Wenn Sie sich etwas mit der Geschichte der Motorradweltmeisterschaft befassen, ist es Ihnen vielleicht auch schon so gegangen wie mir und haben sich die Frage gestellt, warum gerade Fahrer von "weit her", sprich Rhodesien, Südafrika, Australien und Neuseeland, überproportional zur Einwohnerzahl an den Erfolgen in der WM beteiligt sind, respektive viele Glanzlichter gesetzt haben. Eine stichhaltige Erklärung dafür habe ich bis zum heutigen Tag nicht gefunden. Genau so wenig fand ich eine Erklärung dafür, warum gerade diese Fahrer, nicht nur bei mir, einen auch menschlich sehr nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Einer der exakt in dieses "Schema" passt ist der am 22.April 1933 geborene Neuseeländer

John Hempleman

Startvorbereitungen John war dem deutschen Publikum schon mitte Juni 1959 beim WM-Lauf in Hockenheim aufgefallen, als er mit jeweils zwei fünften Plätzen in den beiden großen Klassen zu glänzen verstand.
Eine Woche danach gab er beim Schleizer Dreieckrennen sein Debüt, als er im Kreis der Privatfahrerelite in der 350 cc Klasse den dritten Platz belegte und das Halbliterrennen gewann.
Viele Sachsenringfans durften sich freuen, denn er war auch auf dem Sachsenring Ende August als Starter avisiert und dort hatte ich Gelegenheit, den symphatischen Neuseeländer aus der Nähe zu sehen, während ich ihn in Schleiz schon von der Strecke aus beobachten konnte.
In nunmehr über 50 Jahren Rennbesuche hatte ich oft das Glück und durfte meine "Helden" aus etwas näherer Distanz bewundern und es ist nicht übertrieben wenn ich an dieser Stelle einmal die Feststellung treffe, John Hempleman gehörte während dieser Zeitspanne in meiner persönlichen Rangliste, die Symphatiewerte betreffend, ganz sicher in die "Top-Ten", wie man so schön auf Neudeutsch sagt. Er passte einfach in mein Bild, welches ich mir von einem erfolgreichen Rennfahrer machte: sportlich von hoher Qualität und menschlich gegenüber seinen Bewunderern allzeit nett und freundlich, selbst wenn man ihm ohne es selber zu merken manchmal vielleicht "auf den berühmten Wecker" gehen sollte, Erinnerungsfoto
mit Johnwie beim Foto rechts, als er sich gerne für ein Erinnerungsfoto mit dem Autor dieser Zeilen zur Verfügung stellte. Bei dem Neuseeländer durfte man sich jedenfalls immer dieses berühmten "Welcome-Gefühls" erfreuen.
Natürlich hatte John auch sportlich am Sachsenring etwas zu bieten. Er war nach den Trainings in den beiden großen Klassen jeweils der Zweitschnellste, aber als Schleiz-Besucher durfte man von ihm eine solche Leistung ja fast schon erwarten - so vermessen können Fans eben sein.
Um es kurz zu machen, gleich das Auftakt-Rennen der Klasse bis 350 cc gewann der Neuseeländer, auch wenn er und die nachfolgenden Fahrer vom Ausfall des tschechischen Jawa-Werksfahrers Franta Stastny in der drittletzten Runde , der zu der Zeit geführt hatte, profitierte. Er besiegte dabei den Australier Bob Brown und Gary Hocking - der sich dann aber noch zwei Siege einfuhr und später dann für MV Weltmeister geworden war. Auch die späteren Honda-Weltmeister Jim Redman als Fünfter und Tom Phillis als Siebenter hatten in dem Rennen keine Chance gegen den Neuseeländer.

