Die Hinton - Dynastie

aus Australien

Schon manchmal habe ich mich über offenbar mangelndes Interesse Jugendlicher, aber nicht nur dieser, an der Historie geärgert. Da fiel mir dieser Tage ein kleines Büchlein mit einigen Autogrammen in die Hände und gleichzeitig tauchte in mir ein Gedankengang auf, den ich damals hatte und der offenbar im Unterbewustsein verschwunden war. AutogrammeMit dem Autogrammbüchlein und Kugelschreiber bewaffnet begab ich mich in Richtung einer Garage, um mir ein Autogramm des Australiers Eric Hinton zu besorgen. Ich gab das Büchlein mit Stift einem älteren Herrn, dem offenbar klar war, worum es ging. Er nahm mein Büchlein und verewigte darin seinen Namenszug, ehe er es an Eric Hinton weiterreichte. Mein Gedanke in dem Moment war:"was schmiert denn der Alte in meinem Büchlein rum?" Zu dem Zeitpunkt hatte ich doch keine Ahnung, daß "der Alte", Vater der Hinton-Brüder, mehr Erfolge eingefahren hatte, als es seine Söhne später tun würden. Als sich meine Dummheit, oder sollte ich etwas milder sagen Unwissenheit, herausstellte, nahm ich mir vor, mich künftig nicht nur für die Aktualität zu interessieren, sondern auch für die Historie.

Harry Hinton Senior wurde 1911 im englischen Birmingham geboren. 1920 wanderte seine Familie ins ferne Australien aus, wo es bei Strand-Rennen erste Kontakte mit dem Motorsport gab. Durch einen Verkehrsunfall 1931 verlor er tragischerweise auf einem Auge sein Augenlicht. Für Harry Hinton aber kein Grund, seinen geliebten Motorsport aufzugeben. Der Krieg bremste natürlich auch in Australien viele motorsportliche Aktivitäten. Aber nach Kriegsende konnte er wieder richtig durchstarten. Im Bild sehen wir Harry mit Jack Forrest und Lionel van Prag, Konkurrenten und Freunde jener Tage.

Als 1949 die Motorradweltmeisterschaft entstand, schickte ihn die australische Federation auf grund seiner Erfolge mit Fahrerkollegen nach Europa um auf der Isle of Man - das wichtigste Rennen jener Tage - den fünften Kontinent würdig zu vertreten. Als Newcomer erreichte er in der Junior-Klasse (350 cc) auf Anhieb einen 15. Platz und die Senior-TT (500 cc) bescherte ihm sogar den neunten Rang - bei jeweils weit über 50 Teilnehmern pro Klasse. Auf der Rückreise in den australischen Sommer hatte er zwei Werks-Nortons von 1948, erworben von der irischen Fahrerlegende Artie Bell im Gepäck. Keine Frage dass er damit in seiner Heimat so ziemlich alles gewann was zu gewinnen war, unter anderem auch beim Bathurst-Rennen, in der Wertigkeit etwa so gelagert wie ein TT-Sieg. Keine Frage, bei soviel Erfolg war der Trip via Europa praktisch für 1950 schon wieder gebucht. Norton hatte ihn für das sogenannte B-Team, zusammen mit Harold Daniell vorgesehen. In Assen bei der Dutch-TT, übrigens die einzige Strecke die bis zum heutigen Tag jedes Jahr ein WM-Rennen ausgerichtet hat, wurde Hinton sogar der erste Australier, der ein WM-Siegerpodest besteigen durfte, er war Dritter geworden. 1951 wurde dann sein Schicksalsjahr. Bei der TT auf der Isle of Man hatte er von Moto-Guzzi das Angebot erhalten, den verletzten Maurice Cann auf der Werksmaschine zu vertreten. Seine gefahrenen Trainingszeiten ließen schon den TT-Sieger der Viertelliterklasse erahnen. Doch vorher war da noch die Junior-TT zu fahren. In der dritten Runde, an zweiter Stelle liegend, hinter Duke, aber vor Lockett, kam er zu Sturz. Er wurde zwar noch in eine Klinik nach Liverpool geflogen, aber der Unfall beendete seine inernationale Karriere. Zwar fuhr er noch einige Rennen in Australien, bis dann 1955 endgültig Schluß war. Inzwischen hatten auch die beiden Söhne von Harry Hinton, Harry,junior und Eric Freude an der Rennerei gefunden. Sie reisten mit der "Rennsportkarawane" kreuz und quer durch Europa, gelegentlich mit Betreuung ihres Herrn Vaters. Leider neigte sich die Werksbeteiligung auf Grund wirtschaftlicher Umstände dem Ende entgegen. Nur wenige Werksfahrerplätze waren noch zu vergeben. Sie teilten damit das Schicksal der meisten "Racer" jener Tage. Die Hinton-Brüder gehörten zwar zu den erfolgreicheren Fahrern und hatten dadurch viele Startmöglichkeiten bei kleineren Veranstaltungen, alleine der ganz große Durchbruch mit eventuellen Werkseinsätzen blieb, aus schon angesprochen Gründen, ihnen versagt. Um überleben zu können bestritt man bei manchen Veranstaltungen 3 Rennen an einem Tag. So startete Eric Hinton zum Beispiel beim internationalen Sachsenringrennen 1958 in drei Klassen. Die gefahrene Renndistanz gesamt betrug über 340 Kilometer, mit beachtlichen Erfolg. In der Viertelliterklasse erfuhr er sich Rang 5 mit einer Sportmax, die 350er beendete er auf dem Podest als Dritter und in der Halbliterklasse gelang ihm erneut ein Podestplatz, wiederum als Dritter vor Bruder Harry. Wenn das keine Schwerstarbeit war...

Leider ereilte am 27.04.1959 Harry junior im italienischen Imola das Rennfahrerschicksal. Bruder Eric setzte seine Karriere noch bis etwa mitte der sechziger Jahre fort. Eric´s Söhne Peter und Tony waren Australische Meister geworden, ohne Ambitionen außerhalb des Kontinents zu haben.

© Fotos: Keith Bryen, Günter Geyler, Helmut Ohner




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