John Surtees - eine lebende Legende

© Text und Fotos: Günter Geyler


Können Sie Sich vorstellen, dass sich ein Formel 1- oder ein Moto GP-Star ohne Honorar etwa eine halbe Stunde lang von einem überdrehten Kameramann in alle möglichen und unmöglichen Posen dirigieren lässt? Ganz bestimmt nicht! John Surtees hingegen war sich nicht zu schade, anlässlich einer Oldtimer-Rallye in der Steiermark den teilweise unsinnigen Wünschen eines solchen Foto-„Künstlers“, bestenfalls für ein Dankeschön, geduldig nachzukommen.

Dabei ist der Brite kein „kleines Licht“, sondern der einzige Motorsportler, der sowohl auf zwei als auch auf vier Rädern zu Weltmeisterehren kam.

Am 11. Februar 2004 wurde der inzwischen glatzköpfige Champion 70 Jahre alt. Das glaubt allerdings keiner, wenn man den Londoner auf einem Rennmotorrad oder im Rennwagen erlebt. Hier wirkt der freundliche ältere Herr noch wie ein Zwanzigjähriger! John Surtees war erst 15, als er 1949 seine ersten Motorradrennen mit einer Excelsior auf der Grasbahn bestritt. Doch schon bald fand er am Straßenrennsport weitaus mehr Gefallen. Ab 1950 startete der Knabe nur noch auf der Straße, vorerst auf einer Vincent. Danach fuhr er mit der 350er und 500er Norton, aber auch mit der 250er NSU-Sportmax (Foto oben) viele Rennen, die er größtenteils gewann.

Seine stetigen Erfolge blieben den Rennverantwortlichen der italienischen Marke MV Agusta natürlich nicht verborgen, und ab 1956 steuerte der Brite die 350er und 500er Werksmaschine (Foto unten) aus Gallarate (Mailand). Mit der weniger störanfälligen Vierzylindermaschine gewann er in der Halbliterklasse drei WM-Läufe und wurde damit bereits Weltmeister. 1956 standen nur ganze sechs WM-Rennen auf dem Programm, von denen die vier besten Resultate eines Fahrers in die Wertung kamen. Dabei hatte Surtees trotz seines schweren Sturzes auf der Stuttgarter Solitude im Rennen der 350er Klasse (Armbruch) das Glück voll auf seiner Seite: Sein ärgster Rivale, das „Fahrgenie“ Geoff Duke auf Gilera, war für zwei Läufe gesperrt und hatte bei weiteren zwei Rennen Maschinenausfälle zu beklagen, die sagenhaft schnelle Achtzylinder Moto Guzzi unter Bill Lomas zeigte noch zu oft Kinderkrankheiten, und der BMW mit dem Weltklassepiloten Walter Zeller fehlten zur Spitze einige Pferdestärken. Ein Jahr später musste John Surtees anerkennen, daß die 350er Moto Guzzi (wie bereits 1956), aber auch die 500er Gilera seiner MV Agusta überlegen war. Leider aber zogen sich die beiden italienischen Konkurrenzfirmen Ende 1957 vom Grand-Prix-Sport zurück! MV hatte jetzt keine Gegner mehr!John Surtees mit der 500er unterwegsIn den Jahren von 1958 bis 1960 musste sich der Agusta-Werksfahrer Nummer eins lediglich gegen seine Stallgefährten Remo Venturi und John Hartle durchsetzen, doch der Reiz der Konfrontation mit anderen Werkspiloten fehlte für ihn. Surtees versuchte bei den europäischen Rennen, die vorher aufgestellten Rundenrekorde zu brechen. Nahezu jeden WM-Lauf, sowohl in der 350er als auch in der 500er Klasse, gewann er und holte zu seinem 1956er WM-Titel weitere 6 hinzu. Im Laufe seiner Motorrad-Karriere eignete er sich einen eigenwilligen Kurvenstil an: Er winkelte den Oberkörper zur Kurveninnenseite stärker ab als seine Maschine (ähnlich wie der Tscheche Frantisek Stastny und der Ire Ralph Bryans). John wollte auch außerhalb der Grand-Prix-Rennen Veranstaltungen in Großbritannien mit dem roten Renner aus Gallarate bestreiten, MV Agusta aber nicht. So kam es zu Meinungsverschiedenheiten. In der Saison 1960 fuhr „Big John“ schon zwischendurch kleinere Automobilrennen, und am Ende des Jahres hing er resigniert die schwarze Lederkombi an den Nagel.

Er fuhr nun auf den Wagen von Aston Martin, Vanwall, Lotus, Cooper, Lola und zeigte auch auf vier Rädern Talent, so dass er ab 1963 für Ferrari Formel I Läufe und darüber hinaus Sportwagenrennen bestritt. Sein größter Erfolg: 1964 erkämpfte der einstige Motorrad-Champion die Automobilweltmeisterschaft! Seine Rivalen Graham Hill, Jim Clark, Bruce Mc Laren, Dan Gurney, Lorenzo Bandini, galten zu jener Zeit als die besten Rennpiloten. Auf der fahrerisch anspruchsvollen Nordschleife des Nürburgrings siegte er unter anderem zwei Mal im Sport- und auch zwei Mal im Rennwagen. Trotzdem bereitete dem Meister die Firmenpolitik bei Ferrari wenig Freude: Man wollte in Maranello zuviel erreichen und „tanzte zugleich auf mehreren Hochzeiten“, ohne sich entweder auf die Formel I oder aber auf die Sportwageneinsätze voll zu konzentrieren. So verließ Surtees Mitte der Saison 1966 den italienischen Rennstall und fuhr nun auf Cooper-Maserati, danach ging er zu Honda. Dort beteiligte er sich bis 1968 an der Weiterentwicklung des Formel I – Renners. Mit dem modifizierten „Japaner“ holte er 1967 in Monza seinen letzten Grand-Prix-Sieg. Nachdem der Brite 1969 mit dem BRM ziemlich glücklos die Saison beendete, baute er selbst Rennwagen. Leider aber blieben seinen Eigenbau-Rennautos die ganz großen Erfolge versagt. Bald verabschiedete er sich als Rennfahrer und wenige Jahre später auch als Chef seines Rennteams.


Mit der 350 cc MV auf der Solitude 1956

Heute erfreut John Surtees die Oldtimer-Fans bei hochkarätigen Veranstaltungen mit Demonstrationsrunden auf zwei und auf vier Rädern.


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