winter in den Beiwagen. Dabei sprang sogar noch ein Sieg in Spa heraus und ein zweiter Platz beim GP von Deutschland, was letztlich wieder die Vizeweltmeisterschaft bedeutete.

Für 1963 engagierte Florian Camathias seinen Landsman Alfred Herzig (siehe Foto oben mit den Beifahrern) als Co - Pilot. Herzig war 1962 mit Claude Lambert gefahren und hatte von dem den "letzten Schliff" als Spitzenpassagier erhalten. Bis zum letzten Lauf hatten sie noch Titelchancen, aber wieder einmal klebte Camathias das sprichwörtliche Pech an seinen Sohlen. Die Saison 1963 zeigte aber, man war noch immer konkurrenzfähig, auch wenn die Unterstützung von BMW ausblieb und sich Camathias bereits anderweitig umsah. Dann kam das schreckliche Ende auf der Berliner Avus. Wegen einer gebrochenen Schweißnaht verunglückten Camathias / Herzig schwer, als dessen Folge Alfred Herzig der Unterschenkel amputiert werden mußte.

1964 hatte sich Florian Camathias von Gilera einige der schnellen Vierzylindermotoren gesichert, die 1963 noch bei einigen Solorennen von der Scuderia Duke eingesetzt worden waren. Als Beifahrer hatte er erneut Roland Föll verpflichtet, mit dem er bereits 1960 bei einigen Rennen unterwegs war. Es störte ihm auch nicht, daß Roland Föll nebenbei auch noch an Solorennen teilnehmen wollte. Der übliche Saisonauftakt in Spanien begann mit einem Sieg auch recht erfolgversprechend, doch dann begann sich das sprichwörtliche Pech von Florian Camathias durchzusetzen. Nicht einen einzigen WM - Punkt konnte das Paar wegen lauter technischer Defekte mehr erreichen und so war klar, am Saisonende wird das Kapitel Gilera wieder geschlossen. Sicherlich begann nun auch langsam die Kraft und die Moral eines Florian Camathias zu erlahmen. Für 1965 hatte er sich die Dienste seines Landsmannes Franz Ducret als Beifahrer gesichert und nochmal einen BMW - Motor besorgt. Zwar reichte es im französischen Rouen sogar noch zu einem Sieg, aber weitere, für einen Kampf um den Titel unbedingt notwendige Resultate blieben aus. Ein noch erzielter fünfter Rang in Spa reichte dann gerade einmal für den vierten WM - Schlußrang. Das war nicht Florians Ziel.

Dann kam dieser grausame Samstag, der 9. Oktober 1965. Die Veranstalter in Brands - Hatch waren erfreut, daß Florian seine Zusage für ihre Kurzstreckenrennen gegeben hatte. Sein Kommen lockte wegen seines bekannten kämpferischen Einsatzes immer einige Tausend Besucher mehr an die Pisten. Es sollte leider sein letzter Auftritt werden. Camathias - Ducret überschlugen sich und wurden mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Einen Tag später hörte dann "Florians Kämpferherz" endgültig auf zu schlagen. Die Rennsportwelt, nicht nur die Sidecarszene, hatte eine ihrer größten Kämpfernaturen für immer verloren. Auch wenn er sein größtes Ziel, den WM - Titel, nicht erreichen konnte, er ist trotzdem für ewig zur Rennsportlegende aufgestiegen.

Florian Camathias WM-Resultate bei den Sidecars

Rang Jahr BeifahrernameBeifahrervorname Land Marke Resultate
11 1955 BülaMaurice CH BMW I 4
5 1956 BülaMaurice CH BMW NL 5 - UL 3 - I 4
3 1957 Galliker
Cecco
Julius
Hilmar
CH
D
BMW D 4 - TT 3 - B 2
I 3
2 1958 CeccoHilmar D BMW TT 2 - NL 1 - B 2 - D 2
2 1959 CeccoHilmar D BMW TT 2 - D 1 - NL 1
4 1960 Chisnell
Föll
Rüfenacht,"Fiston"
John
Roland
Gottfried
GB
D
CH
BMW F 3
TT 5
D 2
2 1962 Burkhardt
Winter
Horst
Harry
D
GB
BMW E 2 - F 2
B 1 - D 2
2 1963 HerzigAlfred CH BMW E 3 - D 1 - TT 1 - B 3
7 1964 FöllRoland D GIL E 1
4 1965 DucretFranz CH BMW F 1 - B 5
Vielen Dank für die Unterstützung zu diesem Bericht an Horst, Claude und Frank zurück