Als im Jahr 1950 ein schmächtiger junger Bursche von 15 Jahren eines der Werkstore von Birmingham Small Arms, kurz BSA genannt, passierte, ahnte keiner, am wenigsten wohl er selbst, dass dieser junge Mann der einzige sein wird, der 12 Jahre später für BSA einen Grand Prix Sieg im Motorradrennsport der Seitenwagenklasse einfahren wird,

Chris Vincent

* 20.01.1935

England


Allen Freunden der Sidecar-Historie ist es natürlich nicht verborgen geblieben, dass es neben deutschen und schweizerischen Fahrern besonders die britischen Fahrer waren und noch immer sind, welche die Seitenwagenszene in der Motorradweltmeisterschaft bestimmten, und wie schon erwähnt, noch immer mit bestimmen. Das schließt natürlich nicht aus, dass es auch "Exoten" anderer Länder gab und gibt, die es in die Spitze der Ergebnislisten schafften. Ein Engländer, der in den sechziger und beginnenden siebziger Jahren für Aufmerksamkeit in der Gespannszene sorgte war Chris Vincent, der im Januar seinen Achtzigsten feiern konnte und dem ich mit dieser Kurzbiografie entsprechend würdigen möchte.

Wenn man sich ein wenig mit dem Lebenslauf des Engländers beschäftigt, lassen sich gewisse Parallelen zu bekannten Personen der damaligen Seitenwagenszene feststellen. Da wäre beispielsweise der Hang zu allem Modernen wie ihn beispielsweise Rudi Kurth aus der Schweiz verkörperte. Zu nennen wäre da sicher auch die Kombination Fahrer / Techniker, wie sie zum Beispiel bei Helmut Fath, Horst Owesle und einigen Anderen ausgeprägt bestanden hat.

Was an dieser Stelle auch gleich erwähnt werden sollte war seine Vielseitigkeit. Auch dafür gibt es Ähnlichkeiten. Wie beispielsweise Klaus Enders und auch Georg Auerbacher startete Chris Vincent seine Laufbahn als Solofahrer.

Begonnen hatte bei Chris seine Laufbahn nach der Schulzeit durch eine Lehre bei BSA in Birmingham. Ab 1956 beteiligte er sich an Speedway- und Grasbahnrennen mit einer J.A.P. motorisierten Speedwaymaschine. Später wechselte er zu einem BSA Motor. Während dieser Zeit kam er in Kontakt mit Cyril Smith, dem Gespann - Weltmeister von 1952, der sein Interesse für die Sidecars erweckte. Auf nationaler Ebene gewann er die Grasbahn-Meisterschaft bei den Sidecars. Als Testfahrer bei BSA beteiligte er sich 1959 an Endurance Rennen, aber seine große Liebe war fortan eben die Seitenwagen - Klasse.
Wie es sich für einen echten Briten gehört, lockte ihn die Isle of Man. Leider gab es bei seinen ersten beiden Starts dort, 1960 und 1961, gleich zwei Ausfälle. Doch 1962 war es dann so weit. Mit Routinier Eric Bliss im Beiwagen gewann er das 500cc Rennen auf einer BSA. Nun werden Experten einwenden, dass die damals drei WM-Führenden durch technische Defekte (Deubel,Scheidegger), respektive Unfall (Camathias mit Beifahrer Horst Burkhardt, was das Ende der Karriere von Horst Burkhardt bedeutete) die Zielflagge ja nicht gesehen haben. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass unter den besiegten Fahrern zum Beispiel keine geringeren Piloten waren als Otto Kölle, Georg Auerbacher und Heinz Luthringshauser. Letztgenannten fuhren dazu auch noch ein leistungsmäßig, gegenüber BSA, stärker einzuschätzendes BMW - Aggregat. Vergessen sollte man nie, dass es zu allen Zeiten schon Sieger gab, die von technischen Problemen, respektive Unfällen der Konkurrenz profitierten. Der Erwerb einer BMW RS54 brachte für Chris auch nicht den erhofften Sprung in die absolute Spitzenklasse. BMW und England scheint einfach nicht zu passen - die Soloklasse bietet genügend Beispiele dafür. Dann kam das Jahr 1972 und für Chris ein wirklich erfolgversprechender Anlauf auf den Titelgewinn. Horst Owesles Weltmeistermaschine aus dem Jahr 1971 war zu haben. Mit dem Amerikaner George Bell war ein Finanzier vorhanden, der das Team unterstützte, welches die Saison mit dem von Helmut Fath gebauten URS Motor in Angriff nahm. Leider war die erste Saisonhälfte von Ausfällen gekrönt. Als das Gespann aber dann in der zweiten Saisonhälfte "das Laufen anfing" war es für höhere Weihen schon zu spät, trotz der tatkräftigen Hilfe von URS - Spezialist Horst Owesle. Nicht zu vergessen auch die fahrerische Qualität eines Klaus Enders, der seinerzeit die Szene beherrschte. Würde man die zwei Saisonhälften getrennt werten, hätte es für Chris zum Vize gereicht, so wurde es über die Saison gerechnet nur ein vierter Schlußrang. Auf Grund der Ausfälle in der ersten Saisonhälfte auch nicht so schlecht. Offenbar war aber dem US-Boy und Unterstützer George Bell der Erfolg zu gering oder sein Geld wurde zu knapp, jedenfalls zog er seine "Fördermittel" zurück. Ein Versuch mit einem Yamaha - Gespann brachte leider für Chris nicht den gewünschten Erfolg, so dass er 1974 seine Laufbahn beendete. In den Achtzigern betrieb Chris ein Motorradgeschäft in Earl Shilton in der Grafschaft Leicestershire. Seine beiden Söhne Max und Jason hatten sich auch dem Rennsport verschrieben, wobei der jüngere Jason auch international einige Erfolge einfahren konnte, als Solofahrer.

Fotos: FBi, Geyler, Autor, Archiv




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