Vergesst die alten Meister nicht

Frank Wendler

Text und Fotos: Günter Geyler


Frank Wendler mit Gattin heute...
...immer und überall gerne gesehen
In den 1970er Jahren gab es am alten Sachsenring zwei Publikumslieblinge: Dieter Braun aus dem schwäbischen Hermaringen und Frank Wendler, der nur wenige Kilometer vom Sachsenring entfernt in Bernsdorf wohnte. Mit seinem wirklich beherzten Fahrstil begeisterte der Frank 1974 im Rennen der 250er Klasse auf der Zweizylinder Werks –MZ die Massen. Mann und Maschine bildeten eine Einheit! Er fuhr, als hätte er vorher noch nie auf einem anderen Motorrad gesessen. Das Sachsenring-Rennen 1974 war sein dritter Einsatz auf dem Zschopauer Motorrad.

Schon Jahre zuvor fiel den Verantwortlichen der MZ Rennabteilung Wendlers gekonnter draufgängerischer Fahrstil auf. Vor dem Schleizer Rennen 1973 wurde Frank von einem MZ-Mann gefragt, ob er auf dem Werksmotorrad starten möchte. Wendler musste nicht lange überlegen. Im Rennen der 250er Klasse startete er als Letzter, denn er war noch die Start-Eigenheiten seiner vorherigen Einzylinder-Maschine gewöhnt. Bei der Aufholjagd schnappte sich der Frank einen Konkurrenten nach dem anderen und lag im Ziel auf Platz drei. Der Vizeweltmeister Horst Fügner aus der Zschopauer Rennabteilung war von der Aufholjagd des MZ-Neulings begeistert! Wenige Wochen später belegte der Frank beim Saison-Abschlussrennen in Frohburg nochmals Platz drei.

Danach verkündete der „Buschfunk“: Frank Wendler bestreitet 1974 auf den europäischen Pisten die Motorrad-WM-Läufe auf der 250er Werks-MZ. Im Frühjahr 1974 wurde ein Autobahnteilstück zwischen Chemnitz und Wüstenbrand für Rennmaschinen-Einstellungsfahrten und Training gesperrt (!!!). Damals fotografierte ich den neuen MZ-Werksfahrer auf der Autobahn. Als wenig später die Motorrad-Weltmeisterschaftsläufe rollten, fehlte aber der gute Frank unter den Teilnehmern. Was war geschehen? Wie sich einige Jahre später herausstellte, lieferte ein „lieber Sportfreund“ aus Hohenstein-Ernstthal (auch „IM“ genannt) Unwahrheiten über den korrekten Frank Wendler bei der Stasi ab. Das hatte zur Folge, dass auf „Empfehlung“ dieser damals mächtigen Verbrecher-Organisation kein Werksmotorrad von MZ in Franks Hände gelangen durfte! Der Unglückliche stand also 1974 ohne Rennmaschine da!

Nach der Riesen-Zuschauer-Pleite anlässlich des „Ostblock-Rennens“ 1973 auf dem alten Sachsenring versuchten die Oberen in Hohenstein-Ernstthal mit Hilfe der Kreis-Partei-Ämter, für den weit über Sachsen hinaus bekannten und beliebten Rennfahrer Wendler ein Werksmotorrad von Zschopau zu bekommen. Frank bekam es für das Sachsenringrennen 1974 und bedankte sich dann im Lauf der 250er Klasse mit einem überlegenen Sieg! Allerdings saß er dabei letztmalig auf der Werks-MZ.
Ab 1975 startete Frank Wendler mit einer vom hervorragenden Motorspezialist Hartmut Bischoff getunten 250er Einzylinder MZ und dazu noch auf der 125er HB-MZ . In Hohenstein-Ernstthal belegte er im Rennen der 125er Klasse hinter dem werksunterstützten MZ-Clubfahrer Jürgen Lenk den zweiten Platz. Dass das Publikum nur den Sachsenring-Liebling Wendler bejubelte, während der Sieger aus Zschopau ein Pfeifkonzert ertragen musste, fand ich nicht fair! Beim Sachsenringrennen 1976 zeigte der Frank, dass er kein Weichling ist: Nachdem er im Lauf der Achtelliterklasse mit Riesenvorsprung führte, dann aber in der Queckenberg-Kurve stürzte und sich dabei das Steißbein prellte, stieg er trotz ansteigender Schmerzen im anschließenden Rennen auf sein 250er Rennmotorrad…

Mit der 125er HB-MZ erkämpfte der Bernsdorfer in den Jahren 1977 und 1978 die DDR-Meisterschaft gegen harte ostdeutsche Konkurrenz. Oftmals stellte sich heraus, dass die DDR-Spitzenfahrer den Rivalen aus den anderen Ostblock-Staaten materialmäßig unterlegen waren. Vorwiegend erschienen die ungarischen Rennpiloten mit Rennmaschinen aus der früheren BRD, aus Italien und Japan auf den DDR-Rennstrecken. 1979 besorgte der Motorsportclub Hohenstein-Ernstthal dem im Ostblock erfolgreichen Wendler Frank ein ehemaliges 250er MZ-Werks-Rennmotorrad. Der neue Besitzer verbesserte daran das Fahrgestell, und Hartmut Bischoff überarbeitete den Zweizylindermotor. Ab 1980 startete Frank nur noch in der Viertelliterklasse und holte mit dieser Maschine die DDR-Meisterschaft 1980 und 1981. Bei seinem letzten Heimrennen 1981 auf dem alten Sachsenring musste er als bester Mann der DDR lediglich den beiden Yamaha-Fahrern Janos Drapal und Arpad Juhos aus Ungarn die Plätze eins und zwei überlassen.
Wenig Freude bereitete dem Sachsen ein Prototyp der 80 ccm Simson. Mit diesem Rennfahrzeug wurde er nie so „richtig warm“! Als das Motorrad dann endlich zur Zufriedenheit der Suhler und des Erbauers Bernd Göpfert lief – Jürgen Hofmann siegte damit 1986 auf dem Sachsenring - hatte Frank Wendler seinen Sturzhelm bereits drei Jahre früher an den berühmten Nagel gehängt!
Schon in seiner frühen Jugend wurde der am 13. Dezember 1943 geborene Frank Wendler, der ganz in der Nähe des legendären Sachsenrings wohnt, vom Rennsport-Bazillus erfasst. Nach anfänglichen Versuchen bei kleineren Bergrennen auf einer ehemaligen 125er Petruschke-IFA im Jahr 1963 baute er sich nach seinem so genannten „Ehrendienst“ drei Jahre später aus MZ-Teilen ein 250er Einzylinder Rennmotorrad auf, mit dem er als Ausweisfahrer begann. Bald stellten sich die ersten vorderen Platzierungen ein, und Frank wurde nach zwei erfolgreichen Ausweis-Jahren Lizenzfahrer. Auch hier gehörte der Lizenz-Neuling bereits nach einigen Rennen zu den besten DDR-Rennfahrern in seiner Klasse. Beim 1969er WM-Lauf auf dem alten Sachsenring startete er auf seinem Eigenbau-Rennmotorrad erstmals mit der Weltelite in einem Lauf. Es dauerte nicht lange, und Franks Talent fiel nicht nur dem rennbegeisterten Publikum auf. Leider aber bewahrheitete sich der Spruch: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“!

Seit 2005 beteiligt sich Frank Wendler mit seinem Beifahrer Andre Krieg auf einem 600er Honda-Gespann am historischen Rennsport.

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