Walter Scheimann

* 22. September 1934

Deutschland
Ein Bericht von
Heinz Fricke
dankenswerterweise zur Verfügung gestellt vom
"Weser-Kurier" in Bremen
„So rund 50 bis 60mal“, glaubt Walter Scheimann, „bin ich wohl zu Boden gegangen in meinen vielen Rennen.“ Doch so richtig folgenschwer war nur ein Sturz: Am 1. Mai 1965 erwischte es den Bremer beim Training auf dem Salzburgring so schwer, dass er mit komplizierten Knochenbrüchen und Wirbelverletzungen anschließend 14 Tage im Koma lag. Doch es war nicht das Ende einer zumindest für Norddeutschland einmaligen Karriere im Motorradsport.

Walter Scheimann kam wieder, gewann anschließend noch zwei weitere seiner insgesamt fünf deutschen Meisterschaften, obgleich er selbst sagt: „Nach dem schweren Unfall war die Lockerheit weg, ich bin nicht mehr so risikoreich gefahren und habe irgendwann die Lust verloren.“ Das war 1970, nach insgesamt fünfzehn Jahren auf allen Rennstrecken Europas, nach rund 350000 Kilometern, die er mit seinem Bully – die Rennmaschine hinten drauf – auf dem Kontinent und Großbritannien zurücklegte. Denn Walter Scheimann war Privatfahrer, was bedeutet: Ein Selfmademan dieses Sportes, der an seiner Maschine alles selbst machte und bezahlte, der dennoch bei vielen Rennen viele Werksfahrer hinter sich ließ.

So hat der Unfall von Salzburg neben der persönlichen auch eine sportlich tragische Note: Wenige Tage später hätte der Bremer einen Werksvertrag bei Yamaha unterschreiben sollen. Denn die Japaner waren schon aufmerksam geworden auf den so mutig und elegant fahrenden Deutschen, der mit seiner Privatmaschine immer wieder bei der Weltelite mitmischte und sogar Weltmeisterschafts-Punkte ergatterte. „Wir hatten schon verhandelt, der Vertrag lag praktisch auf dem Tisch“, erinnert sich Walter Scheimann an diese so unglückliche Fügung seines Schicksals.

Schon als 15-Jähriger hatte er seine Leidenschaft für das Motorradfahren entdeckt. Seine erste Rennmaschine war ein Eigenbau, selbst zusammengeschraubt aus fünf verschiedenen Fabrikaten. Die sportliche Karriere des gelernten Autolackierers begann mit einer vom ersten selbst verdienten Geld gekauften Horex Regina. Damit gewann er die ersten kleinen Rennen und die Aufmerksamkeit eines anderen Bremers: Günther Warneke hatte sich als Tüftler und Sponsor in der Branche schon einen Namen gemacht, nun nahm er Scheimann unter seine Fittiche. Und verhalf ihm zu einer Norton 500, Baujahr 1939, die – entsprechend präpariert und getunt – durchaus mithalten konnte bei den nationalen Wettbewerben. International wurde es dann ab 1961. Walter Scheimann, inzwischen auf einer Norton Manx und später einer Honda unterwegs, sammelte vor allem bei den harten Rennen im „Backe-an-Backe“-Fahrstil auf der britischen Insel seine Erfahrungen. Dort glückte ihm drei Jahre später auch sein wohl größter sportlicher Erfolg: Beim berühmten WM-Rennen auf der Isle of Man belegte der Bremer unter 128 Startern Rang fünf, war weitaus bester Privatfahrer und ließ fast 15 Werksfahrer hinter sich. Wer ihn in jenen Jahren, in denen auch in etlichen deutschen Großstädten noch Motorradrennen durchgeführt wurden, fahren sah, erinnert sich vor allem an den geschmeidigen, eleganten Fahrstil des Bremers. Doch zumindest ebenso wertvoll waren seine Fähigkeiten als Techniker: „Die haben mich oft gefragt, wie ich meine Maschinen so schnell bekomme“, erinnert sich Walter Scheimann und verrät heute:„Am meisten habe ich mit Kurbelwellen experimentiert, sie immer wieder neu eingeschliffen.“

Wer ihn heute in seinem schicken Haus in Grolland besucht, kann Unmengen von Trophäen und Auszeichnungen, bewundern, darunter auch das goldene ADAC-Abzeichen mit Brillanten – eine nur sehr selten verliehene Ehrung. Walter Scheimann bekam sie im Winter 1970, kurz vor dem Start ins „bürgerliche“ Leben. Denn er machte anschließend noch seine Meisterprüfung als Autolackierer, eröffnete einen eigenen Lackierbetrieb, vergrößerte sich und verkaufte das Unternehmen 1995. Seitdem lebt der inzwischen fast 77-Jährige ein gutbürgerliches Leben, Golf ist zu seinem sportlichen Hobby geworden, außerdem betätigt er sich mit beträchtlichem künstlerischen Talent als Maler. Doch in seinem Geräteschuppen steht immer noch ein blitzblank geputztes fahrtüchtiges Motorrad, nur von ihm selbst gewartet.



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