Wie kommt man eigentlich dazu, auf einer Seite mit dem Thema Motorrad-Weltmeisterschaft, über einen Rennfahrer zu berichten, welcher die WM-Szene keineswegs so geprägt hat wie die Profis aus den Werksrennställen, welcher in seiner rennsportlichen Laufbahn immer ein blütenweißer Amateur war? Die Antwort ist recht einfach - ohne diese Enthusiasten wäre der Rennsport in seiner Geschichte um ein stückweit ärmer.

Im folgenden Bericht ist die Rede vom

"fliegenden Bleistift"

Reinhard Scholtis

Wie kommt man eigentlich zu einem so ungewöhnlichen Spitzname, respektive Pseudonym? Ein bekanntes Kölner Original und in den Fünfzigern bis Siebzigern BMW-Spezialist, Tillman Haas, hatte ihn regelmäßig mit "fliegender Bleistift" begrüßt: so lang, so dünn und fliegt so oft. Der "Bleistift" blieb bis zum heutigen Tag sein Markenzeichen.

Die Wurzeln des Kölsche Jung lagen eigentlich weit entfernt in Schlesien und Ostpreußen, wo er am 9. Oktober 1933 in Danzig das Licht der Welt erblickte. Sein Vater Erich hatte an der dortigen Akademie für Bildende Kunst studiert und verdiente sein Brot als Kunstmaler. Dass die Kunst der Familie wohl im Blut lag zeigte auch sein Onkel August Scholtis, ein bekannter Schriftsteller. Na ja, auch Reinhard darf sich ja in gewisser Weise Künstler nennen. Bei ihm war es eben die Kunst der Technikbeherrschung und des Fahrens. Ach so, da wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass Reinhardt das zweite von sieben Kindern war und wie bei größeren Familien üblich müssen die Älteren schon mal Verantwortung übertragen für die Jüngeren, keine schlechte Lebensschule.

1954, inzwischen ein Kölscher Jung, legte er seine Prüfung als Klempner und Installateur ab. Sein Interesse galt aber eigentlich mehr dem Maschinenbau, sodass er bis 1956 noch die Maschinenbauschule in Köln besuchte. Die dabei erworbenen Kenntnisse über Materialkunde, Strömungslehre, Bearbeitungstechnik etc. sollten ihm später bei seinem Hobby Rennsport sehr hilfreich sein. Nach seiner Gesellenprüfung legte er sich eine DKW RT 125 zu, damit sein Interesse an Zweirädern dokumentierend. Allerdings galt es erst einmal, nach der Maschinenbauschule Geld zu verdienen. Er heuerte als Maschinenschlosser bei der Stettiner Oderwerk AG an, die 1950 von Stettin nach Köln übergesiedelt war und sich mit hochentwickelter Schiffstechnik befasste. Ein interessantes Aufgabengebiet, wie auch das ab 1958, als er bei den Kölner Ford-Werken in die Versuchsabteilung einstieg.

Mit dem Erwerb einer DKW 200 und den damit auch verbundenen Ausfahrten zum nahen Nürburgring war endgültig sein Interesse für den Motorsport erweckt. Seine spezielle Vorliebe galt damals den Adler-Maschinen. Die hatten zwar die Motorradproduktion eingestellt, aber Reinhard sah in der Adler MB 250 noch ein erhebliches Potential. Nachdem er 1962 mit eben einer solchen Maschine auf der alten Südschleife des Nürburgrings sein erstes Rennen bestritten hatte, ging es an die Weiterentwicklung, die ihre Krönung letztlich darin fand, dass aus der Adler ein "Eigenbau" wurde, aber immer auf Adler-Basis. Was in der Marke Adler steckte hatte schon der Freudenberger Dieter Falk Jahre vorher gezeigt, als er sich mit den reinrassigen italienischen Werksrennern in der Weltmeisterschaft nahezu auf Augenhöhe duellieren konnte.

