JC Castella und seine BMW-Replica Bei meiner Absicht, einen kleinen Bericht über einen bekannten Seitenwagenrennfahrer aus der Schweiz zu schreiben ist mir eine Sache aufgefallen, die ich so noch nie bemerkt hatte.

Bekannt ist, daß die Schweiz zu allen Zeiten über erfolgreiche und exzellente Seitenwagenfahrer verfügte. Bekannt ist auch, daß viele Sidecarfahrer und ihre Passagiere - nicht nur in der Schweiz - vor, während und auch nach ihrer Karriere als Solofahrer auftraten, respektive sich ein "Zubrot" als Solofahrer verdienten.

Erstaunlich ist aber die Tatsache, daß es in der Seitenwagenszene nirgendwo so viele "Familienbetriebe" gegeben hat wie in der Schweiz. Das hatte bereits in der Vorkriegszeit angefangen, als die "Stärkle Brüder Ernst und Hans die Seitenwagenszene aufmischten. Letzterer hatte dabei sogar seine Ehefrau Cilly im "Boot". Auch die Mühlemann´s Hans und Marie waren nicht nur ein Ehepaar, sondern auch auf der Rennstrecke ein Gespannpaar. In die Kategorie "verwandtschaftliche Beziehung" passen auch die Brüder Ferdinand und René Aubert und auch das Ehepaar Claude und Marie-Laure Lambert, wobei Marie-Laure auf der Isle of Man bei einem Unfall ihr Leben lassen mußte. Aus der neueren Zeit sind da auch noch die Zurbrüggs, die Egloffs und die Wyssens zu nennen.

Über einen Fahrer, der mit seinem Bruder erfolgreich in der Seitenwagen-WM unterwegs war, soll hier ein wenig ausführlicher berichtet werden,

Jean-Claude Castella

JC und Albert Castella mit Siegerpokal Jean Claude hat seine rennsportliche Karriere als Solofahrer 1964 auf einer 250 cc 2-Zylinder Motosacoche begonnen. Auch sein Vater Paul war schon mit einer AJS 350 cc 7R im Rennsport aktiv gewesen. Man kann also sagen, Jean-Claude war praktisch mit dem Motorradbazillus vorbelastet.

Seine erfolgreichste Zeit begann 1966, als er mit Bruder Albert (Jean-Claude und Albert auf dem linken Foto) und einer BMW R 50 zu den Sidecars wechselte. Zahlreiche Erfolge, zum Beispiel beim Bergrennen am Monte Generoso, in Chatel St. Denis und beim Rundstreckenrennen in Hockenheim brachten den Castellas für 1967 die internationale Lizenz. Auf dieser nun internationalen Ebene war er mit seiner BMW R 50 natürlich nicht mehr konkurrenzfähig. So erwarb er eine der bekannt schnellen Maschinen von Florian Camathias. Diese Investition sollte sich bereits in seinem ersten internationalen Jahr auszahlen. Siege in Bourg en Bresse, Aix les Bains und Chatel St. Denis attestierten den Schweizern, ihr Durchbruch zur internationalen Klasse war gelungen. Beim Grand Prix in Clermont Ferrand verpasste Jean-Claude mit einem siebenten Platz nur knapp seinen ersten WM-Punkt und zusätzlich wurden die Castellas auch noch Vizechampion der Schweiz, hinter dem erfahrenen Hans-Peter Hubacher mit Beifahrer John Blum. Jean Claude und Albert Castella Die Saison 1968 begann zwar mit einem Ausfall beim Interrennen im englischen Mallory-Park, endete dafür mit einem Sieg im spanischen Saragossa. Dazwischen lagen viele weitere exzellente Platzierungen. Sowohl im holländischen Assen als auch im belgischen Spa-Francorchamps erzielten sie jeweils einen WM-Punkt. Dazu muß man wissen, dass es bis einschließlich 1968 nur für die ersten sechs Fahrer WM-Punkte gegeben hat. Selbst der 15. Platz auf der Isle of Man verdient höchste Anerkennung. Nach der heutigen Punktwertung hätte dies ja sogar noch einen WM-Punkt bedeutet. Insider der Szene meinen, dass bei einem ersten Besuch auf der Insel mit einer Rundenlänge von über 60 Kilometer und einem Starterfeld von mehr als 50 Teilnehmern ein solcher 15. Platz eigentlich mehr Aussagekraft über das Können eines Gespannpaares hat als ein "normaler" Platz innerhalb der Punkteränge.

1969 war dann wohl das Jahr des endgültigen Durchbruchs in die Weltspitze. Es war auch das Jahr, in dem man nunmehr für die besten zehn Fahrer der WM-Läufe Punkte vergeben hat. In der WM-Endabrechnung kam ein 9. Rang heraus, allerdings diesmal mit einem Ausfall auf der Isle of Man. Beim Handicap-Rennen in Brands Hatch kam als schlechtestes Ergebnis noch ein guter 11. Platz heraus. Wenn man weiß wie bei solchen Handicaps "gehauen und gestochen" wird ist sogar dieser 11. Platz noch aller Ehren wert. Der vierte Platz beim "normalen" Lauf spricht ja dann auch für die getroffene Aussage betreffend die Handicaps. In den bisherigen drei Rennjahren auf internationaler Ebene war es für Jean-Claude und seinen Bruder Albert stetig aufwärts gegangen.