Keine Frage, als Drittplatzierter beim Rennen der Halbliterklasse, hinter Hocking und Redmann, bot John Hempleman eine gleiche Glanzvorstellung wie bei seiner Siegesfahrt (rechts) im 350 cc Lauf, respektive das Foto im Siegerauto unten.
Neuseeland
Team bei der TTDank seiner glanzvollen Leistungen vertrat John Hempleman auch das Team - Neuseeland im Kampf um den Teampreis bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man. Im linken Bild sehen wir John mit seinen Teamkollegen John D. Anderson (nicht zu verwechseln mit Hugh Anderson) und Noel McCutcheon.
Selbstverständlich, nach der so erfolgreichen Saison 1959 konnte man "höheren Ortes" John Hempleman nicht mehr übersehen. Er erhielt einige Angebote so genannter Händler-Teams aus England. Den Fahrern wurde dabei das Maschinenmaterial kostenfrei zur Verfügung gestellt, aber er hatte sich dabei, was die Starts betraf, den Wünschen der Händler zu fügen. Dafür war John Hempleman allerdings nicht zu begeistern. Er wollte gerne ein echter Werksfahrer sein, oder aber ein völlig unabhängiger Privatfahrer bleiben und seine Entscheidungen selber treffen.
Hempleman
auf der MZWalter Kaaden, Teamchef bei MZ, suchte nach dem Wechsel von Hocking zu MV-Agusta einen adäquaten Ersatz für den großartigen Rhodesier für die Saison 1960. Es überraschte kaum, daß dabei die Wahl Kaadens auf John Hempleman gefallen war. Immerhin sagte man Walter Kaaden neben seinen exzellenten technischen Fähigkeiten auch einen Blick für Talente nach. Auch wenn man in der damaligen DDR generell unter chronischem Devisenmangel gelitten hat, konnte man sich offenbar mit John Hempleman einigen. Der Neuseeländer war nun das was er sich wünschte, nämlich ein echter Werksfahrer, und ihm wurde als "Zubrot" gestattet, weiterhin seine Nortons einzusetzen.
Wie nicht anders zu erwarten, konnte der Neuseeländer dabei 1960 einige Glanzlichter setzen. Am Sachsenring für MZ nur in der Viertelliterklasse am Start (Foto rechts), gelang es ihm in der letzten Kurve den damaligen MZ-Star Ernst Degner noch zu überholen und als Sieger das Rennen zu beenden. Da er auch noch das Halbliterrennen auf seiner privaten Norton gewann und in der 350 cc Klasse hinter Jim Redman sich als Zweiter platzierte, dürfte er mit dem Sachsenring vom Jahrgang 1960 ebenso zufrieden gewesen sein wie beim Sachsenring des Jahrgangs 1959 - siehe Bericht oben. Auch beim Schleizer Dreieckrennen 1960 konnte er überzeugen, als er sowohl das Rennen der 350 cc Klasse als auch das der 500 cc Klasse gewann, jeweils vor zwei deutschen Fahrern - Karl Hoppe mit seiner AJS in der 350 cc Klasse und Ernst Hiller in der 500 cc Klasse mit der BMW RS. Beide darf man getrost zur damaligen internationalen Privatfahrerelite zählen.Hempleman
vor Redman Auf dem linken Foto führt John Hempleman am Sachsenring 1960 im Rennen der Halbliterklasse, was er ja dann auch gewann.
Auch als Werksfahrer für MZ erfüllte er treu seine Pflicht. So schirmte er beim WM-Rennen in Spa den siegenden Ernst Degner in der Achtelliterklasse erfolgreich gegen den späteren Weltmeister Carlo Ubbiali ab, mit 2/10 Sekunden Vorsprung. Dabei hatte das hochkarätige MV-Agusta Trio mit Ubbiali, Spaggiari und Hocking das Nachsehen. Schon auf der TT hatte er sich in der Achtelliterklasse hinter den drei MV-Agusta Werksrennern von Ubbiali, Hocking und Taveri als bester MZ-Pilot klassiert.
Dann, am 12.November 1960 traf John Hempleman die für ihn wichtigste und sicherlich auch richtigste Entscheidung. In der Frage, seine Beth zu ehelichen und die Rennkombi an den berühmten Nagel zu hängen, oder die Karriere vielleicht doch noch fortzusetzen mit den dabei folgenden Konsequenzen... entschied er sich richtigerweise für die Hochzeit und erfreut sich dabei noch immer bester Gesundheit. Viele seiner Konkurrenten von damals, die in meinem Bericht erwähnt wurden, sind leider nicht mehr am Leben...

Bob Brown, Australien - John Hempleman, Neuseeland - Gary Hocking, Rhodesien
In diesen Tagen kam mir ein Bericht von Jürgen Walther, erschienen im April 2001 in der "Ostthüringer Zeitung" in Schleiz, in die Hände. In dem Bericht erzählt ein ehemaliger Schleizer und jetzt in Rielasingen lebender Einwohner, Horst Günther, wie er und seine Frau bei ihrer Neuseelandreise John Hempleman besucht hatten und lobten dessen große Gastfreundschaft. Mir ging das beim lesen dieser Zeilen wie Balsam runter. Wieder einmal hatte ich mich, und nicht nur ich, bei der Einschätzung eines Menschen nicht getäuscht. Dieser erwähnte Zeitungsbericht und das bevorstehende 80-jährige Jubiläum des Sachsenrings brachten mich dann letztlich auch dazu, diesen Bericht über einen der "Großen" am Sachsenring nieder zu schreiben. Es sollte eigentlich für alle Sachsenringfreunde eine Ehre sein, zu einem solchen Jubiläum einen so tollen Fahrer und Sachsenringsieger, sowie symphatischen Menschen begrüßen zu dürfen. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Zum Abschluß noch etwas für die Leser bzw. Medien, deren Hauptinteresse nicht dem Motorradrennsport gilt. John Hempleman verbinden nicht nur seine Rennerfolge und die Zeit als MZ-Werksfahrer mit Deutschland; einer seiner Vorfahren war der 1799 in Hamburg-Altona geborene Georg Hempelmann. Mit seinem Schiff "Mary Ann" ging er auf Walfang und kam dabei auch in die Gewässer um Neuseeland. Das Land hatte es ihm offenbar angetan - er blieb dort. 1889 verstarb er als Georg Hempleman in Wellington. An der Uferpromenade von Akaroa erinnern noch heute drei große Waltranpötte an den ersten deutschen Einwanderer von Neuseeland.
Fotos: der Autor und Günter Geyler - Text: "Ostthüringer Zeitung", Herr Walther und Herr Günther aus Rielasingen
John Hempleman und seine WM-Resultate innerhalb der Punkteränge
Rang Jahr Marke Klasse seine WM - Resultate
8 1959 Norton 350 cc Hockenheimring (D) 5. - Dundrod (UL) 6. - Monza (I) 4.
10 1959 Norton 500 cc Hockenheimring (D) 5. - Monza (I) 5.
5 1960 MZ 125 cc Mountain-Kurs (TT) 4. - Spa-Francorchamps (B) 2. - Dundrod (UL) 6.
11 1960 MZ 250 cc Assen (NL) 4.
13 1960 Norton 350 cc Assen (NL) 6.
13 1960 Norton 500 cc Solitude (D) 5.



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