Wilhelm Noll zum 86. Geburtstag
Wilhelm Noll und Fritz Cron – die zweimaligen Gespann-Weltmeister vorgestellt
© Text und Fotos: Günter Geyler

Im Mai 1954 erlebte ich am Hockenheimring das erste wirklich internationale Motorradrennen. Mit den Rennveranstaltungen, die vorher in Hohenstein-Ernstthal, Leipzig und Schleiz lediglich durch die Teilnahme einiger Spitzenfahrer aus dem benachbarten Tschechien international aufgewertet wurden, war das Mai-Pokal-Rennen in der Spargelstadt keinesfalls zu vergleichen. Das Rennen auf der damals 7,7 Kilometer langen PS-Strecke in Hockenheim - nur zwei Kurven und zwei lange Geraden – lief „nur“ als Deutscher Meisterschaftslauf, glänzte aber mit nahezu weltmeisterlicher Besetzung in allen Klassen. Spannend von der ersten bis zur letzten Runde verlief das Rennen der Seitenwagengespanne (Foto oben rechts). Der viermalige britische Weltmeister Eric Oliver mit Les Nutt kämpfte mit seiner vollverkleideten Norton gegen die deutschen BMW-Fahrer Wilhelm Noll / Fritz Cron und Friedrich Hillebrand / Manfred Grunwald, die ein „nacktes“ Renngespann steuerten. Trotz seiner Stromlinien-Maschine konnte sich Oliver nicht von seinen Rivalen lösen, im Gegenteil: Zweimal führte Noll auf der Werks-BMW mit Benzineinspritzung, einmal lag Privatfahrer Hillebrand mit dem Vergaser-Motorrad vorn. Dann kam die entscheidende letzte Runde. Das Gespann Noll / Cron lag nur einen halben Meter hinter Oliver / Nutt im Windschatten – und in dem Moment wurden sie abgewinkt. Wilhelm Noll hatte nicht gemerkt, dass die letzte Runde bereits herum war. Oliver gewann ganz knapp - und Noll ärgerte sich. „Ich war wie vom Schlag gerührt, als mir plötzlich die karierte Flagge gezeigt wurde“. Diesmal wäre in einem klugen Endspurt ein Sieg für die Hessen aus Kirchhain möglich gewesen.
Ein altes Sprichwort sagt. „Aus Fehlern wird man klug, aber niemals reich!“ Nach dem Hockenheim-Malheur musste Wilhelm Nolls Freund Fritz Cron nicht nur als Beifahrer fungieren, sondern gleichzeitig während des Rennens die Rolle eines Buchhalters übernehmen. Vor einem Rennen wurden in der Haube des Seitenwagens jeweils so viele Striche aufgemalt, wie Runden zu drehen waren, und nach jeder absolvierten Runde sollte Fritz Cron einen Strich wegwischen. Beim vorletzten 1954er Weltmeisterschaftslauf für Gespanne in der Schweiz konzentrierten sich die beiden Hessen auf den harten Spitzenkampf mit den Briten Cyril Smith / Stanley Dibben. Bei der Hitze des Gefechts praktizierte der gute Fritz Cron die "Strichregel" leider zu eifrig und wischte einen Strich, sprich Runde, zu viel weg. Gottlob hatte aber Wilhelm Noll auch mit aufgepasst und es gelang ihnen einen wichtigen Sieg einzufahren.
Obwohl die Motorrad-Rennveranstaltung auf der 11,6 Kilometer langen Berg- und Tal-Rennstrecke am Feldberg als Lauf um die deutsche Meisterschaft ausgeschrieben war, kamen einige internationale Größen an die ausgesprochene „Fahrer-Piste“ mit einem Sprunghügel in den Taunus. Wieder brachte der Lauf der Dreirad-Akrobaten einen dramatischen Höhepunkt. Einmal mehr dominierten in der Anfangsphase die Briten Oliver / Nutt. Die BMW-Werksfahrer Noll / Cron kamen erst als zweitletzte vom Start und mussten das gesamte Feld von hinten aufrollen. Zur Halbzeit des Rennens lagen die Hessen bereits vor ihren britischen Rivalen in Führung. In der vorletzten Runde setzte Eric Oliver alles auf eine Karte, um seinen deutschen Konkurrenten doch noch zu besiegen. Dabei flog er aus einer Kurve und brach sich den linken Arm. Nach diesem schlimmen Sturz, eine Woche vor dem deutschen Weltmeisterschaftslauf auf der Stuttgarter Solitude, konnte der unglückliche Norton-Pilot nicht mehr in das WM-Geschehen 1954 eingreifen. GP-Siege in England, Irland und Belgien hatte er bereits eingefahren. Da nur vier von sechs WM-Resultaten gewertet wurden, hätte Oliver nur noch einen weiteren GP-Sieg zum fünften Titel benötigt.
Vor dem Großen Preis von Deutschland lagen Wilhelm Noll und Fritz Cron in der WM-Wertung auf Platz zwei. Ausgerechnet bei dem „Heimrennen“ gab der sonst zuverlässige Einspritz-Motor nicht die volle Leistung ab (Foto unten) Die Privatfahrer Walter Schneider und Hans Strauß auf BMW RS 54 klebten rundenlang am Hinterrad der führenden Werksfahrer, doch sie griffen nicht an! Mit dieser Geste wollten Schneider / Strauß den Kollegen aus Hessen nicht unnötig die WM-Punkte wegnehmen! Beim Endlauf auf der Monzabahn gab es Probleme mit dem italienischen Sprit. Erst mit Klebeband befestigtes Trockeneis verhinderte die störende Dampfblasenbildung. Nachdem das Gespann Noll / Cron die WM-Läufe in der Schweiz und in Italien jeweils vor dem Paar Smith / Dibben gewann, hatten sie erstmals auf der BMW die Weltmeisterschaft 1954 erkämpft. WM-Platz zwei belegte der unglückliche Eric Oliver mit Les Nutt vor seinen Landsleuten Smith / Dibben. Die Rennen zur Deutschen Meisterschaft 1954 wurden in Hockenheim, auf dem Nürburgring, am Feldberg, in Nürnberg, Schotten und Hannover ausgetragen. Ehrensache für die Weltmeister: Auch auf den deutschen Pisten dominierten sie. Auch hier kamen die vier besten Ergebnisse in die Wertung, und die gingen an Noll / Cron. Den zweiten Rang in der deutschen Meisterschaft holten sich die emporkommenden Privatfahrer Willi Faust / Karl Remmert mit Siegen in Schotten und Hannover sowie mit weiteren vorderen Platzierungen. 1955 dominierten die Driftkünstler Faust / Remmert in der Weltmeisterschaft und auch im Deutschen Championat jeweils vor Noll / Cron. (rechtes Bild Noll/Cron am Start in Nürnberg 1955) Wilhelm Noll sagte dazu sportlich fair: „ Unsere Landsleute Faust / Remmert, ebenfalls auf BMW, hatten verdientermaßen die Nase vorn!“ Leider beendete im Frühjahr 1956 ein furchtbarer Sturz bei Erprobungsfahrten in Hockenheim diese Karriere. Karl Remmert verlor dabei sein Leben. In der Saison 1956 liefen die BMW Werksmaschinen von Noll und Hillebrand mit Benzineinspritzung. Sie leisteten rund 60 PS. Nolls härtester Gegner war also sein Stallgefährte, und der siegte gleich bei den ersten WM-Läufen in England und Holland. Die Rennen in Belgien, Deutschland (Solitude) und Irland gewann der 1954er Weltmeister (Foto unten auf der Solitude 1956). Dazu kam noch ein zweiter Rang in Holland, und das Gespann Noll / Cron errang damit die zweite Weltmeisterschaft. Den Ehrenplatz belegten Hillebrand / Grunwald. Nur vier Rennen standen für die Deutsche Meisterschaft auf dem Programm, und alle Resultate kamen in die Wertung. Die 56er Weltmeister bestimmten auch hier das Geschehen mit Siegen in Hockenheim, auf der Solitude und der Berliner Avus. Lediglich auf dem Nürnberger Norisring siegte Hillebrand, der in der DM-Endabrechnung Platz zwei belegte. Als sich BMW Ende 1956 vom Rennsport zurückzog, beendeten die zweimaligen Weltmeister ihre motorsportliche Laufbahn. Zuvor fuhr Wilhelm Noll noch auf einer vollstromverkleideten Spezial-Rekordmaschine mehrere Klassen-Weltrekorde. Er kam dabei auf 280 km/h.