Die Frage konnte also für das Jahr 1970 nur lauten: kann es so weitergehen? Die Antwort auf diese Frage sei schon jetzt gegeben - es konnte.

An dieser Stelle muß ich noch eine Querverbindung in das Jahr 1969 einfügen. In genannter Saison hatte ein Deutscher, Franz Linnarz, in der Gespannszene für Aufmerksamkeit gesorgt. Auf Anhieb gelang dem Deutschen in der WM ein hervorragender 4. WM-Rang. Den Motor für das Gespann hatte das BMW-Urgestein Gustl Lachermeier "in den Händen gehabt". Durch den tragischen Unfall von Franz Linnarz zum Saisonausklang, bei dem sein Beifahrer Rudolf Kühnemund tödlich verunglückte, beendete Franz Linnarz seine Rennkarriere.

Diesen sehr schnellen "Lachermeier-Motor" erwarben nun die Castellas. Man war damit bei den Castellas inzwischen so weit fortgeschritten, dass Podiumsplätze nicht mehr in das Reich der Fabel gehörten. Und so kam es dann auch. Auf den Ardennen-Kurs im belgischen Spa - Francorchamps bestieg man erstmals bei einem WM - Lauf das Siegerpodest, geschlagen nur vom "alten Haudegen" Arsenius Butscher, der im Beiwagen von Sepp Huber unterstützt wurde. Jener Sepp Huber, der dann mit Rolf Steinhausen zweifacher Weltmeister wurde. Offenbar hatten Jean-Claude und Bruder Albert Freude an Podestplätzen gefunden, denn zum abschließenden Lauf beim Ulster Grand Prix bestieg das Bruderpaar erneut das Podest, diesmal als Dritter. Ganz oben auf dem Podest standen Klaus Enders und Ralf Engelhardt. Enders hatte soeben seinen fünften Saisonsieg eingefahren und damit seinen dritten WM - Titel errungen. Zweitplatzierter des Rennens war Sigfried Schauzu geworden, welcher sich damit in der WM - Wertung 1970 auf Rang fünf hievte. Mit Rang 5 in der Weltmeisterschaft des Jahres 1970 brauchten sich die Schweizer Geschwister nun auch nicht zu verstecken. Jean Claude und Albert Castella Eine großartige Leistung der Geschwister Castella soll an dieser Stelle noch extra hervorgehoben werden. Das war ihr vierter Platz bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man (Foto oben - das Foto stammt allerdings aus dem Jahr 1971, in dem sie ausgefallen sind).

1971 zeigte dann, je näher man der Spitze kam, desto schwieriger wurde die Gesamtsituation. Schon 1970 hatte gezeigt, welcher immense Aufwand dazu gehört, unter die top-five der Weltelite zu kommen. Sich dann aber dort auch zu halten war mindestens gleich schwierig, wenn nicht noch schwieriger. Ein dritter Platz im finnischen Imatra war dann auch der einzige Podestplatz des Jahres. Auf grund vieler guter weiterer Platzierungen reichte es in der WM - Endtabelle nochmals für einen vorzüglichen siebten Schlußrang. Es stand aber auch fest: dies war das letzte Jahr der Sidecarkarriere der Castellas.

Um das Thema so abzurunden - "Familienbetriebe" - wie ich es begonnen habe, möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen, daß Jean-Claude sein letztes Sidecarrennen am 3. Oktober 1971 gefahren hat. Nicht mit Bruder Albert im Beiwagen, sondern mit Armand Beyeler. Das Motto für diesen Bericht lautete ja "Familienbetriebe" und sein letzter Beifahrer war der Ehemann seiner Schwester, sein Schwager also. Damit blieb die letzte Fahrt von Jean-Claude erneut eine Familienangelegenheit. Besagter Armand Beyeler war natürlich auch kein "heuriger Hase", wie man so schön sagt, sondern er hatte schon Erfahrung im Seitenwagen, war er doch als Passagier von Henry Churchod 1962 und 1963 Schweizer Meister geworden.
Jean Claude Castella jetzt Nach seiner Seitenwagenkarriere nahm Jean-Claude 1972 mit einer 500 cc 2-Zylinder Honda noch an verschiedenen Langstreckenrennen teil. So belegte er bei den "6 Stunden von Rouen" den 2. Platz. Beim 24-Stundenrennen in Zolder wurde er in seiner Kategorie ebenfalls Zweiter und in der Gesamtwertung Sechster. Beim Bol d´Or und in Mettet ist er jeweils ausgefallen.
Mit welcher Präzision Jean Claude in seiner Sidecarlaufbahn zu werke ging zeigt die Tatsache, daß er bei insgesamt 93 Starts zwischen 1966 und 1971 nur 5 (fünf) Ausfälle hatte - RESPEKT !!!
Im linken Foto sieht man Jean Claude bei einer Classic-Veranstaltung 2010 im französischen Dijon (der Feuerlöscher im Hintergrund erscheint unnütz, denn sein Feuer möge noch sehr lange brennen) und im Foto unten zusammen mit seinem Freund Claude Lambert.

Im Bild ganz oben sehen wir Jean - Claude beim Bau seiner "Castella - Replica".
Ein ganz tragisches Ende nahm Albert Castella. Als er von einem ambulanten Arztbesuch kam wurde er von einem Auto erfasst und kam zu tode.


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alle Bilder wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von JC Castella, Claude Lambert und Frank Bischoff