Wenn ein Rennfahrer in seiner Karriere sieben mal den dritten Platz in der Weltmeisterschaft seiner Klasse belegt, wenn er bei neun WM - Rennen zuoberst auf dem Siegerpodest steht, siebenmal den Deutschen Meistertitel einfährt und vom Bundespräsident mit dem "Silbernen Lorbeerblatt" für seine sportlichen Leistungen ausgezeichnet wird, dann muß es sich um einen ganz Großen der Szene handeln und das ist es auch. Die Rede ist von dem deutschen Gespannfahrer

Siegfried Schauzu

Dabei hatte "Klein-Siegfried" nun wirklich keine rennsportlichen Ambitionen, als er sich Ende der fünfziger Jahre mit schöner Regelmäßigkeit mit seinem Moped auf dem Weg zur Arbeit machte. Für Siegfried war das Gefährt nur Mittel zum Zweck, eben um pünktlich auf Arbeit zu sein. Seine Arbeit war in dem Fall seine Lehrstelle zum KFZ - Mechaniker.

Eines Tages, er war mit dem Moped auf dem Weg zu einem Verwandtenbesuch, sah er, wie sich Zweiradanhänger direkt neben der Straße auf einer abgesteckten Grasbahn wettkampfmäßig betätigten. Siegfried gefiel das und auf seine Frage, ob er da auch einmal ein paar Runden drehen dürfe,kam ein überaschendes ja. Nach ein paar Runden die ihm Freude bereitet hatten, wollte er weiter in Richtung Verwandtenbesuch. Der Veranstalter jedoch bat ihn, bis zum Ende zu bleiben. Das warum sollte sich schnell aufklären. Er hatte in seiner Klasse die schnellste Zeit erreicht, erhielt dafür einen kleinen Pokal und als "Preisgeld" einen Reifen. Seine rennsportliche Karriere hatte soeben begonnen. Man schrieb das Jahr 1957 und Siefried hatte Gefallen gefunden an dem Sport. Er beteiligte sich nun an mehreren Veranstaltungen dieser Art,wie zum Beispiel auch Trials. Das sein Ausbilder, Fritz Meier, auch selbst ein Straßenrennfahrer war, vereinfachte natürlich alles, denn Siegfried durfte ihn zu verschiedenen Rennen begleiten. Dann kam das Jahr 1959. Siegfried erwarb eine damals recht wettbewerbsfähige Maschine, eine Adler. Unter den Fittichen seines Ausbilders gelang Siegfried in der Junior-Klasse in Hockenheim ein neunter Platz.

Die Jahre zwischen 1960 bis 1962 waren geprägt von Teilnahmen an Rennen auf Grasbahnen, im Gelände und technischen Versuchen aller Art. Diese Jahre hatten so garnichts gemein mit "Karriereplanung", wie man heutzutage sowas wohl nennt. So wurden zwei der schnellen Adler-Motoren zu einem Halblitermotor zusammengebaut und beim Motocross in ein Gespann eingebaut. Als Beifahrer fungierte Erich Schütz. Erstaunlich, alle Rennen - immerhin 18 an der Zahl - wurden mit dem Gefährt siegreich beendet und Viertaktmaschinen hatten von der Leistung her keine Chance. Dafür waren die Viertakter aber besser zu beherrschen. Auch bei Versuchen auf der Kartbahn wollte keine rechte Freude aufkommen. So stand 1963 fest, seine "Spielwiese" sollten Straßenrennen bleiben und als Zubehör gab es einen Seitenwagen an das Zweirad. Ein "Turner", sprich Beifahrer, war mit Horst Schneider aus seiner heimatlichen Region um Siegen schnell gefunden und es sei hier vorweggenommen, dieses Duo blieb bis Ende der Saison 1969 zusammen. Gleich in ihrer ersten Saison wurde das Duo Schauzu / Schneider Deutscher Juniorenmeister, was bedeutete, ab jetzt ging es bei den "Großen weiter. Siegfried bedauerte sehr, daß sein Lehrmeister von einst, seinen ersten Erfolg als Deutscher Juniorenmeister nicht miterleben konnte, denn er war bereits 1960 am Schauinsland - Bergrennen tödlich verunglückt.