Der am 15. März 1926 geborene Wilhelm Noll ist schon seit frühester Jugend mit dem damaligen Nachbarsjungen Fritz Cron – geboren am 31. März 1925 – befreundet. Beide waren als Lausbuben in dem hessischen Städtchen Kirchhain bekannt. Wilhelm erlernte das Kraftfahrzeughandwerk, sein Freund Fritz die Elektrotechnik. Sportlich betätigten die zwei sich als Turner und Handballspieler. Auch gehörten sie zur Kirchhainer Feuerwehr. In den späten 1940er Jahren bauten sie sich unter den schwierigsten Bedingungen aus einer schrottähnlichen BMW R 66 eine Seitenwagenmaschine auf. Ein väterlichen Freund, der Sportwagenpilot Helm Glöckler, half mit seinen guten Beziehungen als BMW-Vertreter bei der Beschaffung von Ersatzteilen. Der bekannte Motorradrennfahrer Karl Lottes aus dem benachbarten Marburg unterstützte die beiden künftigen Seitenwagen-Rennfahrer mit Rat und Tat. Lottes war es auch, der sich für die zwei verwendete, damit sie als völlig Unbekannte, Wilhelm Noll auf der Maschine und Fritz Cron im Seitenwagen, am Kölner Rennen im Mai 1948 teilnehmen konnten. Der Erfolg: Platz zwei in der Ausweisklasse. Im darauffolgenden Lauf in Dieburg siegte das Paar. Weitere Erfolge kamen hinzu. 1950 erhielten die beiden die Lizenz und waren am Ende der Saison beste Fahrer in der Sonderwertung der 600er Maschinen ohne Kompressor. Ab 1951 starteten sie auf einer 500er BMW, mit der sie auch auf dem Sachsenring siegten und weiterhin vordere Plätze belegten, so dass sie die Aufmerksamkeit des BMW Werkes erregten. Als sich Ende 1953 die Werksfahrer Ludwig Kraus und Bernhard Huser vom Rennsport verabschiedeten, bekamen die beiden Hessen einen Werksvertrag und erfüllten mit zwei Weltmeisterschaften voll die in sie gesetzten Erwartungen. Nach ihrer aktiven Zeit kümmerten sich die Champions ehrenamtlich um die Belange der Motorradrennsportler.
Jetzt sind die beiden liebenswerten Rennveteranen gern gesehene Gäste bei den Treffen ehemaliger Rennfahrer. Wir wünschen Wilhelm Noll und natürlich auch Fritz Cron weiterhin gute Gesundheit!

Rückreise von der TT 1955: Strauß - Schneider - Noll - Cron - Faust - Remmert

"Dauerkonkurrenten" Oliver / Dibben (GB) vor Wilhelm Noll mit Fritz Cron am Nürburgring

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