mit Dieter Braun 1970 am "Ring"

vor Thomas Heuschkel 1966 in Frohburg


1969 auf dem Sachsenring

Vergesst die alten Meister nicht

Friedhelm Kohlar

Text und Fotos: Günter Geyler

Im Jahr 1961 lief erstmalig auf dem alten Sachsenring ein Weltmeisterschaftslauf für Solo-Motorräder. Damals fotografierte ich die weltbesten Straßenrennfahrer aus einem Gartengrundstück an der Badbergkurve. Dort konnte ich den Fahrstil der einzelnen Grand-Prix-Teilnehmer ganz genau beobachten. Bereits im Training der 125er Klasse fiel mir neben den bekannten MZ- und Honda-Werkspiloten ein Fahrer auf, der sehr sauber und gekonnt um diese Kurve fuhr: Es war der Mann mit der Start-Nummer 161, also der MZ-Privatfahrer Friedhelm Kohlar aus Dresden. Im Rennen belegte er dann Platz 8.

Ende der 1950er Jahre begann der am 15. März 1936 geborene „Friedel“  mit einer 125er MZ als Ausweisfahrer. Mit vorderen Platzierungen im Jahr 1960, darunter Siege in Dresden, Frohburg und Schleiz, erhielt er ab 1961 die Lizenz. Der gelernte Kraftfahrzeugschlosser baute in Eigenregie das gesamte Fahrgestell seiner Rennmaschine und verbesserte auch den Einzylinder MZ-Motor. Aufgrund seines tadellosen Fahrstils stellten sich in der Lizenzklasse bald Erfolge ein. 1964 erkämpfte Friedhelm Kohlar im starken Feld der Achtelliterklasse die DDR-Meisterschaft vor Jochen Leitert und Hartmut Bischoff. (Die MZ-Werksfahrer bekamen keine Meisterschafts-Punkte). Zu jener Zeit fuhren die ostdeutschen Straßenrennsportler größtenteils in Hohenstein-Ernstthal, Schleiz, Halle, Frohburg, und dazu noch auf den Autobahnpisten in Dresden-Hellerau, Bautzen und Bernau. Auch am Lückendorfer Berg starteten die Akteure.

Friedhelms Lieblings-Kurs war das alte Schleizer Dreieck. Auf dieser „Fahrer-Strecke“ siegte er 1965, 1968 und 1969. Zusammen mit seinen Rennfahrer-Freunden Hartmut Bischoff, Roland Rentzsch und Thomas Heuschkel gehörte er ab Mitte der 1960er Jahre zur DDR-Nationalmannschaft: Er durfte auch in den blockfreien Staaten starten! Bei diesen internationalen Rennen und WM-Läufen in Finnland, Jugoslawien und Österreich konnte sich der Friedel beachtlich platzieren. Bei Termin-Überschneidungen musste er auf die DDR-Meisterschaftsläufe verzichten. Trotzdem wurde Friedhelm Kohlar in den Jahren 1967/ 1968 / 1969 jeweils DDR-Vizemeister.

Im Ausland beobachtete dann ein roter Delegationsleiter „seine“ Fahrer nicht nur auf der Rennstrecke: Die braven DDR-Fahrer bekamen die Anweisung, keine Privatgespräche mit westdeutschen Sportlern zu führen und sie keinesfalls bei Arbeiten an ihren Rennmaschinen zu unterstützen. Friedels Dresdener „Landsmann“ Roland Rentzsch wurde bei einer solchen „schweren Sünde“ ertappt. Die Bestrafung: Ein Jahr Sperre!!!



1965 in Schleiz vor Günter Bartusch


1965 am Schleizer Dreieck


Heuschkel-Kohlar-Drapal 1976
Nicht bei jedem Rennen schien für den guten Friedel die Sonne: Er musste leider auch Stürze hinnehmen und anschließend Dialoge mit Ärzten und Krankenschwestern führen. Im Frühjahr 1969 verunglückte der Dresdener auf dem Bautzener Autobahnring und brach sich dabei das linke Handgelenk. Um wenige Wochen später am Weltmeisterschaftslauf auf dem alten Sachsenring teilnehmen zu können, bastelte sich der Friedhelm an seine MZ ein Gestell zur Stabilisierung der verletzten Kupplungs-Hand. Im „Illustrierten Motorsport“ hieß es: „Kohlar mit der eisernen Hand“. Noch in der letzten Runde des 125er Laufs lag er mit seiner vielbestaunten Armauflage hinter dem späteren Sieger, dem britischen Kawasaki-Fahrer Dave Simmonds, auf Platz zwei. Erst am Queckenberg, wenige Meter vor dem Zielstrich, ging der Rotax-Werksfahrer Heinz Krivanek (Österreich) mit seiner "Gonda" an dem gehandicapten MZ—Mann in wagehalsiger Fahrt vorüber. Friedhelm Kohlar freute sich dennoch über den dritten Platz. Es war sein bestes Ergebnis bei einem Weltmeisterschaftslauf!

Auf der umstrittenen Rennstrecke in Opatija warf der Friedhelm 1970 seine MZ auf den jugoslawischen Asphalt und musste anschließend mit gebrochenem Fuß eine Erstversorgung im Krankenhaus von Opatija über sich ergehen lassen. Der Sachse war aber nicht der einzige Unglückliche auf dieser Rennstrecke, auch Heinz Krivanek fiel dort ganz fürchterlich auf die Nase und trug zu einem kleinen „Rennfahrertreffen“ im Krankenhaus bei. Im Sommer 1971 stürzte Friedhelm Kohlar auf der schwedischen Piste in Anderstop und trug wiederum schmerzliche Verletzungen davon. Jetzt hatte der Dresdener endgültig die „Nase voll“, hing seinen Sturzhelm an den bewussten Nagel und beendete als einer der besten Privatfahrer der DDR seine Rennfahrer-Laufbahn.

Als vitaler Rentner unternimmt der Friedel mit Frau und Wohnwagen nach wie vor gern größere Reisen. Stolz ist er auf seine Enkeltochter, die von ihm den Motorrad-Bazillus geerbt hat und mit einem älteren Touren-AWO-Gespann bei erstaunlichen Fernfahrten Europa durchquert.

Anmerkung zu einem Foto: Das obenstehende Bild „Friedhelm Kohlar und Dieter Braun“, das im Jahr 1970 in der ostdeutschen Zeitung „Deutscher Straßenverkehr“ abgedruckt war, bescherte dem „Friedel“ mächtigen Ärger mit den roten Motorsport-Bonzen, weil er sich erdreistet hatte, mit einem Rennsportler aus dem Lager des „Klassenfeindes“ ein Gespräch zu führen!!!


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