Fortan hießen seine Kontrahenten Enders, Auerbacher und Co., große Namen und große Könner also. Von nun an startete er bis 1981 regelmäig zu Weltmeisterschaftsrennen. Dabei stellten die Rennen auf der berühmt berüchtigten Tourist Trophy auf der Isle of Man eine besondere Herausforderung für ihn dar - er mochte diesen 60 Kilometer langen Rundkurs einfach. Bereits 1966 fuhr er dort sein erstes Rennen, was er als Siebenter beendete. Der Sieger damals Fritz Scheidegger aus der Schweiz mit weniger als 1 Sekunde Vorsprung vor Max Deubel. Beachtenwert, das Rennen wird einzeln gestartet und nicht, wie sonst üblich, im Massenstart. 1967 landete er dann auch bereits seinen ersten von gesamt 9 TT- Siegen. Die Zahl trügt allerdings insofern ein wenig, weil dort jeweils auch ein Rennen der Klasse bis 750 cc stattfand und diese Klasse keinen Weltmeisterschaftsstatus hatte. Da 1967 auch noch der Titel um die Deutsche Meisterschaft eingefahren wurde durfte Siegfried, respektive Siggi wie man ihn auch nannte, voll zufrieden sein. Bei einer Weinsorte würde man sagen, es war ein guter Jahrgang, denn auch in der WM - Gesamtwertung belegte man einen exzellenten dritten Rang, hinter Klaus Enders und Georg Auerbacher. TT - Sieger 1968, Deutscher Meister 1968, die Erfolgsbilanz setzte sich also fort. Auch in der WM, als hinter Fath und Auerbacher wieder ein dritter Gesamtrang heraussprang. Im letzten Jahr von Horst Schneider als Passagier wurde, wie fast schon selbstverständlich, der nationale Titel in Deutschland eingefahren. Diesmal musste man allerdings auf der Insel Man dem späteren Weltmeister Klaus Enders den Vortritt lassen. Aber immerhin blieb der amtierende Weltmeister Helmut Fath hinter Siggi.

Das Jahr 1970 könnte man als ein Zwischenjahr bezeichnen, zumindest den Passagier betreffend. Der Engländer Peter Rutherford hatte die Aufgabe von Horst Schneider übernommen. Ansonsten blieb vieles wie im Jahr vorher. Zweiter hinter Klaus Enders bei der TT, aber Gewinn der 750 cc Klasse dort mit neuem Rekord, erstmals über 90 Meilen/Stunde in dieser Klasse. Und in der WM neuerlich Dritter, hinter Enders und Auerbacher. Im Jahr darauf, also 1971, begleitete Wolfgang Kalauch die Rennen als Passagier. Diesmal sprang wieder der Platz ganz oben auf dem Podium heraus, vor Georg Auerbacher. In der größeren Sidecarklasse kam es erstmals wegen eines technischen Defekts zum Ausfall, weit in Führung liegend. Und in der Weltmeisterschaft pressten sich erneut zwei Gespanne vor Siggi - Horst Owesle und Arsenius Butscher. Allerdings, zu einem deutschen Titel langte es erneut, bereits zum vierten mal. 1972 war dann in Sachen Hackordnung bei der TT die richtige Reihenfolge wieder hergestellt. Diesmal vor Heinz Luthringshauser und dem englischen Brüderpaar Boret. Erstmals hatte ein Zweitakter erfolgreich Einzug in die Gespannklasse gehalten, was sich künftig ohnehin ändern sollte. Fast schon selbstverständlich: fünfter Titel bei der Deutschen Meisterschaft und neuerlich dritter Platz in der WM, hinter Klaus Enders und Heinz Luthringshauser. Es war schon fast wie ein Fluch der über Siegfried´s Karriere lag. Auch 1973 "nur" Dritter in der Weltmeisterschaft. Diesmal hatte sich zwischen Seriensieger Enders und Siggi noch Werner Schwärzel mit Beifahrer Kleis (leider inzwischen verstorben) dazwischen geschoben. Auch die TT hielt in beiden Seitenwagenkategorien nur zweite Plätze bereit. Auch 1974 in der WM das gleiche Bild: Enders vor Schwärzel und Schauzu. Die BMW - Ära war damit beendet. Das Siegerehrungsbild links von 1974 in Brno zeigt zwar die Platzierung des Grand Prix, aber es waren auch gleichzeitig die drei Erstplazierten in der Weltmeisterschaft. Praktisch hätten Werner Schwärzel und Karl-Heinz Kleis nur die Plätze mit Enders / Engelhardt tauschen brauchen. Jetzt begann praktisch für Siggi eine neue Zeitrechnung. Helmut Fath hatte einen neuen Motor mit Getriebe entwickelt, für einen Nürnberger Teppichhändler, der als Hauptsponsor auftrat. In Anlehnung an dessen Name nannte man das Gespann ARO. Das Chassis dazu kam aus der Schweiz, gebaut von Herman Schmid, der selber als Fahrer aktiv war. Der Motor hatte zwar eine ordentliche Leistung wenn er ging, aber leider ging er zu selten. Als Beifahrer kamen wechselweise der Engländer Clifton Lorentz und Hartmut Schimanski zum Einsatz. Die Erfolge hielten sich in Grenzen.