Mit dem Erwerb eines Rahmens einer Adler Sprinter, in die er eine Telegabel der DKW 200 S einbaute beteiligte er sich 1963 an Rennen um den Juniorenpokal in Hockenheim und belegte den achten Platz damit. Seine Entwicklung trieb er immer weiter, allerdings in einem zeitlich begrenzten Rahmen, musste er ja auch noch seiner normalen Arbeit nachgehen - die Leiden eines Amateurs eben. Mit dem Gewinn sowohl des Frühjahrs- als auch des Herbstrennens 1966 auf der Avus in Berlin war ihm wohl endgültig der Durchbruch gelungen. Selbst der eher kritisch eingestellte Jounalist "Klacks", mit bürgerlichen Name Ernst Leverkus, schwärmte von Scholtis und seinen Maschinen. Diese Siege hat er im darauf folgendem Jahr 1967 wiederholt. Allerdings hatte er aus der Luftkühlung eine Teilwasserkühlung der Zylinder eingebaut. Hier kamen ihm seine erworbenen Kenntnisse aus dem Maschinenbau über Materialverarbeitung u.a. zugute.

Weil es das Regelwerk erlaubte, baute er 1967 eine weitere Eigenbau, allerdings mit 251 ccm, um damit eine zweite Startmöglichkeit zu haben. Allerdings mußte er damit - gewollt - in der nächsthöheren Klasse, bei den 350er, starten. Bei dem Rennen 1967 wurde er deswegen in Hockenheim vom damaligen Rennleiter Wilhelm Herz ins Rennbüro bestellt. Ein Konkurrent hatte Protest eingelegt, aber alles war ja regelkonform. Der Protestierende war kein geringerer als der spätere zweifache Weltmeister Dieter Braun. Bei allem technischen know how, irgendwann steht letztlich der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen. Die Japaner hatten inzwischen vom Markt der Rennmaschinen Besitz ergriffen. Da halfen auch alle Eigenbauten und Sonderanfertigungen nicht mehr. Eine Japanerin mußte also her. Nachdem Reinhard 1968 sich eine Yamaha TD1-B zugelegt hatte wurde es 1969 eine Kawasaki A1 Samurai. Mit dieser Maschine errang er 1969 beim Grand Prix in Hockenheim einen siebenten Platz. Das war nicht irgend ein gutes Ergebnis mit ersten WM-Punkten, nein, man muß sehen wen er dabei hinter sich gelassen hat. Da war der Bremer Siggi Lohmann auf einer Suzuki, ebenfalls ein Oldie wie Reinhard und ebenfalls ein früherer Adler-Fahrer. Dann sah auch noch der Tscheche Frantisek Stastny als Jawa-Werksfahrer das - natürlich nicht vorhandene - Rücklicht von Reinhard´s Kawa und last but not least kam auch noch der nicht ganz unbekannte Engländer Billie Nelson hinter ihm ins Ziel. Heute würde man jubilieren über ein solches "top ten" Resultat.

Der Rest ist jetzt schnell erzählt. 1970 wurde Reinhard Scholtis Kawasaki - Händler. Vier Jahre später meldete leider die mit ihm zusammen arbeitende Herstatt-Bank Insolvenz an und er mußte seine Lebensplanung neu ordnen. Bis 1974 hatte er auch noch regelmäßig Motorsport betrieben mit einer Yamaha TZ 750 und bis 1982 vereinzelt noch auf einer Kawasaki.

Wenn am 9. Oktober der Kölsche Jung seinen Achtzigsten begeht darf er auf ein erfülltes Leben Rückschau halten, mit viel Höhen aber auch einigen Tiefen. Einmal angesprochen auf für ihn kaum erreichbares Werksmaterial antwortete er nur:"...das wäre schön gewesen, aber wäre ich dann noch am Leben...?

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Herrn Hans-Peter Schneider bedanken, von dem ich die Einwilligung erhielt, seinen hochinteressanten Bericht, auch in gekürzter Form, auf meiner Webseite verwenden zu dürfen. Den ausführlichen Bericht können sie auf der Webseite des MVC-Brenig, nachlesen.





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