Erst ab 1977, nunmehr Yamaha - motorisiert und mit dem Italiener Lorenzo Puzo als Stammpassagier kehrte wieder etwas Kontinuität in Siggis Rennsportaktivitäten ein. Lorenzo war, nebenbei gesagt, der Sohn einer der ersten italienischen Gastarbeiter in Deutschland und brachte einige Erfahrung mit als Beifahrer von Heinz Thevissen und Heinz Luthringshauser. Mit einem zweiten Platz 1977 beim GP in Brno nahm das Jahr noch einen versöhnlichen Abschluß. Hinter dem Weltmeister des Vorjahres Rolf Steinhausen, mit Wolfgang Kalauch im "Boot" und vor dem Champion 1977, dem Engländer George O'Dell und dessen Landsmann Cliff Holland. Auf dem Bild links (von links nach rechts) Schauzu, Puzo, Steinhausen, Kalauch, O'Dell und Holland.

Bei aller Freude am Rennsport stand vor Siegfried ja auch noch die Frage im Raum: wie weiter nach der rennsportlichen Karriere. So eröffnete er eine Tankstelle in Siegen und war damit erst einmal für seine Zukunft abgesichert. So ganz nebenbei hatte er 1976 und 1977 seine sechste und siebente Deutsche Meisterschaft errungen und 1976 mit einem zweiten Platz in der 750 cc Klasse auf der Insel Man seine sehr erfolgreichen TT - Auftritte zu einem guten Ende gebracht. Es war das Jahr, in dem die Inselrennen letztmals WM - Status hatten, allerdings eben nie die 750 cc Klasse.

Nach vielen Jahren mit dem Beiwagen auf der rechten Seite baute er 1980 ein Gespann mit Links - Seitenwagen. Welchen Einfluß diese Sache auf seinen einzigen schweren Sturz in seiner Laufbahn hatte wird sich vermutlich nie klären lassen. Beim Training zum Lauf zur Deutschen Meisterschaft geschah es dann. Siggi verlor in der Sachs - Kurve die Kontrolle über das Gespann und verletzte sich schwer. Wie bereits erwähnt war dies der einzige schwerere Crash in seiner langen Karriere. Im rechten Bild sehen wir Siegfried nach seiner Genesung mit Passagier Bernhard Dietz (1981) im Linksseitenwagen und auch Wolfgang Kalauch konnte man in 1982 darin sehen. Daneben als Zuschauer mit freundlichen Blick in die Vergangenheit in Spa 2011. Siggi ist sich der Tatsache bewußt, daß er ohne die Hilfe zahlreicher Sponsoren und ohne die Unterstützung von Gustl Lachermeier und seiner zwei Brüder Helmut und Rudolf seine Laufbahn nicht so erfolgreich verlaufen wäre wie sie letztlich verlaufen ist. Als Krönung seiner Laufbahn bezeichnet Siegfried die Verleihung des Silbernen Lorberblattes durch den Bundespräsident 1972, was ihm einen fehlenden WM - Titel leichter verschmerzen läßt.

© Fotos: Autor, FBi


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